„Macht ohne Herrschaft“ – ein erstaunliches Buch

Geschrieben wurde es von Georg Knepler und erschienen ist es 2004 im Kai Homilius Verlag. Wer Knepler war und was er geleistet hat, preise ich hier nicht. Er war immer loyal zur DDR, und das reicht heutzutage zum Vergessen.

Seine zweibändige „Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts“, erschienen 1961, war schon damals ein epochales Werk. Musik verstehen aus einem unorthodoxen historischen Materialismus heraus – so what!

Wie es die biografischen Zufälle wollen (meine eigenen), habe ich sein zweites großes Werk „Geschichte als Weg zum Musikverständnis. Zur Theorie, Methode und Geschichte der Musikgeschichtsschreibung“, Leipzig 1977, bis heute nicht zur Kenntnis genommen. Aber mir lief kürzlich sein o. g. Werk über den Weg  – „Macht ohne Herrschaft“ – und weil mit diesem Titel exakt ein Problem benannt wird, das mich sehr beschäftigt, habe ich mir das Buch jetzt gekauft. Knepler hat es nicht selbst vollendet, aber es war in einem Maße ausgearbeitet, dass sein Mitarbeiter Stefan Huth die Veröffentlichung wagen konnte.

Knepler hat im Alter von 85 Jahren mit diesem Werk angefangen!! Und er sagte, dass er damit seinen Beruf gewechselt habe. Die Musikgeschichte habe er hinter sich gelassen und sich der Universalgeschichte zugewandt. Und das in einer Art, wie ich meine, wie es sich wirklich nur ein überragender Gelehrter als Fazit eines langen Gelehrtenlebens erlauben kann.

Mich haben diese Informationen wie ein Blitzschlag getroffen. Das Alter von 75 Jahren im Blick, grüble ich seit Längerem, ob ich die Veröffentlichung meiner DDR-Tagebücher („tageundjahre.de“) fortsetzen (mit erneuerter Konzeption) oder abbrechen sollte. Und ich gebe es zu, dass ich im Hinblick aufs Alter, eher zum Aufgeben neigte. Das aber, dass einer mit 85 ein völlig neues Werk anfängt, hat mich komplett umgestimmt. Einiges ist noch zu bedenken aber sicher ist, dass „tageundjahre“ weitergehen wird und zwar mit viel mehr Konzentration und Aufwand (und wohl vor dem „opablog“ rangieren wird). Dazu bald mehr.

Das zweite Erstaunen löste mir Kneplers Umgang mit marxistischer Gesellschaftstheorie aus. Diese Souveränität, diese Unbekümmertheit beim Formulieren überfälliger Einsichten  sind im höchsten Maße anregend. Dabei ist es völlig unerheblich, ob jede seiner Thesen soweit begründet sind, dass er das „darf“. Auch darauf komme ich zurück.

Und schließlich wurde ich ein drittes Mal überrascht: Knepler erwähnt die Rolle der politischen Klubs in der französischen Revolution. Bekannt war mir natürlich der Jakobiner-Klub. Aber dass im ganzen Land sich hunderte solcher Klubs gebildet hatten, dass war mir eine neue Information. Ein Netzwerk politischer Klubs in der Revolution! Das ist historisch höchst interessant. Ist es etwa auch für die Jetztzeit interessant? Eine Frage, auf die ich unbedingt zurückkommen möchte.

Soweit meine Zwischenmeldung von einer (bei mir) Erstaunliches auslösenden Lektüre.

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9 Antworten zu „Macht ohne Herrschaft“ – ein erstaunliches Buch

  1. Wolfgang schreibt:

    Albrecht Müller hat doch solche „Klubs“ bundesweit iniziiert, über seine „Nachdenkseiten.de“ Aber „hunderte“ sind das sicherlich nicht.

    • kranich05 schreibt:

      Hallo,
      ich habe das auf Nachdenkseiten nicht verfolgt, doch es interessiert mich sehr. Vielleicht können Sie mir einige Links oder Suchbegriffe schicken, damit ich mich rationell informieren kann.
      Ich bin ja oft auf Montagsmahnwachen gewesen und verfolge z. T. auch die dortigen Diskussionen auf Facebook.
      Die Form Mahnwache finde ich gut, nicht so sehr aber den halb Kundgebungs- halb Eventcharakter. Ich könnte mir eine wöchentliche Mahnwache vorstellen, die etwa eine Stunde dauert; dabei ohne Redeprogramm, eher Sichtbares, Schautafeln oder so und der Versuch darüber mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Im Anschluß an die Mahnwachenstunde fände ich einen Gesprächskreis in günstiger Atmosphäre gut; regelmäßig, man lernt sich kennen, freier Austausch, der im besten Fall zu Kontakten und Ideen und Aktivitäten führt.

      • Lutz Lippke schreibt:

        Vielleicht sollten wir uns mal verabreden. Es kann ja bei der Mahnwache in Berlin sein und dann an einem warmen Ort weitergehen. Erstmal spontan mit denen, die sich hier oder vor Ort so finden. Allerdings bei mir momentan auch nicht ganz spontan, denn ich könnte erst ab dem 1.12.14 dabeisein.

        • kranich05 schreibt:

          Treffen und reden, das können wir gerne tun, am 1.12. Ich hatte allerdings, möchte ich gleich sagen, für die Zukunft etwas in meiner Nähe, also Oranienburg, im Auge. So etwas müßte dezentral und lebensfähig sein. Bisher habe ich noch keine Mitstreiter hier. Danke für die detaillierten Hinweise auf die Nachdenkseiten.

      • Lutz Lippke schreibt:

        Ich habe noch einmal bei den Nachdenkseiten recherchiert zu weiteren lockeren Initiativen der Vernetzung und des Medienbruchs. Bei den Nachdenkseiten gibt es unter dem „linken“ Link: Aufbau Gegenöffentlichkeit die Punkte Gesprächskreise, Aktionen und Zielgruppenbriefe. So ist unter letzterem Punkt zu erfahren, dass Lehrer für den Unterricht auf die Nachdenkseiten zurückgreifen.
        Unter http://www.nachdenkseiten.de/?page_id=3921 sind Gesprächskreise mit Angabe von Kontaktadressen angegeben.

  2. Wolfgang schreibt:

    Hallo opa, am besten ist es, die Seite von Dr.Albrecht Müller „nachdenkseiten.de“ anzuklicken. Hier erfährt man auch, in welcher Stadt/Region solche Regionalgruppen existieren. Ich selber kenne sie nicht lese aber täglich diese Seiten. Das sind wirklich Leute die Wissen, Kenntnisse und Erkenntnisse vermitteln und weiter tragen wollen. Bitte unbedingt lesen. Müller ist übrigens bekennender Sozialdemokrat – ein linker natürlich und einer mit Format!

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