Darsser Urwald

Ferien auf Fischland und Darβ habe ich vor 61 Jahren zum ersten Mal erlebt. Unsere Mutter war kurz vorher gestorben. Die begehrte Ferienunterkunft in Althagen, heute zu Ahrenshoop gehörend, die wir schließlich trotz der verstörend traurigen Situation benutzten, hatte uns Peter E. vermittelt. Der Hinstorff-Verleger Peter E., Freund meines Vaters, der auf meine kindlichen literarischen Versuche freundlich aufmunternd reagierte. Ein Literat bin ich nicht geworden aber von Peter E. habe ich erfahren, dass es eine Welt des Geistes gibt (auβerdem auch noch eine des mecklenburgischen Geistes) und dass der Tod nahe ist und dass man ihn nicht zu sehr fürchten sollte.

Bestimmerin in unserer kleinen Feriengruppe war meine „groβe“ Schwester, sie 19, junge Studentin, ich 13 Jahre alt.

Mein Körper wollte die Sexualität entdecken. Ich hatte keine Ahnung, wie das je zu bewerkstelligen wäre. Die anderen Bewohnerinnen unserer Ferienunterkunft, lebenslustige Sächsinnen, erzählten von „Kamerun“, weit draußen Richtung Weststrand. Dort würden alle nackt baden. Meine Schwester sagte unsicher: „Da gehen wir nicht hin.“ Verlegen stimmte ich zu: „Nee, da gehen wir nicht hin.“

In aller Frühe rannten wir immer die paar hundert Meter zum Strand zum Morgenbad. Weit und breit noch Niemand da; doch, 50, 60 m entfernt eine Frau in mittleren Jahren. Sie badet – ich traue meinen Augen nicht – splitternackt! Ich starre penetrant hinüber. (Meine Augen sind schon damals schlecht aber ich trage noch keine Brille.) Sie lächelt unbefangen herüber.

Lucie, die Berliner Kommilitonin meiner Schwester (die ich bewundere), besucht uns, bleibt einige Tage. Einmal machen Lucie und Schwester eine Fahrradtour in den „Darsser Urwald“. Zurückgekommen erzählen sie von Myriaden von Mücken. Von „Kamerun“erzählen sie nicht. Einmal, morgens beim Waschen, erblicke ich Lucies Brüste. Sie sind schön, braungebrannt und klein.

0Jahre später ein kurzer miβglückter Urlaub in Prerow. Ich auf dem mir endlos erscheinenden, lauten Prerower Campingplatz und in einer holprigen Beziehung gefangen. Keine Fahrräder, nur kurze Schnupperausflüge, nur ein Die-Fühler-Ausstrecken, in den Darsser Wald. Sehnsüchtig denke ich: „Hierrein möchte ich mich mal vergraben.“

Viele Jahre denke ich an den Darβ, besuche ihn aber nicht. Oftmals bin ich am schönen Küstenabschnitt, der Rosenort genannt wird, in der Rostocker Heide. Manchmal zusammen mit einem lieben Menschen, der die Freiheit der Ostsee empfindet, wie kaum ein anderer. (Und beide freuen wir uns über den Aufstieg des Sozialismus in unserer DDR, damals in den 70er Jahren.) Er ist früh gestorben und wie lange nun schon tot.

Im Darsser Urwald, glaube ich, kann man sich verstecken, man kann darin verschwinden, ja, man kann darin verlorengehen. Es kommt der Tag, an dem ich die Probe mache. Zusammen mit einer durchaus vorsichtigen Freundin, die aber für manche Verrücktheit zu haben ist. Es ist warmer Sommer (Doch auch der hat erstaunlich kalte Stunden.), und wir leben drei, vier Tage und Nächte fast ohne alles. Nur für Essen und Trinken ist gut gesorgt. Ich genieße es (Ich rede mir das fleiβig ein.), mit Land und Meer, mit dem Sand, den Bäumen, dem Licht eins zu werden. Meine Freundin genießt bald immer weniger. Sie holt sich eine schwere Erkältung. Am vierten Tag willige ich endlich ein, unser Experiment abzubrechen. Wir finden Platz in der Jugendherberge Ibenhorst. Welch unsagbare Wohltat ist eine warme Dusche, sind frische Brötchen, an einem richtigen Tisch gegessen.

Heute ist wieder Urlaub, und wir fahren mit den Rädern durch den Darsser Wald. Mit dabei ist zum ersten Mal „Inca“, unsere dreijährige Eurasierin. 20 oder 25 km am Tag trabt sie gern. Wir gleiten die Fahrradwege entlang, wie gewiegt über zahllose sanfte Bodenwellen. Es sind die Küstenlinien vergangener Jahrhunderte oder Jahrtausende.

Ich bin älter geworden. Schon lange nenne ich mich Opa. Den Darβ habe ich immer in Jahresabständen besucht – vielleicht bin ich zum letzten Mal hier. Andere werden davon erzählen, wie der Wind die Bäume erziehen will, wie der Wald lächelt, wie sich die Menschen am Weststrand lieben. In hundert Jahren noch.

Oder sie zünden doch ihre Atombomben, und eine verirrte explodiert über dem Darβ, und alles wird verschlungen sein.

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6 Antworten zu Darsser Urwald

  1. wolfgang schreibt:

    Schöne Erzählung, bis auf das „Ende“.

  2. Lutz Lippke schreibt:

    Mensch, da hat es uns mehr oder minder freiwillig in Geisterwelle über die Mauer nach Westen gespült, damit uns die Finanzhaie vollkommen nackig machen können. Dabei hatten wir doch den windigen Charme des Weststrands, nur wilde Natur und wir, freizügig und nackt. Mann, was hatten die uns damals bloß in die Kippen getan, dass zu übersehen?

  3. wolfgang schreibt:

    Der Weststrand war doch damals ebenso wenig nix Wert, wie Der Osten überhaupt. Bei der feindlichen Übernahme zählte Der Osten als Fläche und die Menschen als statistische Größe. Alles andere wurde platt gemacht. Bis auf weniges. Die Überzeugungstäter sitzen heute an der Spitze des Staates. Um in der Kippensprache zu bleiben; da muss eine Menge drinn gewesen sein. Es hat ja nichtmal zu einer versprochenen neunen, gemeinsamen Verfassung gereicht. Aber, es wurde ja viel versprochen. Genügsam, wie wir nun mal sind, hat uns dann das endlich richtige Auto oder Auto überhaupt, die ständige Banane, der gute Westkaffe,die Weite Welt gereicht – alles auf Pump, es merkt nur keiner. Naja.

    • Lutz Lippke schreibt:

      Ja ich gebe zu, letztlich auch korrumpiert worden zu sein. Den Weststrand habe ich erst nach Banane-Fahren und dem ganzen Gaudi wieder schätzen gelernt. Ein Berliner Künstler, der vor dem Mauerfall als iranischer Immigrant abwechselnd in Ost- und Westberlin lebte, sagte mit unbedarftem Lächeln im Interview: „Im Osten war außen alles grau, innen das Leben bunt. Im Westen war es außen bunt und innen grau.“
      Ich denke, er meinte das nicht (n)ostalgisch, sondern korrigierend. Weder war 89 das Ende der Geschichte (http://de.wikipedia.org/wiki/Ende_der_Geschichte), noch müssen wir es heute beklagen. Denn auf Pump nehmen wir nur von der Natur, solange sie es uns nicht abschließend vergällt. Diese Reichtumsblasen der kapitalen „Gläubiger“ sind trotz ihrer momentan realen Gefahr eigentlich imaginär. Fällt die Imagination in unseren Köpfen einmal wirklich zusammen, gibt es nur noch uns, die Resthalden der Macht und hoffentlich Liebe am Weststrand.

  4. Birgit schreibt:

    Ich bin im Westen aufgewachsen, stamme aber väterlicherseits von thüringischen Vorfahren ab, die in Weimar lebten und zu Beginn des 20. Jahrhunderts regelmäßig an der Ostsee Urlaub machten. Auf den Spuren meiner Vorfahren wandelnd, hat es mich mit meiner Familie auch in den Darß und an den Weststrand verschlagen.

    Ich habe den Urlaub in Weimar im Herbst letzten Jahres und den Urlaub im Frühjahr in Mecklenburg-Vorpommern sehr genossen und fühle mich im Osten mehr zu Hause als im Westen.

    Die sogenannte „Wiedervereinigung“ ist ein Verbrechen am gesamtdeutschen Volk, Wohlstand wird wenigen unter uns noch nur vorgegaukelt, während viele bereits an der Armutsgrenze leben.

    Menschen, die wie Sie noch Sinn für das Schöne und die Natur haben, und dies auch noch beeindruckend in Worte fassen können, sind in unserer geistig verarmten Gesellschaft selten geworden. Und von Gesellschaftskritik will eh keiner was wissen. Es ist ja schöner und bequemer, sich der Illusion hinzugeben, dass alles so sei, wie es nach außen den Anschein hat. Die Wahrheit will keiner wissen!

    Aber auch ich bemühe mich, sie dennoch zu verbreiten: http://www.kritischsein.de

    Beste Grüße und alles Gute für Sie, vor allem Gesundheit, denn ohne sie ist alles andere nichts!

    Birgit

  5. Bernd Nowack schreibt:

    Habe gestern erst erfahren, daß Erhard Großmanns Wandbild (1965) „Ein Sommertag“ durch Studien an der Ostsee entstand, ob Darß allerdings, ist mir nicht bekannt. Ich hatte immer angenommen, er hätte diese Studien an einem See in der Nähe Neubrandenburgs gemacht. 2011 wurde dieses Wandbild bewußt zerstört, da gewisse Bevölkerungskreise Stimmung dagegen gemacht hatten. Technisch gesehen hätte es durchaus gerettet werden können, das hätte natürlich ein paar Euro gekostet. Man wollte es aber nicht, da DDR-Kunst. Wer nicht weiß um was es geht, hier der Link, dann erspare ich mir eine Wiederholung. Auch ist es wichtig, das Bild zu sehen, was so großen Abscheu erregte (unfaßbar!):
    http://barrynoa.blogspot.de/2014/09/erhard-gromanns-bild-ein-sommertag-1974.html

    Wünsche Dr. Kurch noch ein paar Sommertage in seinem Darßurlaub, so hell wie auf dem Bild „Ein Sommertag“

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