Deutsche Zustände oder „Das Fazit aus allem ziehen“ — — (I bis III)

I – rituelle Friedensbewegung

II – rituelle Politik

III – das Volk

IV – Geschichtsmächtigkeit des Volkes – Frieden

V – Geschichtsmächtigkeit des Volkes – Revolution

VI – die enorme Perspektive

VII – enorme Perspektive heute

VIII – Was tun?

IX – DDR – meine Tage und Jahre

LeserInnen, die sich unnötigen Zeitaufwand ersparen wollen und deshalb einen Text zunächst nach gewissen Signalwörtern „scannen“, teile ich mit, dass die oben genannte Wendung gern von Lenin benutzt wurde.

Das Diktum könnte Skepsis wecken. Wer, außer dem Lieben Gott, hat schon alles im Blick? Lenin und der Opa etwa? Ganz einfach: Opa, der optimistische Realist, geht davon aus, dass er vielleicht noch 10 bewußte Jahre vor sich hat. In dieser überschaubaren Zeit, so das Kalkül, sollte er nicht das tun, was jeder Andere auch kann, sondern das (falls es Solches gibt), was nur er kann. Schaun wir mal.

I – rituelle Friedensbewegung

Im letzten halben Jahr ist uns der Krieg beträchtlich näher gerückt. Dass das geschah, und mehr noch, WIE es geschah, gibt mir zu Denken. Eine ganze Anzahl Menschen ist auf diese neuen Momente aufmerksam geworden.

So hat der Friedensgedanke zugenommen. Das ist irgendwie sogar bei den Formationen der etablierten Friedenskräfte angekommen; mehr noch, es hat sich gleich noch eine Art „Konkurrenzfriedensbewegung“ gebildet.

Doch nichts wäre verkehrter als einen „Aufschwung der Friedenskräfte“ festzustellen, gar von einem „Friedenskampf“ zu sprechen. Sowohl qualitativ als auch quantitativ  ist alles, was zur Friedensbewegung im weitesten Sinne gezählt werden könnte, weit unterhalb gesellschaftspolitischer Relevanz. Die größten Treffen der Friedenskräfte bringen es auf knapp fünfstellige Teilnehmerzahlen bundesweit. Das sind ein bis zwei hundertstel Prozent der Bundesbürger, die einigermaßen zu Fuß sind, also faktisch Nichts.

Ja, man weiß, was zielklare, beseelte, kampfbereite und disziplinierte kleine Gruppen bewirken können. Aber mit solchen Aktivisten sind heute die Friedensbewegten („Friedensratschlag“, „Friedenskooperative“ usw.) und Friedensmahner („Montagsmahnwachen“) und Friedensrepräsentierer („Partei „Die Linke“) nicht zu verwechseln. Es dominieren einerseits altbekannte Forderungen und Kampfformen, bei den Anderen zunehmend Appelle an die Moral und Vernunft „aller beteiligten Seiten“ („Merkel mal in den Arm nehmen. Sie ist auch nur ein Rädchen im Getriebe.“) Die Friedensmahnwächter scheuen sich, Kriegsursachen und -verursacher konkret-radikal zu benennen, von realen politischen  Attacken gegen sie zu schweigen. Ziel von verbalen Attacken, dazu reichen die Kräfte, ist meist Derjenige, der sich anders für Frieden erklärt.

Im Grunde gibt es keine Friedensbewegung, sondern Rituale von Friedensbewegung, eine „Als ob-Friedensbewegung“.

Tatsachen krass zu benennen, heißt nicht, eilig auf Schuldige zu verweisen. Und schon gar nicht suche ich „die Schuld“ primär bei denen, die wenigstens etwas tun. (Mit den Montagsmahnwachen passiert zumindest etwas Unerwartetes.) Aber zum ernstlichen Nachdenken sehe ich wirklich guten Grund.

II – rituelle Politik

Die reale politische Bedeutungslosigkeit der „Friedensbewegung“ bei gleichzeitiger Bedeutungshuberei hat mich an Ritualhandeln erinnert. Das Wort einmal benutzt, fällt mir der Ritualcharakter auch anderer Empörungsbewegungen der letzten Jahre auf: „Occupy“, „Blockupy“, „Reclaim the street“, „99%“ – Empörungskultur nahe am Event. Facebook- und twitteralarmiert, von edlem Aufbegehren getragen, Empörung fühlend, ALLES verlangend und das sofort; laut sein, kreativ sein, bunt sein, Aufwallung für das Gute und baldige Erschöpfung.

Doch so zu tun, „als ob“ – eben mal die Wallstreet, das Zentrum des Weltkapitals, occupieren, jedoch nichts tun, was die Macht wirklich berührt; es aber akustisch, ästhetisch, kurz rituell, auf das Energischste tun, ist das nicht zum Wesentlichen der Strassenereignisse geworden, die früher einmal politische waren? Ist, was als Politik gilt, in Wahrheit blosses Ritual?

Wann an einer sogenannten Europawahl weniger als 50% der Berechtigten teilnehmen, beweist das nicht ihren rituellen Charakter? Wenn nach einer „wirklichen Wahl“ (etwa der zum Bundestag) am Ende meist Parteien die Regierung stellen, die 20%, 30% der Stimmen der Wahlberechtigten repräsentieren und eine Politik fern der Wahlversprechen durchführen, ist dann nicht der Ritus das Wesen der Sache? (Von der immergleichen Zupflasterung der Städte zur Wahlzeit mit Politikerbildern zu schweigen.)

In meinem Verständnis ist Politik das Streben von Interessengruppen der Gesellschaft (in letzter Instanz: sozialökonomische Klassen) mit Hilfe des Staates (Gewaltmonopol) die Gesellschaft und alle ihre Aktivitäten entsprechend den eigenen Interessen und Zielen zu gestalten. Wenn die Interessen gegensätzlich sind (und als solche bewusst),  dann gibt es Streit, Kämpfe (bis zum Bürgerkrieg) oder Kompromisse. Jede Gruppe setzt ihre Mittel ein, um für sich ein Maximum zu erreichen.

Was aber, wenn es keine Interessengruppen gibt (Gruppen, die diesen Namen wirklich verdienen)? Wenn Kaiser Wilhelm oder Adolf nur noch Deutsche kennt und die Deutschen nur noch Kaiser Wilhelm oder den Führer? Dann ist Politik tot, und noch praktizierte Formen sind leer geworden.

Dieser Zustand der Entpolitisierung der Gesellschaft hat in der BRD 2014 einen Grad erreicht, wie er seit 1870 nin Deutschland noch nie existiert hat. Die regierende Szene (wenige hundert Menschen), gestützt auf eine gewaltige Bürokratie (und weitere ausgeklügelte Organe und Verfahren) verwaltet, regelt, „optimiert“, befriedigt augenscheinlich (mit Mutti an der Spitze) ALLE in der Gesellschaft vorhandenen unterschiedlichen Interessen gemäss den Zielvorgaben der Macht. Zu dieser regierenden Szene gehören ALLE Bundestagsparteien, einschliesslich zu erheblichen Teilen die Linkspartei. Neu ist seit dem 20. Februar 2014 (Steinmeier meets Tjagnibok), dass die offen demonstrierte Kooperation mit Faschisten zum freiheitlichen Wertekanon gehört. Kürzlich hat die offensive Kritik von Wagenknecht und Dagdelen genau daran, zu einer der extrem seltenen, nichtrituellen politischen Auseinandersetzungen im Bundestag geführt.

Die historische Entpolitisierung der Gesellschaft verlangt Konsequenzen.

III – das Volk

Die Schwächen der Friedens- und Demokratiebewegungen zu kritisieren ist leicht. Polemik hin und her. Doch muss der Blick sich nicht viel mehr auf’s Volk richten, wenn diese Bewegungen, die doch seine ureigensten Interessen artikulieren, unbefriedigend sind?

Die Marxisten-Leninisten halten viel vom Volk, dem Schöpfer der Geschichte. Zwar erscheint es auch als der Grosse Lümmel, der von Zeit zu Zeit greint und dann einen Lutscher braucht, aber unbestritten ist doch, dass das Volk in seiner unendlichen Arbeitsamkeit die gesamte materielle (im weitesten Sinne) Reproduktion der Gesellschaft bewerkstelligt. Und nicht nur für’s bewusstlose „Kläjen“ im Schmutz der Basis ist es gut, sondern irgendwie Schöpfer von allem. Man nennt es ja sogar den „Souverän“.

Der Korrektheit halber sei hinzugefügt, dass die Marxisten-Leninisten das Volk differenziert sehen und innerhalb grosse Gruppen unterscheiden, Gruppen, die besonders hinsichtlich ihrer Produktions- und speziell Eigentumsverhältnisse recht verschieden sind (Klassen), so dass man sich sogar hat hinreissen lassen, Teilen des Volks eine „Historische Mission“ zuzubilligen.

All das wurde abschliessend (wie manche meinen) vor 170 Jahren geklärt, und seitdem schien es nur noch darum zu gehen, die Sache mit dem „Blitz“ hinzukriegen, der „in den naiven Volksboden“ einschlagen muss. Ich habe mich mein Leben lang zu diesen „Blitzhandwerkern“ gezählt… , nun aber möchte ich mal dorthin schauen, wo es heisst: „Volk bleibt Volk, wie es singt und lacht!“

Für Vergnügen ist gesorgt. „On Stage“ wird geschunkelt oder gerockt, und eine Million schunkelt, die andere Million rockt. Es rollt der Ball und Abermillionen stöhnen „Ballotelli“. Die Pornoindustrie überschüttet alle mit Brüsten, Ärschen und „Wup Wup“ und millionenfach steigen die Säfte. Jede Sekunde ein Sinnesreiz. Im Schlaraffenland streckt der Michel alle Viere von sich und lässt sich Manna ins aufgesperrte Maul tropfen.

Doch der Schein trügt. Unser Volk versinkt nicht im Müssiggang. Ein winziges Zucken der Peitsche genügt, und Michel, der brave Lümmel, steht kerzengerade, erreichbar 25 Stunden am Tag, konzentriert bis in die Haarspitzen, kompetent und bereit, jede Leistung zu vollbringen, die bezahlt wird; und sei es miserabel.

Ein prächtig funktionierendes Volk, dessen Glück auf vier Regeln beruht, die Jeder und Jede mit deutscher Gründlichkeit befolgt.

Erstens: Kümmere dich um deinen eigenen Kram. Was „die Gesellschaft“ betrifft, mag interessant sein, aber wenn es ernst wird, denkt jeder nur an sich.

Zweitens: Geschichtswissen ist überflüssig. Tue deine Pflicht, wie du weisst, dass dein Vater und dein Grossvater immer ihre Pflicht getan haben. Alles was darüber ist, verwirrt.

Drittens: Du hast neuerdings das Recht zum Widerstand, aber echte demokratische Gesinnung beweist du, wenn du es nie ausübst; denn nur „positive thinking“ (auf deutsch: Gehorchen!) löst die Probleme.

Viertens: Misstraue allen fremden Informationen, besonders solchen, die den Regeln eins bis drei widersprechen.

Schon Friedrich Engels kannte das Wirken dieser deutschen Regeln, als er 1845/46 über „Deutsche Zustände“ schrieb. Auf jedem deutschen Marktplatz, an jeder deutschen Dorfkirche sind sie in Stein gemeisselt, mindestens seit dem Dreissigjährigen Krieg. Ich erlaube mir die Vermutung, dass die Sklavendemut zugleich mit dem Landsknechtsstiefel besonders tief und fest im deutschen Herz verankert wurden, weil die Deutschen ohnmächtig (leise knurrend) in ohnmächtigen (stets leise knurrenden) Kleinstaaten siedelten. Hinter jedem zweiten Baum ein Edelmann, der zwar auch nur ein Krämer war, aber eine Peitsche schwang.

Wie es auch gewesen sein mag: Heute sind wir modern und postmodern, beschäftigt mit allem und jedem. Nur von den Grundfragen trennen uns Lichtjahre:

Warum haben Wenige die Macht und alle Anderen sind ohnmächtig?  Warum knebelt und zerstört der Reichtum der Wenigen das Leben der Anderen? Wer zwingt uns und in unserem Namen anderen Völkern Kriege auf?

Diese Fragen existieren im deutschen VolkskopfHolzkopf nicht. Nicht einmal mehr der Raum im Gehirn existiert noch, wo diese Fragen einst gewälzt wurden. Dort ist nur noch ein stecknadelgrosser Knopf zu finden, und Tag für Tag, Nacht für Nacht grabscht dort ein schmutziger Finger und prüft und treibt den Knopf fester ins zarte Gewebe. Das könnte man Zwangssozialpsychiatrisierung eines ganzen Volkes nennen.

Das alles hat lange Tradition und kommt heute nur deshalb zur totalen Perfektion, weil

– die Menschen in zahlreiche, sich stets zuverlässig vollziehende/erfüllende  Konsumkreisläufe (einige nützliche und sinnvolle in schier unauflöslicher Verflechtung mit vielen, vielen überflüssigen und deformierenden) eingetaktet sind.

– die Wirklichkeit entwertet ist, denn die Medienrepräsentanz der Welt ist unendlich grösser und schöner als jede individuelle Welt und

– die Medienwelt eine Verdopplung, in der Tendenz Vervielfachung der wirklichen Lebenswelt des Individuums erzeugt, in der sich alle Orientierung auf die vom Medium gegebene Deutung reduziert.

Dieses Volk wird zur amorphen Masse – da können Linke lange nach dem „revolutionären Subjekt“ suchen – die sich des „klugen Regierens“, der „good governance“ (N. Berggruen) seiner Reichen, Schönen und – in Gottes Namen! – seiner Weisen erfreut.

Eine Schreckensvision ist das nicht. Erstens, weil bereits zum guten Teil Realität und zweitens, weil einfach Wiederkehr des Mittelalters. (Das hatte doch auch seine guten Seiten.) Und wo es die eine Wiederkehr gibt, sagt der Teufel, gibt es vielleicht auch eine andere?

Doch bevor ich über die andere Wiederkehr nachdenke, noch ein paar Überlegungen zur „historischen Schöpferkraft der Volksmassen“.

Wie der Vorspann andeutet, wird dieses Posting fortgesetzt.

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13 Antworten zu Deutsche Zustände oder „Das Fazit aus allem ziehen“ — — (I bis III)

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Ich denke die Richtung in die mobilisiert werden kann, hängt von einer schon vorhandenen unterschwelligen Sozialisation und der öffentliche Meinung ab. Auch wenn bewaffnete Drohnen, wie auch elektronische und mediale Kriegsführung den Verzicht auf kriegerisches Personal suggerieren, kann ein wirklicher Krieg zumindest derzeit nicht ohne menschliche Hilfe geführt werden. Zunehmend benötigt man dafür sogar gut ausgebildete Spezialisten. Das heißt umso mehr Vertrauen ich in die friedliche Grundhaltung und Meinungsstärke der Bevölkerung setze, desto optimistischer ist der Blick in eine friedliche Zukunft. Dieses Vertrauen benötigt man im Übrigen auch für eine soziale und gerechte Gesellschaft, wenn diese auch demokratisch und freiheitlich sein soll. Die Mobilisierung fällt leichter, wenn die Aussichten hoffnungsvoll und realistisch sind. Jede Unsicherheit, jedes Wagnis hemmt die Mobilisierung bis hin zur Verweigerung. Das gilt natürlich auch in die entgegengesetzte Richtung. Das gut ausgebildete Spezialisten blindlings charakterlosen und marionettenhaften Politikdarstellern folgen, ist keine sichere Sache. Der ehemalige US-Drohnen-Pilot Brandon Bryant mit seinen zertifizierten Tötungen versteckt sich nicht beim Psychiater, sondern klärt nun auch Deutschland auf über den schmutzigen Drohnenkrieg, der von deutschem Boden ausgeht. Der Whistleblower Edward Snowden konnte den Missbrauch geheimdienstlicher Aufklärung zur Totalüberwachung der Bürger nicht mehr ignorieren und zog trotz unsicherer Zukunft die Konsequenzen. Er suchte sich wenige Verbündete und ging an die Öffentlichkeit. Wenige Menschen rütteln also an den Vertrauensseligkeiten der Menschen und stürzen Politik und Medien in harsche Erklärungsnöte. Auch kenFM hat einen solchen Spezialisten interviewt, einen jungen deutschen Offizier, der den Afghanistan-Einsatz ablehnte und die Öffentlichkeit suchte.
    http://kenfm.de/blog/2013/07/21/philip-klever
    Er könnte hier Vorbild für Viele sein, die derzeit noch ihren Job erledigen, obwohl sie schon länger an ihrem Tun zweifeln. Auch wegen alter Fehler Erpressbare sollten abwägen, wohin sie das Weitermachen noch führen könnte.
    Zum Beispiel könnten Jürgen Trittin und Claudia Roth zusammen mit vielen grünen Mitgliedern feststellen, dass sie eine interventionsgeile Grünen-Parteiführung nicht tolerieren können und ein Stillhalten auch sie selbst für alle Zeit politisch erledigen würde.
    Zum Beispiel könnten Mitarbeiter der geheimen Dienste, der Behörden, der Justiz, der Telekommunikationsanbieter sich wie Philip Klever überlegen, was mit ihrem Gewissen und ihrem gesetzlichen Auftrag vereinbar ist. Vielleicht hilft es ihnen, dass sie rechtlich unzulässige Aufträge sogar ablehnen müssen und sich ansonsten strafbar oder schadenersatzpflichtig machen und Ansprüche aus ihrer Tätigkeit verlieren. Die Zeit der Aufklärung beginnt gerade erst. Wer als Betroffener auf die Verleugnungserfolge der Politik-, Beamten- und Medienkaste setzt, ist nicht zu beneiden. Ich würde meine Zukunft nicht von einer neoliberalen Sekte mit dem Geheimzeichen eines vulgären Schmähwortes abhängig machen. Die Entscheidung ist sicher nicht einfach, aber sie ist dran. Wir sollten sie unterstützen. Mut machen!

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    • Dian schreibt:

      „Kann ein wirklicher Krieg zumindest derzeit nicht ohne menschliche Hilfe geführt werden“!?
      „Einen Krieg führen“ bedeutet nach meinem Wortverständnis sowohl kämpfende Partei zu sein als auch den aktiven, aggressiven Part und die Siegeschance für sich zu reklamieren (Sieg im Sinne von final die Waffen strecken, Unterwerfen, das Feld räumen durch die unterlegene Partei). Ergebnis eines solcher Art „erfolgreichen Kriegs“ ist die Eroberung, die Beherrschung des Landes und der es bewohnenden Menschen.
      Der vermeintliche Weltimperator, der Weltgendarm hat wahrscheinlich die militärische Kraft, es mit jeder – einzelnen – Armee der Welt „aufzunehmen“. Was nun aber, wenn sich mehrere Staaten gegen ihn verbünden? Es reichte wahrscheinlich, wenn sich nur mehrere – starke – zugleich gegen ihn erhöben. Dem begegnet er, indem er z. B. Kriege anzettelt, in denen er selbst gar nicht Partei oder zumindest nicht einzige Partei ist oder gar nur im Verborgenen agiert, Söldner bezahlt, „Revolutionen“ entfacht oder ähnlich.
      Vor Europa braucht er keine Angst zu haben, denn mit EU und NATO hat er es „gut im Griff“, TTIP(!) u. a.. Aber Russland und China stehen nicht etwa mit dem Rücken an der Wand, sondern werden durch die Schlinge, die um sie gezogen wird, dazu gezwungen, sich gegenseitig zu stärken.
      Bei all dem Geschriebenen bleibt zu bedenken, dass Kriege nicht nur ökonomische Ursachen haben, sondern diese auch auf eben diesem Gebiet ausgetragen werden. Der Dollar ist ein viel besserer Krieger als jeder GI. Geld wird als Machtmittel, nicht einmal mehr real sondern zunehmend virtuell in Spekulationen dazu benutzt, Druck auf Länder auszuüben. Erst wer sich dem nicht beugt, wird „liquidiert“ (Gaddafi).
      In jedem und insbesondere dem wirtschaftlichen Krieg ist das Wissen, die Aufklärung, die Ausspähung des Gegners entscheidend. Der deutsche Staat wehrt sich gegen das USraelische „Abhören“ doch nur deshalb nicht, weil es seine eigenen derartigen Dienste damit bloßstellen wollte und zudem den (mutmaßlich spärlichen) Informationsgewinn aus diesem, die „Brosamen“ von NSA/CIA/Mossad dadurch aufgeben würde. Wie wichtig Informationsgewinnung zur Machtausübung ist mag man daran ermessen, dass die Bundesregierung kürzlich mehrere 100 Mio. € zur „Schaffung“ eigener Spähprogramme den Geheimdiensten bereitstellte.
      Der „menschliche Faktor“ ist in allen, den militärischen, den wirtschaftlichen, den finanziellen und den informellen Kriegen der alles entscheidende. Um die Schwelle, die menschlichen Skrupel zu senken, wurden Bomber und werden mehr und mehr Drohnen eingesetzt. Den Wirtschaftskrieg verschiebt man mit dem gleichen Zweck immer mehr zu Gunsten eines bloßen Finanzkrieges. Gibt es Skrupel, eine unüberwindbare Schwelle des Gewissens im Informationskrieg? „Hören“ andere als Computer ab? Hat man den Informationskrieg überhaupt schon als solchen ausgemacht?
      Ich denke ja, deshalb schreiben wir doch hier, oder?

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      • Dian schreibt:

        Einen guten Einblick in den Informationskrieg verschafft ein heutiger Artikel der WSWS, der dies vom Titel her mir nicht wirklich verheißt: „Die globale Überwachung: Glenn Greenwalds Bericht über die Snowden-Enthüllungen“ http://www.wsws.org/de/articles/2014/06/13/glen-j13.html
        (Nach vielen Namen, Beziehungen und Entwicklungen um die beiden Hauptakteure im ersten geht es dann im zweiten Teil des Artikels um die Dimensionen des Informationskriegs!)

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        • Lutz Lippke schreibt:

          Danke für den Link.
          Der insgesamt informative Bericht offenbart zum Schluss ein scheinbar bisher unlösbares Dilemma.
          „Greenwald ist ein Demokrat außerhalb der Demokraten, ein Gegner der Massenausspähung und der politischen Unterdrückung, aber kein Gegner des Kapitalismus’. Er erhebt vernichtende Anklagen gegen die Rolle, die das große Geld bei der Korrumpierung der Politik und der Medien spielt. Indessen gründete er erst vor Kurzem ein Internet-Medienunternehmen mit Unterstützung von Pierre Omidyar, dem Milliardär und Gründer von eBay.
          Wie aggressiv seine Kritik an den bestehenden Verhältnissen auch immer sein mag – und sie ist zuweilen wirklich scharf –, bleibt sein Ziel doch darauf beschränkt, das System durch eine Aufdeckung der schlimmsten Übel, durch das Wecken des öffentlichen Interesses, zu reformieren. Die Vorstellung einer politischen Massenbewegung von unten, die die gesamte soziale Ordnung aus den Angeln heben wird, ist für ihn offenbar ein Buch mit sieben Siegeln“

          Spontan fällt mir dazu ein, dass so wie es keine perfekten Helden gibt, so gibt es auch keine perfekten Systeme. Gefühlt lebe ich, seitdem ich denken kann mit dieser Erkenntnis und sitze zwischen den Stühlen. Das ist nicht immer angenehm und hemmt auch oft. Aufstehen und sich erklären in dieser polarisierten S/W-Welt kann helfen. Oft schlägt einem aber auch Unverständnis entgegen. Ich bin zum Beispiel Linkshänder, schreibe und schieße den Ball mit links. Anderes mache ich wie Rechtshänder, passe mich an, weil mir der Aufbau einer eigenen Haptik-Welt sehr unnütz und unkooperativ vorkommt. Ich habe mir das nie überlegt, es gab keine Anleitung. Es ist von kleinauf einfach so gewachsen in einer Rechtshänder-Welt. Warum gibt es wohl keine nennenswerte Linkshänder-Lobby? Man entdeckt sich (Linksschreiben sieht auch für Linkshänder komisch aus), redet kurz drüber und weiter. Es ist kein Merkmal der vollständigen Ich-Beschreibung, nur eine Eigenschaft unter anderen. Vielleicht bin ich auch als Techniker ein „Schnittstellen-Fuzzy“ und Generalist geworden, weil ich das perfekte System in der perfekten Umgebung nicht erwarte. Vielmehr vertraue ich auf gute Methoden in guten Teams, die kooperativ, planvoll aber auch flexibel gute Systemverbünde und Lösungen in und für heterogene Umgebungen schaffen. Solche Teams haben oft nur zeitweise festen Bestand, die Erfahrungen und gemeinsamen Taten begleiten die Beteiligten aber ein Leben lang und schaffen Vertrauen. Snowden, Greenwald, Poitras, Gibson, MacAskill und Gellman sind wohl ein solches Team. Es ist nicht abwegig zu glauben, dass sich viele Menschen wünschen, in so einem Team dabei zu sein. Wenn uns klar wird, dass wir allein darüber entscheiden, in welchem Team wir mitwirken wollen, es dabei vordergründig nicht um Ruhm und Ehre (extern), sondern um Selbstachtung (intern) geht, dann finden wir auch den Weg dorthin. Instinktiv.

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        • kranich05 schreibt:

          Danke für den ausdrücklichen Hinweis! So muss es sein – ich hatte den Artikel auch gesehen, wollte mir aber aus Zeitgründen das Lesen sparen.
          Besonders markant am Ende die Einschätzungen zur sozioökonomischen Lage der Spitzenjournalisten. Wenn man dann sagt: Genauso läufts bei Spitzenjuristen, die für GGG arbeiten (ob sie nun CIA-Manschettenknöppe tragen oder nicht), wird man (im besten Falle!) gross angestaunt.

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        • mal wieder da schreibt:

          http://derstandard.at/1381374170447/Justizskandal-Gustl-Mollath-Totalausfall-des-kritischen-Journalismus

          Im Artikel steht, es sei schwierig gewesen, eine Veröffentlichung zu erreichen.
          In welchem Land gibt es eigentlich eine freie Presse? Gibt es solch ein Land?

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  2. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt und kommentierte:
    Deutsche Zustände (I)

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  3. Dian schreibt:

    Lieber Opa Kranich, in der Vermutung, es handelte sich bei Deinem „Deutsche Zustände oder ‚Das Fazit aus allem ziehen'“ um eine Fortsetzungsreihe, möchte ich anregen, folgend verlinkte, mir eben zugänglich gewordene Ausführungen mit einzubeziehen, die ich nicht nur Dich, in Deinem Bemühen unterstützend, sondern für von allgemeinem Interesse in dem hiesigen Zusammenhang (zumindest) Wert erachte: http://www.duckhome.de/tb/archives/12490-STAAT,-POLITIK,-RECHT-UND-VERFASSUNG.html

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  4. Pingback: Deutsche Zustände oder “Das Fazit aus allem ziehen” —– (IV Geschichtsmächtigkeit des Volkes – Frieden) | opablog

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