Die Meister der deutschen Kultur auf Kurs

Am 4. Oktober 1914 meldeten sie sich zu Wort, deutsche Geistesgrößen dutzendweise, zum Protest „gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten“. Sie behaupteten, dass Deutschland (Volk, Regierung, Kaiser) den Krieg nicht gewollt habe. Das sei „urkundlich erwiesen“. (Ich frage mich, welche Urkunden all die Herren eingesehen hatten.) Der Kaiser habe sich oft genug als „Schirmherr des Weltfriedens“ erwiesen.  / Usw. usf. in dem selben Brustton der Überzeugung, in dem sich hundert Jahre später Gauck gefällt. Weiter: „Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbstvernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.“ Auch das später beliebte Propagandamotiv, wie schwer es dem deutschen Helden fällt, notwendige Strafen zu vollziehen, wird bereits bemüht: „Es ist nicht wahr, daß unsere Truppen brutal gegen Löwen gewütet haben. An einer rasenden Einwohnerschaft, die sie im Quartier heimtückisch überfiel, haben sie durch Beschießung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung üben müssen.“ (Welch eine Perle des deutschen Humanismus! „schweren Herzens Vergeltung üben“) Zum Schluss ein stolzes Bekenntnis zum deutschen Militarismus: „Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt…. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins.“ via: lupo cattivo Viele der 93 Unterzeichner dieses Aufrufes (keine Frau unter ihnen) sind heute vergessen. Viele heute hoch geschätzte Namen fehlen (erfreulicherweise). Aber viele Namen dort stehen heute immer noch für „Leuchttürme von Bildung und Kultur“. Haben sie sich später damit auseinandergesetzt, welchen geistigen Müll sie ihren Mitbürgern vorgesetzt haben? Hat sich auch nur Einer gefragt, warum etwa Karl Kraus  zur gleichen Zeit von den „letzten Tagen der Menschheit“ sprach? Sind sie auf den Gedanken gekommen, dass auch die Meister des gebildeten Brimboriums Rechenschaft ablegen müssen? Oder pflegen sie unverwandt ihren sog. Elitendiskurs, den „der große Lümmel“ ehrfürchtig bestaunen darf? Bis heute.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Blödmaschine, Demokratie, Faschismus alt neu, kein Witz, Krieg, Kunst, Machtmedien, Mensch, Realkapitalismus abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Meister der deutschen Kultur auf Kurs

  1. Wolfgang schreibt:

    Danke für diesen Hinweis.

  2. Pingback: Tagesschau Propagandajauche – “Gegenaufruf” | opablog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s