Reden und Schweigen in der Informationsgesellschaft

Putins Rede auf dem Waldai-Forum ist bedeutend. Der russische Präsident erläutert mit eindeutigen und zugleich differenzierenden Worten, dass die Weltgestaltungsstrategie der USA und ihrer Gefolgsmächte verderbliche Folgen und immer weiter wachsende Gefahren für die Menschheit mit sich bringt. Putin lässt erkennnen, dass bedeutende und aufstrebende Mächte der Welt, im Kern Russland und China, gegen die westlichen Weltordnungsanstrengungen Stellung beziehen und auf eine Vision der Regionalisierung und des Interessenausgleichs setzen. Das muss nicht, so Putin, zu unlösbaren Konflikten führen, jedoch wird man, wenn dazu gezwungen, Konflikte austragen.

Diese Gedanken bringt Putin mit einem anschaulichen Vergleich auf den Punkt:

Zu Putins inhaltsreichen Rede wäre viel mehr zu sagen, doch darum geht es mir jetzt nicht. Mir geht es darum, festzuhalten, dass selbst in heutiger Zeit, in der dank Internet manche Informationsblockaden bröckeln, dass selbst in dieser Zeit die deutschen Oligarchenmedien + die sog. Öffentlich-Rechtlichen alles tun, die Kenntnisnahme der Rede zu verhindern. Die Rede ist inzwischen zugänglich, sowohl schriftlich ins Deutsche übersetzt (verdienstvoll seit 25. Oktober!), als auch in deutsch vertonten oder untertitelten Videos. Nach den Zugriffszahlen zu urteilen, wurde sie bereits von weit über hunderttausend Menschen zur Kenntnis genommen. Das ist schön, doch bleibt festzuhalten, dass diese Zahl bei weniger als 1% der bundesdeutschen Wahlbürger liegt.

Auf der anderen Seite garantieren die „Informationsmedien“, dass Abermillionen uninformiert bleiben – 99% der Deutschen! Dazu braucht es weder Zensur noch Verbote. Die Mediengewalt der Mächtigen funktioniert zwar nicht mehr zu 100% aber immer noch mit massiver Durchschlagskraft. Ab welchem Grad der Marktbeherrschung spricht man von einem Monopol? Ist der gepriesene Rechtsstaat BRD, soweit es um Putinfeindschaft geht (oder auch nur Putinverschweigen) eine meinungsmonopolistische Diktatur? In Zeiten exzessiven 25. Jahrestagsgedenkens sei daran erinnert, dass die „kommunistische SED-Diktatur“ zu keiner Zeit ihr Volk einer ähnlich totalen Medienmacht auszusetzen vermochte.

Das Eine ist es, politische Statements nicht genehmer Art zu verschweigen, das Andere, die Statements der eigenen Seite effektiv zu verbreiten; sei es, sie mit den „richtigen Leuten“ zu beraten (nicht zuletzt unter Einbeziehung der „jungen Eliten“), sei es, sie Interessierten in Breite zur Verfügung zu stellen. So etwa verfährt die Körber-Stiftung seit 11.11. (sicher zufällig zu Beginn der Narrenzeit) mit ihrem „4. Berliner Forum Außenpolitik“. Die Reden, Interviews und Podiumsgespräche sind als Videos abrufbar. Wer Zeit und Lust hat, kann sich wohl acht Stunden der Informationsflut aussetzen. Ich habe das für die Podiumsdiskussion „Geopolitische Herausforderungen in Osteuropa“ auf mich genommen – zwei Stunden angefüllt mit einem Gemisch aus Desinformation, Kriegshetze, interessanten taktisch-strategischen Erwägungen und viel, viel Heuchelei.

Lehrreich sind solche Präsentationen allemal auch wenn sie nur eingeschränkt als Informationsquelle gelten können. Lehrreich ist es, Herrn Ischinger sein Konzept der „strategischen Geduld“ (unter ausdrücklichem Verweis auf den deutsch-deutschen Vertrag von 1972) erläutern zu hören, arrogant-dümmliche Statements des Norbert Roettgen zu verfolgen, einen Russen der Moskauer „Europafraktion“ zu beobachten oder sich von der unverhüllten Scharfmacherei des amerikanisch-zionistischen Vertreters von „freedom house“, NGO (!! Hohngelächter !!) aus Washington D.C., beeindrucken zu lassen. Ja, Denkfutter gibt es für Jemanden, der analytisch-kritisch und nicht ganz ohne politische Erfahrung verfolgt, wie Machtausübung im gegenwärtigen Imperialismus funktioniert. Objektive Information aber, wenigstens annähernd objektive, zu den politischen Widersprüchen der Gegenwart und absehbaren Zukunft (zur gegenwärtigen „Komplexität“, wie man gern verhüllend sagt) ist eher nicht zu holen. Es ist zu viel Verschweigen in diesen Reden „aus dem Fenster hinaus“. Wohl uns, wenn sich eine Internetseite findet, die mit Kompetenz und Ausdauer dergleichen Aktivitäten analysiert und ihre Ergebnisse öffentlich zur Verfügung stellt.

Es gibt noch viel mehr Verschweigen in diesem unserem „modernen westlichen Leben“ als sich an einzelnen Reden oder Konferenzen festmachen lässt. Eisern beschwiegen werden die Grundlagen von allem. Warum muss ich, um aktuelle außenpolitische Diskussionen zu verfolgen auf die Gnade eines viele hundert Millionen schweren Kapitalisten zurückgreifen, dem es beliebte, eine Institution zu gründen, die mir seine Philosophie ins Ohr bläst? Weil das die „natürlichen Fundamente“ unseres freiheitlichen Lebens sind? Der nächste Milliardär setzt „freedom house“ in Szene, und wieder werde ich, statt mit das Denken öffnender Information mit Ausscheidungen des GGG, des Ganz Großen Geldes, zugesch…, zugeschäumt.

Der Krebsschaden unserer Gesellschaft ist die absolute Macht des GGG. Diese Macht wird selbst von scharfen Kritikern des Systems kaum thematisiert. Darum ist sie immer noch außerhalb jeglicher Gefahr. Oder – etwas präziser gesagt – ihre einzige Gefährdung zur Zeit ist sie sich selbst.

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Eine Antwort zu Reden und Schweigen in der Informationsgesellschaft

  1. Pingback: Verliert “Mutti” die Geduld ? | opablog

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