erstmal abwarten

Dem Volk wurden wieder einmal Fragen gestellt. Das ist in Demokratien üblich (in Diktaturen steht das Volk Spalier). Wie hat das Volk geantwortet?

* Zu den Landtagswahlen in Brandenburg und Thüringen sind weniger Leute gegangen. Generell scheint es in den westlichen Demokratien eine zwar nicht rasante aber doch anhaltende Tendenz sinkender Wahlbeteiligung zu geben. Ich hoffe, dass das ein langsamer Prozess des Durchschauens der bürgerlich-parlamentarischen Machtrituale ist und Ausdruck einer allmählichen Distanzierung.

* Progressive Möglichkeiten für wirkliche Demokratie eröffnet ein solcher Prozess nur, wenn er NICHT mit Stimmenzuwächsen für sog. Populisten, „Volkstribunen“ aller Coleur, einhergeht. Das Volk hat wenig gelernt, wenn es sich von manchen Parteien der letzten Jahrzehnte ab- und neuen Maulaufreißern zuwendet. Die Stimmenzuwächse für eine AfD oder irgendeinen Ramelow sind Varianten des Immergleichen. Nutzloses Kreisen im  bekanntem hermetischen Raum, kein Aufbruch zu neuen Ufern.

* Trotzdem halte ich es für falsch, die wenig spektakulären Antworten dieser Landtagswahlen einfach als Ausdruck von Lahmheit, Desinteresse, „Verdrossenheit“ usw. abzutun. Das Volk hat weitere Antworten gegeben:

* Mit der „Großkundgebung“ des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde ihm eine Suggestivfrage gestellt, und es hat darauf eine Antwort gegeben, die unbefriedigend sein mag aber jedenfalls bemerkenswert ist. Das Bemerkenswerteste ist die Teilnehmerzahl. Gleichgültig, ob es 4000 waren (Polizei) oder 8000 (Veranstalter) – die „Elite“ der BRD blieb weitgehend unter sich. Das Volk hat die aufwendig beworbene Veranstaltung weitgehend ignoriert. Die Masse der deutschen Bürger gegen Fremdenhass und Rassismus aller Art hat sich nicht in diese Zweckveranstaltung von Politikern einbinden lassen, die systematisch mit Kriesverbrechern und Faschisten paktieren. Diese Aussage trifft auch auf die Masse der in Deutschland lebenden Juden zu.

* Dennoch ist meine Freude über den sichtbar gewordenen Widerstand gegen eine falsche, verlogene Mobilisierung gedämpft. Weil ich fürchte, dass damit zugleich eine notwendige Moblisierung gegen Rassismus in jeder Form behindert und geschwächt wird.

* Die Spaltung, die es derzeit zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung gibt, trat erneut und krass zu Tage. Erfreulicherweise betrifft das auch die Grenzen der Mobilisierungsmacht des Springer-Konzerns. Zweifellos werden die Meinungsmacher alles daran setzen, ihre Manipulationsmacht wiederzugewinnen.

* Nicht befriedigend ist, dass entschiedene, zielklare Aktionen des deutschen Volkes gegen die wachsende Kriegsgefahr bisher schwach sind. Viel zu Viele von uns leisten sich den Luxus des Abwartens, obwohl bereits „unser Schtetl brent“.

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7 Antworten zu erstmal abwarten

  1. Claudia Sckaer schreibt:

    Ob es wohl am Inhalt von Plenarprotokollen liegt und das Volk nicht seine Interessen vertreten sieht? Leider ist allzu häufig vor der Wahl nicht nach der Wahl, worin ein weiteres Problem liegt. Ist nur eine Frage, würde mich interessieren. Oder auch, wo Missstände nicht behoben werden lässt das Volk seine Stimme fehlen. Wenn das Volk außen vor bleibt, sich nicht tatsächlich einbringen kann fehlt es an der notwendigen Beteiligung und Transparenz.

  2. fritzletsch schreibt:

    Seit heute morgen prangt an unserer Haustüre in München ein Aufkleber „Gegen Antisemitismus“, der dieser bundesweiten Aktion entstammen dürfte, eine der Hausbesitzenden hat gute CSU-Kontakte.
    Die heutige münchner Montags-Mahnwache war wieder so Konsens-bemüht und lieb, dass ich nach einer Viertel Stunde sehr müden Herzens nach Hause radeln wollte:
    Nach streitigen Abenden mit Freunden, die noch verzweifelt an den gelernten Rechtsstaat glauben wollten und die NATO bis amerikanische Ölsucht bisher ausblenden, von Daniele Ganser „nie hörten“: Müde von einem Land mit so dummer „Intelligenz“ ….

    • kranich05 schreibt:

      Die geschilderten Gefühle sind mir wohlbekannt.
      Gut, dass es so viel Erfrischendes gibt: Garten, Hund (und Katze), Ostsee, Versorgung meiner sehr alten Freundin, Gedicht, Shanty, Morgenlicht, Mrs. Tapir, Schlehen ernten. Noch ‚was vergessen?

      • Nina schreibt:

        Ach ja die Ostsee, Meer des Friedens. Wie schön war das einmal.

        Was ist daraus geworden -inzwischen steht dort die schrecklichste Waffe der Welt-
        unsere Politiker schweigen, engagiere Bürger werden nicht gehört.
        Das Video auf Youtube kann Jeder der’s nicht glaubt anschauen.
        Einfach googlen: 12. Mahnwache Rostock
        (Redner ab Minute 1:14:30 und anderer Redner ab Minute 1:34:00)

    • Dian schreibt:

      „Müde von einem Land mit so dummer ‚Intelligenz‘ … “
      Ich danke für die Blumen und versuche sie zu erwidern:
      Müde kann man mit Recht nach getaner Arbeit, einer sonstigen Anstrengung oder aber auch durch Desillusionerung werden. Ich meine hier Letzteres vordergründig zu erkennen. Wir haben – allesamt – nicht die Fähigkeit, das Verhalten der anderen Menschen zu verändern, vielleicht – und mit etwas Glück – unser eigenes. Unsere Gedanken können unsere Gefühle, diese wie auch die ursächlichen Gedanken unser Verhalten beeinflussen und also verändern. Desillusionierung ist nicht der schlechteste Ansatzpunkt für eigene, bestenfalls selbstkritische Gedanken, die uns zu wünschenswert geeigneterem Verhalten oder auch mal zu veränderter Zielbestimmung verhelfen.
      Diese herbeigesehnten, „guten“ Gedanken haben bei mir oft eher kreisenden denn besser kreißenden Charakter. Den gewünschten bekommen sie durch Perspektivwechsel á la Opas Anregung und erst recht durch freundschaftlichen Austausch.
      Und ich verbinde dies mit der Hoffnung, dass mein, – durch mich – verändertes Verhalten einen klitzekleinen Einfluss auf die mich umgebenden Menschen in diesem Land mit so „durchschnittlicher“ Intelligenz und Herzensbildung hat – immer mehr.

      Toi, toi, toi Herr Letsch.

  3. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Großkundgebung in Berlin

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