Die Ersetzung der emanzipatorischen durch eine globalpolitische Perspektive

I

Wenn ich die Überschrift so formuliere, betrifft sie vielleicht nur ein persönliches Problem. Tatsächlich beobachte ich an mir (und weiß nicht, wie es anderen ergeht), dass ich mich während meiner realsozialistischen Lebensjahrzehnte ganz selbstverständlich in der Perspektive der Befreiung des Menschen gesehen habe. Das war, mit welchen erlebten Zweifeln auch immer, der Rahmen meines Denkens und Tuns. Die realsozialistischen Verhältnisse brachen zusammen und damit auch diese Art emanzipatorische Selbstgewissheit, der ich heute ein Gutteil Naivität und Oberflächlichkeit bis hin zu partiellem Selbstbetrug bescheinige.

Eine neue emanzipatorische Gewissheit und Überzeugung hat sich und habe ich mir seitdem nicht entwickelt. Was tun, in dieser Lage, wenn man nicht zu denen gehört, die alle damaligen Werte verleugnen und vergessen und die sich schneller als man blicken kann, zu neuen Werten bekennen? Ich neige dazu, teils unter dem Zwang der Tagesereignisse, teils auf Grund reiflicher persönlicher Überlegung, den Einsatz für Frieden als hohen bzw. führenden Lebenswert zu setzen. Klar, dass der, obwohl in seiner Art breiter und unspezifischer, mit dem Wert „Emanzipation“ eng verbunden ist.

Fast automatisch folgt daraus eine globalstrategische Sichtweise, denn die Basisfriedensaktivitäten sind marginal, wirkungsarm, oftmals fragwürdig. Was in heutiger Zeit tatsächlich (meine) Friedenhoffnungen tragen kann, ist das Wirken großer, durchaus realkapitalistischer Mächte, die sichtbar nicht eskalierend, sondern deeskalierend wirken, die sichtbar Kooperation anstatt Konfrontation suchen und beides mit Selbstbewußtsein/Entschiedenheit tun. Ich spreche von dem Russland Putins und weiteren Mächten.

Doch ich bleibe mir bewußt bzw. mache mir bewußt, dass ich damit meine ursprüngliche Problemstellung längst verlassen und durch eine deutlich andere ersetzt habe.

II

Eng verwandt mit dem bis hierher Gesagtem, wäre das Thema: „Die Ersetzung der emanzipatorischen durch eine machtpolitische Perspektive“. Dieses Thema verlangt die Selbstprüfung, inwieweit meine „realsozialistischen Jahre des guten Glaubens“ in Wahrheit längst nicht mehr emanzipatorisch waren bzw. eine Mischung von emanzipatorischen und emanzipationsfeindlichen Momenten darstellten. Ich denke, dass diese Problemstellung letztlich bis auf die Ersetzung der Leninschen durch die Stalinsche Politik zurückgeführt werden muss, ein Vorgang, der, obwohl immer einmal erwähnt, zu den am wenigsten untersuchten gesellschaftlichen Grundphänomenen gehört. Ob es nicht Parallelen zur Ersetzung der Jakobiner durch Napoleon gibt? Dass man bei der Erforschung dieser (vielleicht) gesellschaftlichen Fundamentalerscheinung nicht mit Personalisierungen weiterkommt, sollte klar sein.

III

Das Thema hält vielleicht noch eine weitere Variation bereit, vielleicht die ultimative: „Von den Perspektiven zum Verlust jeder Perspektive“.

Habe ich zunächst nur zur Kenntnis genommen, dass aus dem Untergang des Realsozialismus keine neue moderne Perspektive des Sozialismus („des 21. Jahrhunderts“) entsprungen ist, so erlebe ich gerade, wie die heutige Gesellschaft (nicht zuletzt die jungen Leute) trotz allem, was geschieht, anscheinend keine Perspektive des Friedenskampfes entwickeln will. Teils meint man, ohnehin nichts ändern zu können, teils meint man, lieber nichts ändern zu wollen. Es lebt sich – zwar schwer genug aber doch auch erträglich und nicht ohne Momente von Befriedigung und Vergnügen – in ausschließlicher Gegenwartsverpflichtung und -bewältigung. Sich um Perspektiven zu kümmern, scheint sowohl sinnlos zu sein, als auch bloßer Verlust von (Über-)Lebenskraft.

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Eine Antwort zu Die Ersetzung der emanzipatorischen durch eine globalpolitische Perspektive

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Weltpolitik rebloggt und kommentierte:
    Globalpolitische Perspektive

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