Die zornige, bittere, berechtigte Anklage eines Russen gegen die Deutschen

Der folgende Text hat mich tief beschämt. Natürlich weiß ich als Marxist, dass es nicht „Die Deutschen“ gibt. Es gibt die ohnmächtigen Deutschen und diejenigen, die die Macht haben. Es gibt, das weiß der Leninist, eigentlich innerhalb jeder Nation zwei Nationen, die sich in Klassenfeindschaft gegenüberstehen. Doch ich bin Deutscher und habe keine Teflonhaut und kann, trotz meines Wissens, nicht alles an mir abgleiten lassen. 

Wie viel hatten wir doch in der DDR erreicht – an Wissen über den großen slawischen Nachbarn, an Verständnis für seine Eigenheiten, an Hochachtung! 

Wir hatten Grund zur Dankbarkeit, und Vielen war es bewußt.

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„Mein Name ist Jegor Proswirnin, ich bin Chefredakteur der russischen Seite sputnikipogrom.com, die europäische Werte predigt, und ich hörte, dass einer der wichtigsten europäischen (und vor allem deutschen) Werte die Geschichte sei. Wenn wir die neuere Geschichte betrachten, sehen wir eine gigantische Gruppe sowjetischer Streitkräfte, bestehend aus 300 000 Soldaten mit 5000 Panzern, 1500 Flugzeugen und 10 000 Geschützen (inklusive taktischer Atomwaffen), die ohne einen Schuss abzugeben aus dem soeben wiedervereinigten Deutschland abzog.

Dies war eine in ihrem Maßstab und ihren Fristen beispiellose Operation, während der ganze sowjetische Armeen sich buchstäblich in offenes Feld zurückzogen. Zehntausende sowjetischer Offiziere beugten sich dem Befehl der Führungsspitze und verließen warme Kasernen, um in zugeschneiten Feldern morsche Zelte zu bewohnen. Oft genug mitsamt ihren Familien.

Wieso?

Um der Hoffnung willen. Der Hoffnung, dass die dunklen Seiten der Geschichte unserer Länder für immer in der Vergangenheit geblieben sind. Der Hoffnung, dass wir nie wieder Panzerarmeen in Mitteleuropa postieren müssen, da Europa unsere Interessen berücksichtigt. Der Hoffnung, dass das wiedervereinigte Deutschland unser Freund und Verbündeter wird, der zusammen mit den Russen den Traum Charles de Gaulles von einem einigen Europa von Lissabon bis Wladiwostok erfüllt. Den aus Deutschland abziehenden Gardetruppen sagte man, dass Deutschland die Fehler seiner Vergangenheit erkannt und für diese gebüßt hätte, dass es nie wieder deutsche Stimmen geben wird, die nach Plagen für Russland rufen. Und deswegen bräuchten wir keine Gardepanzerarmeen mehr in der Mitte Europas.

Jetzt seien Russen und Deutsche Freunde, und Freunde brauchen meine endlosen Panzerarmadas. Die Russen sollten aufhören, das vereinigte Deutschland zu fürchten und sich entwaffnen.

Wir entwaffneten uns. 20 Jahre lang dachten wir, dass wir richtig gehandelt haben, dass die Vergangenheit für immer vergessen sei, und dass die Deutschen es wertschätzen, mit welcher Bereitschaft wir alle Militärbasen geräumt und Truppen abgezogen haben (obgleich in Deutschland immer noch US-Militärbasen stehen). Aber Freundschaft erkennt man nicht im Frieden, man erkennt sie in Zeiten der Not – und als die Not der ukrainischen Krise aufzog, wurde klar, dass die Deutschen sich nicht an das Gute erinnern. Es wurde klar, dass die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt haben, dass sie keinen Frieden wollen und in der Demontage einer kolossalen Kriegsmaschinerie keinen Humanismus und guten Willen, sondern lediglich Schwäche sahen.

Es wurde klar, dass die Amerikaner nur einmal im Gespräch mit der deutschen Kanzlerin – die jahrelang wie ein unverlässliches Hausmädchen belauscht wurde –  die Stimme heben müssen, um die deutsche Gesellschaft dazu zu bringen, wie ein Hündchen dem amerikanischen Herrchen hinterherzulaufen – selbst wenn dies den Interessen der deutschen Wirtschaft und Politik entgegenläuft. Es wurde klar, dass wenn man die Schwerter zu Pflugscharen macht, wenn man die Rüstung ablegt, wenn man die sowjetische Vorbereitung zum Weltkrieg stoppt und den Deutschen die Hand der Freundschaft reicht, die Deutschen bei der erstbesten Gelegenheit in diese Hand spucken.

Es wurde klar, dass die Russen erneut Untermenschen sind, die man ungestraft von den Seiten der deutschen Presse niedermache kann, gegenüber denen man vom Rednerpult des Bundestages zu Sanktionen und Vergeltung aufrufen kann, ohne dass Widerspruch zugelassen wird. Es wurde klar, dass die ukrainische Regierung ungestraft die russische Sprache verbieten, russische Aktivisten einkerkern und Wohnbezirke mit Artillerie beschießen darf, wobei tausende russischer Zivilisten sterben – und all dies ist normal, all dies ist demokratisch, Deutschland ist zufrieden, weil die Russen Untermenschen sind, deren Blut für die Deutschen ohne Bedeutung ist. Mehr sogar, für den Versuch, sich zu verteidigen, für den Versuch, den ukrainischen Einsatzkommandos die Stirn zu bieten, müssen die Russen mit Sanktionen und öffentlicher Hetze bestraft werden, durch die ihr Widerstandswille gebrochen wird, um die Russen in ein internationales Ghetto zu treiben.

Und dieses Ghetto daraufhin niederzubrennen, wie schon das Gewerkschaftshaus in Odessa zusammen mit 49 Aktivisten prorussischer Organisationen niedergebrannt wurde. Wissen sie, wie die ukrainischen sozialen Netzwerke auf dieses Massaker reagierten? „Gegrillte Kartoffelkäfer“ (als „Kartoffelkäfer“ werden russische Aktivisten aufgrund der Farben des Bandes des hl. Georg, welches von ihnen genutzt wird, bezeichnet; diese entsprechen der Färbung des Kartoffelkäfers aus Colorado) – das schrieben zehntausende in ukrainischen sozialen Netzwerken, während sie die Fotos verkohlter Leiber mit unschicklichen Kommentaren verzierten.

Wir sind erneut Unmenschen, wir sind erneut Tiere, die ungestraft von ukrainischen Nazis umgebracht werden dürfen, um eine russenfreie Ukraine zu schaffen. Alleine nach Angaben von Human Rights Watch, alleine im Juli wurden im Osten der Ukraine EINTAUSENDEINHUNDERTFÜNFZIG russische Zivilisten umgebracht, und die Morde gehen jeden Tag weiter. Wo sind eure Proteste, Deutsche? Wo sind eure Sanktionen gegen die Ukraine? Wo bleibt euer gerühmter Humanismus, den ihr angeblich nach 1945 erworben habt, während ihr die Fehler der Vergangenheit aufgearbeitet habt?

Saur-Mogila, eine Anhöhe von strategischer Bedeutung, auf der sich ein Denkmal für die gefallenen russischen Soldaten befindet, die vor 70 Jahren während heftiger Gefechte mit der Wehrmacht fielen, wird erneut vom ukrainischen Bataillon „Asow“ gestürmt, dessen Symbol die Wolfsangel ist, das Emblem der SS-Division „Das Reich“, und ihr schweigt! Russische Freischärler verstecken sich hinter Granitstatuen sowjetischer Soldaten vor den Kugeln der neonazistischen „Nationalgarde“, und ihr wagt es, dem amerikanischen Gefasel von einer „russischen Aggression“ zuzustimmen! Die Ukrainer beschießen Städte mit ballistischen Raketen, die gigantische Krater anstelle von Wohnhäusern hinterlassen, und ihr führt keine Sanktionen gegen die Ukraine ein, nein – sondern gegen Russland!

Erneut werden unbewaffnete Russen zu Tausenden umgebracht, und ihr diskutiert darüber, ob man den Mördern der Russen nicht Waffen liefern sollte, damit diese mehr Russen töten können. Eure gesamte „Erinnerungskultur“ und das „Lernen aus der Vergangenheit“ sind nicht mehr als ein schlechter Witz, wenn vor euren Augen unbewaffnete Menschen ermordet werden, während ihr applaudiert und den ukrainischen Mördern neue Kredite versprecht.

Ihr Deutschen habt nicht gelernt, was Humanismus bedeutet. Ihr habt nicht gelernt, was Verantwortung bedeutet. Ihr habt nicht gelernt, dem Bösen entgegenzutreten und dem Bösen zu entgegnen: „Nein, ihr seid Mörder, ich werde euch nicht helfen, ihr müsst sofort mit dem Morden aufhören“. Ihr habt nicht gelernt, was es heißt, verantwortungsbewusste, selbstständige und freie Menschen zu sein, die Güte mit Güte vergelten.

Ihr seid Sklaven, die Güte für Schwäche halten.

1934 wurdet ihr wie Schafe von Hitler vorangetrieben, 2014 treibt euch Obama voran. Wenn die Amerikaner morgen ein KZ für Russen aufbauen, wird die Hälfte von euch direkt Bewerbungen für die Stelle des Gaskammerbetreibers losschicken und eure Presse wird voll Kadavergehorsam erklären, wie patriotisch dieses Lager ist und wie es die deutsche Wirtschaft voranbringt. Sie hat fast schon damit angefangen: den russischen Untermenschen umbringen, Lampenschirme aus der Haut der Russen machen, die es wagten Widerstand zu leisten, und nach Washington schicken, um die amerikanischen Verbündeten zu erfreuen.

Ihr Deutschen habt eure Prüfung nicht bestanden. Als das Böse nach Europa zurückkehrte, habt ihr nicht einmal versucht, ihm zu widerstehen; ihr seid ihm sofort vor die Füße gefallen, wie ein Sklave, der vor den Stiefeln des verreisten Herren im Staub umherkriecht. Ihr dient dem Bösen, fordert immer neue Sanktionen, unterstützt die Mörder der Russen, liefert den Mördern der Russen Waffen und rechtfertigt einen Völkermord. Das Ende eurer Geschichte wird dasselbe sein, wie immer, denn das Böse kann nicht siegen.

Ich beende diesen Text mit einem Zitat von Frau Nuland, die offenbar statt eurer Kanzlerin die Entscheidungen bezüglich der Ukraine trifft:

Fuck the EU.

Man kann es drehen, wie man will, aber die Amerikaner sind kluge Leute, die genau wissen, das vereinte Deutschland und das vereinte Europa wirklich wert sind.“

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8 Antworten zu Die zornige, bittere, berechtigte Anklage eines Russen gegen die Deutschen

  1. Dian schreibt:

    „Den Deutschen würde eingedenk ihrer unrühmlichen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg gegenüber Rußland mehr politische Zurückhaltung und Objektivität in den Medien gut zu Gesicht stehen. Jedwede noch so kleine Kritik an der israelischen Außenpolitik wird entsetzt mit Hinweis auf die deutsche Vergangenheit relativiert bzw. zurückgewiesen. Wieso gilt ähnliches nicht bei Rußland? Sollten 25 Millionen tote Sowjetbürger, darunter mehr als 16 Millionen Zivilisten, im Zweiten Weltkrieg nicht zumindest Anlaß für eine maßvolle Politik und objektive Berichterstattung in bezug auf Rußland sein?“

    Gert Alisch, Chemnitz in http://www.jungewelt.de/2014/08-14/010.php

    • Ich bin geschockt. Jemand der so superschlau ist, eine andere schwere Sprache so perfekt beherrscht, wie kann der nur solch eine Verallgemeinerungs-Meinung vertreten. Mehr als traurig ist natürlich, dass es viele Schwachköpfe gibt! Aber die gibt es in jedem Land. So auch in Deutschland, hier denken nicht alle Menschen einheitlich!
      Ich lernte als kleines Kind 1945/6 sehr viele liebenswerte russische Soldaten kennen, leider auch einen Fürchterlichen. Aber der bekam von seinem Vorgesetzten mächtig Ärger! Bitte niemals verallgemeinern, das führt uns nicht weiter, ist nicht sinnvoll für Frieden auf der Welt. Ich hoffe, alles wird gut!

      • Dian schreibt:

        Frau Schwabe, ich vermute, Sie setzen (unerklärt) mehr als an meinem Kommentar an dem Artikel von Jegor Proswirnin an, etwa bei seinem: „Ihr Deutschen habt nicht gelernt, was Humanismus bedeutet.“ Oder ähnlich.
        Ich bin Mensch und nach den hiesigen Gesetzen, meinem Paß auch Deutscher. Wenn ich mich erinnere, wie viel deutscher Nationalismus während der jüngsten Fußball-WM „kultiviert“ wurde, der in dem „Gaucho-Tanz“ der „siegreichen“ Nationalelf nur seinen Höhepunkt fand, während die Regierung dieses Landes ukrainische Faschisten weit mehr als nur politisch unterstützt, dann steigt mir allein bei dem Wort „Deutscher“ die Schamesröte ins Gesicht, weil ich als Teil dieser nicht den Mut und die Kraft habe, beides zu verhindern. Es war noch nie ein „Ruhmesblatt“, Deutscher zu sein, noch wird es das durch Gegenwärtiges.
        Welche „Deutschen“ hat Jegor Proswirnin Chance aktuell wahrzunehmen? Sie, mich, die Fußballfans, … allenfalls das Wirken unserer Regierung. Und für dieses sind wir Deutschen nach meinem Gefühl alle verantwortlich, vielleicht der eine mehr, der andere etwas weniger. Ich fühle meine Verantwortung und ich vermute, Sie die Ihre nicht wirklich geringer. Jedenfalls verstehe ich Ihren Appell gegen die Gleichmacherei, gegen die „Verallgemeinerungs-Meinung“ als Ihren Versuch, eben diese Bürde der Verantwortung von sich zu weisen.
        In Wirklichkeit ist zwischen Ihnen und mir da vielleicht ein kleiner, wünschenswert ein großer Unterschied: Sie können auf Ihre Taten verweisen, mit denen Sie den Chauvinismus und die Aggressivität Deutschlands bekämpfen, und mit diesem Verweis hätten Sie recht, Jegor Proswirnins Worte – in Teilen – zu reklamieren. So lange Sie dies allerdings nicht tun, also wie ich zu der „schweigenden Mehrheit“, ganz wie bereits vor 1933 gehören, bitte ich Sie, Jegor Proswirnin und seine Worte eher in Schutz zu nehmen.

        Jegor Proswirnins Worte sind auch durch seine große Angst, fast Verzweiflung verursacht, die in vielen verantwortungsvollen Deutschen gleichermaßen steckt. Ich achte seinen Appell und Mut sehr und wollte seinen Brief unterschreiben.

        Ich freute mich über Ihre Reaktion.

  2. Lutz Lippke schreibt:

    Noch ist es ein ohnmächtiger Kampf um die Erkenntnis der Masse, wieviel Macht sie eigentlich hat. Gut das diese emotionale Abrechnung mit uns als Appell formuliert wurde und noch auf Erkenntnisfähigkeit setzt. Als Kind der 60-ziger war ich der häufig beschworenen deutschen Kollektivschuld desöfteren überdrüssig. Ich empfinde sie nun mehr denn je.

  3. Erforderlich schreibt:

    Ekelhafte Geschichtsklitterung.

  4. Kinder-Logik schreibt:

    Na ja, die Menschen anderen Länder treten ja auch nicht für Frieden ein. Und sogenannte bürgerlich Linke scheinen blind gegen Nato/USA Imperialismus zu sein und faseln sogar von russisch – chinesischen imperialistischen Interessen.
    Trotzdem, super Beitrag zur aktuellen Lage, weil eben sehr emotional und anschaulich.
    „Wenn morgen die Amerikaner in Deutschland ein KZ für Russen öffnen, wird die Hälfte von euch sofort ihren Lebenslauf schicken für einen Job…“ BINGO.
    Tatsächlich wurde von deutscher Mehrheit nie Reue für die ermordeten Russen im 2ten Weltkrieg gezeigt, nie Dank, dass sie uns vom Faschismus befreit haben. Der antikommunistische Verräter Gorbatschow und Jelzin war (IST, wenn man sich die höchst gefährliche NATO Erweiterung anguckt) jedoch ein Problem der Russen.
    Aber etwas Optimismus: Wir alternative Medien haben gute Arbeit geleistet, die noch besser und VIEL bekannter werden muss. Wir haben bis jetzt sogar oft die Mainstreammedien übertroffen und zu Korrekturen oder blindes Umsichschlagen gezwungen.
    Leute : !!! Noch können wir mit einer Stunde PC-Arbeit täglich noch viel mehr erreichen :
    die ganzen Links bei Einar aufrufen, zusätzlich noch die ASR Website mit Kommentar, kommunisten-online oder einfach mal einen guten Kommentar bei DWN hinterlassen. Möglichst oft Begriffe wie ukraine, nazis, faschisten, usa kriegsverbrechen imperialismus nato verbrechen googlen.
    Alles besser als passiv auf einen dritten Weltkrieg warten.
    Dem USA Imperialismus http://sascha313.wordpress.com/2014/03/21/usa-imperialismus/ scheinen bis jetzt die Kriege wenig auszumachen, da bis jetzt – wie lange noch – die Zeche die armen USA Einwohner als Suppenküchen Schlangesteher bezahlen.

  5. Vernon schreibt:

    Es stimmt nicht so. Die Deutschen bauten für die abziehenden Offiziere Wohnungen in Russland, für viele Millionen. Leider wurden nur wenige dieser Wohnungen von ehemaligen DDR-Offizieren der russischen Armee bezogen, sondern von Apparatschiks. Das ist aber nicht deutsche Schuld!
    Auch haben viele Deutsche keine negative Stimmung gegen Russland. Aber Seehofer hat es klar formuliert: Die gewählt sind, haben nichts zu bestimmen, und bestimmen tun die, die nicht gewählt sind.

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