Wählereien

In den Kernstaaten der westlichen Welt weiß man es ganz genau: Es wird solange gewählt, bis Demokratie „hinten rauskommt“ (Ausdrucksweise Kohl). Beispielhaft wurde das vor Jahren exerziert bei einigen Volksabstimmungen zum EU-Vertrag. In jüngerer Zeit haben „demokratische Wahlen“ in Libyen, Irak oder Afghanistan die dortigen Demokratien offenbar mit Siebenmeilenstiefeln vorangebracht.

Als überzeugt gewordener Nichtwähler bin ich immer wieder verwundert, dass immer noch viele Leute Hoffnungen setzen auf eine Prozedur, die bis in die Sprachdetails hinein Misstrauen wecken muss. So, wenn die Leut‘, die vielen kleinen Souveräns, ihre Stimme ABGEBEN, wenn sie, nach dieser einmalig-erhebenden Aktion nun jahrelang VERTRETEN werden. In den „Demokratien“ des 19. Jahrhunderts, damals als das Telefon eine Weltneuheit war, mag das persönliche Wählen ja eine Errungenschaft gewesen sein. Aber heute? Heute, wo man jede Socke online kaufen kann, wo über irgendwelche Contest-SängerInnen europaweit in Echtzeit abgestimmt wird, heute wird jede direkte und maßgebliche Äußerung des „Souveräns“ unterbunden. In versteinerte Wahlprozeduren wird er gezwungen. Aber er darf sogar – Hört! Hört! – Petitionen (Bittgesuche!) an seine (Ver)Treter richten.

Die Hohe Schule des demokratischen Wählens wird z. Z. ukrainisch buchstabiert. Bisher wählte man dort demokratisch mal diesen Oligarchen, mal jene Oligarchin, mit einem Normalmass von Schummelei auf allen Seiten. Dann empörte sich die Volksseele (wie es uns die Faschistenversteher erläutern) und – huschputsch – war der gewählte Präsident davongejagt. Die Demokratienobelpreisträger der „freien Welt“ applaudierten entzückt. Endlich waren Terroristen am Drücker (das ist wörtlich zu verstehen) und erteilten als Wahlhelfer einige Lektionen, die (zumindest den Überlebenden) unvergesslich waren. Der Wahlzirkus rannte los, wie der Hase in der Fabel aber der Stachel-Igel Terror und bald auch Krieg war immer schon da.

„Aber Terror und Krieg das gültet nicht!“ sagt der wahlbeobachtende deutsche demokratische Michel. Er weiss, wie es richtig geht, hat er doch gerade in grundstürzender Radikalität die FDP aus dem Bundestag gehievt. Eine Kiewer Putschregierung, die sich auf die Stimmen von etwa 25% der ukrainischen Bürger stützt, soll legitimiert sein, für 100% des Volkes zu entscheiden. Die Regierung eines antifaschistischen Landesteils aber, die sich auf 70 oder 80% ihrer Bürger stützt, soll nicht für diesen Landesteil sprechen dürfen?

Manche, für die westliche Demokratiespiele das Höchste sind, wollen uns Glauben machen, sie und nur sie setzen die Regeln der Demokratiekunst. Sie behaupten allen Ernstes, das Blut von mehr als 4000 getöteten Zivilisten des Donbass und dazu das freie Votum der Mehrzahl seiner Bürger seien nichts als leere Luft vor ihrem Richterstuhl.

Zu besichtigen ist eine Parallelwelt von Arroganz. Realitätsverlust hat Tradition in Deutschland. Wir leisten es uns ja auch, tagelang das Gesäusel eines Präsidenten zu kolportieren, den etwa 1200 Bonzen „wählten“, während wir zur gleichen Zeit die Grundsatzrede Putins ignorieren, eines Präsidenten, dem immerhin 45% der Russen ihre Stimme gegeben haben.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Blödmaschine, bloggen, Demokratie, Faschismus alt neu, Krieg, Krise, Machtmedien, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wählereien

  1. Wolfgang schreibt:

    Hab gerade die Grundsatzrede von Putin gelesen. Danke für den Verweis.

  2. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Demokratie

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