Ein unerwartetes Volksmanifest

Über Börsen und Finanzmärkte gibt es täglich eine Flut von mehr oder weniger kompetent Geäußertem. Wer sich nicht mit den meist oberflächlichen bis manipulativen Meldungen der Mainstreammedien (MSM) begnügen will, muss sich selbst orientieren und es lernen unter der vielen Spreu den Weizen zu finden. Oftmals informativ finde ich das Blog „rottmeyer.de“ und dort besonders die mit „Bankhaus Rott“ gezeichneten Beiträge. Mein Favorit aber beim Themenschwerpunkt „USA und Weltfinanzsystem“ ist Jim Willie, den ich hier im Blog wiederholt erwähnt habe.

Börsenjournalisten, Börsenanalytiker sind in der Regel bürgerlich-betuchte Leute. Keiner von ihnen denkt daran, den Kapitalismus abzuschaffen. Aber einige sind zu scharfen Kritikern des gegenwärtigen Krisenkapitalismus geworden und warnen vor den rasant wachsenden Gefahren. Gestützt auf ihr Insiderwissen formulieren manche radikaldemokratische Forderungen. Jim Willie ist einer von ihnen. Er hat jetzt mit seltener Schärfe (und ohne jede Hoffnung auf Gehör) formuliert, was eigentlich Not täte. Hier ist der gesamte Artikel, der „Volksmanifest“ überschrieben ist. Seine zwanzig Kernforderungen lauten, ich zitiere:

„• 1) Liquidierung insolventer Großbanken, denn Sie sind die kriminellen Zentren, anschließend Einzug von Vermögensanlagen auf Grundlage bestehender staatlicher Gesetze gegen das organisierte Verbrechen, auch RICO genannt (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act) – ausgeführt durch ein Team aus Spezialstaatsanwälten, die den Bundesstaaten gegenüber verantwortlich sind und nicht der Bundesregierung. 

• 2) Beendigung aller Drogengeschäftsbeziehungen der US-Geheimdienstorganisationen, einschließlich Bestandseinlagerung beschlagnahmter Drogen durch die DEA (amerikanische Rauschgiftbehörde), US-Küstenwache-Eskorten für eingehende Lieferungen und auch die Nutzung der Präsidentenjacht zur Durchfahrt durch den Panama-Kanal; zudem muss die Nutzung von NATO-Flugbasen zur Rauschgiftverteilung voll und ganz unterbunden werden; und schließlich müssen Untersuchungen gegen die Wall-Street-Banken wegen Drogengeldwäsche eingeleitet werden. 

• 3) Kriege im Ausland werden nach sechs Monaten beendet, danach werden Kosten & Nutzen in einem öffentlichen Forum – nicht geheim – analysiert, wobei auch die Gewinne der Rüstungsunternehmen offengelegt werden, gleichzeitig soll die Entscheidung über Kriegseintritte, ganz im Sinne des War Powers Act, durch ausführliche Debatten mit der Legislative, dem Kongress, getroffen werden – stattdessen sollten Friedensgespräche geführt werden.

• 4) Kein ehemaliger Wall-Street-Banker darf in Finanzraufsichtbehörden des Bundes mitarbeiten, an ihre Stelle werden regionale Banker aus den vielen Bundesstaaten und Unternehmensvorstände treten. 

• 5) Jegliche finanzielle Zuwendungen an Kongressabgeordnete gehören verboten wie auch alle privaten Zuwendungen in gesetzgebenden Prozessen, alle großen Spenden der Vergangenheit wie auch ihre Konsequenzen werden nachverfolgt und offengelegt, für politische Wahlkampagnen wird stattdessen ein Teil der Steuereinnahmen aufgewendet. 

• 6) Es wird die Auflösung und Trennung aller unternehmerischen Konglomerate in den Nachrichtenmedienorganisationen erzwungen – dazu zählen Fernsehen, Zeitungen, Magazine, Radio und Onlinenachrichtendienste; die FCC (Federal Communications Commission) gewährt kleinen privaten Medienunternehmen wie auch regionalen und auch dörflichen Medienstimmen Unterstützung.

• 7) Für Finanzmedien gilt: Nur begrenzte Werbung und finanzielle Unterstützung durch den Bankensektor und die Geldverwaltungszentren, aus Gründen der Interessenskonflikte. 

• 8) Durchführung kompletter Prüfungen und sehr engagierte Verfolgung aller Zuwendungen und Aneignungen des Pentagons der letzten 30 Jahre, so auch der 2,2 Billionen $-Bilanzbericht der US-Armee, der am Tag vor 911 diskutiert wurde. Man sollte nicht vergessen, dass 80% der Pentagon-Opfer am Tag der 911-Attacke Bilanzprüfer waren, die im Gebäude oder in der Nähe gearbeitet hatten.

• 9) Rückholung eines Großteils der ins Ausland verlagerten Produktionseinrichtungen in die USA – mittels Steuererleichterungen und Sonderregelungen, sogar durch die Errichtung von Industrieparks, Vergabe von weiteren Krediten für Arbeitertrainingsprogrammen, um die brachliegende Fabriken wieder in Betrieb zu nehmen. All das ist besser, als letztendlich China zu erlauben, dasselbe auf US-amerikanischen Boden zu machen.

• 10) Eliminierung aller computergenerierten Kaufprogramme im Finanzsektor – des sogenannten Hochfrequenzhandels; Untersuchungen einleiten, unter Beteiligung des privaten Sektors, gegen den Insider-Handel.

• 11) Totale, komplette, volle Offenlegung der weitverzweigten Derivate (mit denen die dampfförmigen Finanzfundamente gestützt werden) muss erzwungen werden, das betrifft auch die ausländischen Finanzableger im Ausland , die sich in LIBOR, FOREX und die Goldmärkte hineinerstrecken.

• 12) Alle Zwangsvollstreckungen von Immobilien sind zu stoppen, alle laufenden Vollstreckungen sind auszusetzen; es wird eine komplette, landesweite Untersuchung des Hypothekenanleihebetruges durchgeführt: Hypothekenanleihebetrug durch Fannie Mae und ihresgleichen, Betrug bei Hypothekenverträgen durch Wall-Street-Banken, Betrug im Rahmen der MERS-Datenbanken bezüglich der Eigentumsverhältnisse; Ausarbeitung eines nationalen Programms, das es den enteigneten Bürgern ermöglicht, ihre Eigenheime ihm Rahmen von Rückgabeprozessen mit den verantwortlichen Großbanken und Finanzfirmen zurückzugewinnen.

• 13) Es muss die komplette Durchleuchtung und Offenlegung des Exchange Stabilisation Funds des US-Finanzministeriums erzwungen werden – einschließlich aller seiner Tentakel, auch an ausländischen Finanzmärkten.

• 14) Ende der Besteuerung von im Ausland lebender US-Amerikaner nach einer Frist von 3 Jahren, nachdem ein Finanzbericht abgegeben wurde, auf dem auch ein Kästchen zu finden ist, wo man seine Vorschläge für die Verbesserung des Lebens in unserer einst großen Nation darlegen kann. 

• 15) Für einen High-School-Abschluss in den USA sollten strengere Vorgaben für die Bereiche Mathe und Wissenschaften gelten, ärmere High-Schools-Bezirke sollen die Grundsteuereinnahmen mit denen einiger reicher teilen, damit die ärmeren besser finanziert werden können. 

• 16) Schließung der COMEX wegen Kontraktbetrugs, der sich auf einen Stapel nackter Shorts bei den Edelmetallen, auf Überroll-Dauerkontrakte ausgeweitet hat und in letzter Zeit auch Auslieferungsverweigerung von EM-Kontrakten umfasst (sogar mit Bar-Zwangsbegleichung). 

• 17) Durchsetzung des Freedom of Information Act und Schließung des NSA-Zentrums in Utah (auch Big-Brother-Festung genannt), anschließend wird dem Schutz von “Whistle-Blowers“ im unternehmerischen wie nationalen Bereich hohe Priorität eingeräumt; Aussetzung aller koordinierten Projekte mit Intel, Microsoft, Google, FaceBook, sowie anderen Prozessorenherstellern und Social-Media-Firmen.

• 18) Aussetzung des Patriot Acts und Wiederherstellung der Verfassung mit den Bill of Rights, während an allen obersten Bundesgerichten Untersuchungen wegen Bestechung, geheimer Absprache/ Zusammenarbeit sowie Interessenkonflikten durchgeführt werden. 

• 19) Illegale Einwanderer sollen nach einer Warnfrist von 90 Tagen aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen werden, außer sie absolvieren eines der neu geschaffenen Bürgerschaftsschnellprogramme zur Integration.

• 20) Rückkehr zum Goldstandard für einen neuen Globalen Dollar, Förderung von Tauschsystemen, um die Zahlungsströme zu reduzieren, gleichzeitig sollen andere Nationen in der Etablierung regionaler Währungen bestärkt werden, die durch die eigenen umfangreichen Ressourcen hinterdeckt sind; anschließend sollen diese an das Flaggschiff des Globalen Dollars über ein System der Nebenherentwicklungen angebunden werden.“

Eine Nachbemerkung mag ich mir nicht verkneifen: Besonders kompetente, bloggende Damen haben vor einiger Zeit meine Wenigkeit, den Opablogger, entlarvt, er würde insgeheim die – gottseibeiuns! – Weltrevolution propagieren. Mit Hilfe einiger KommentatorInnen gab es einen argen Sturm im Wasserglas. Jim Willies Text vor Augen, stelle ich schon eine frappierende Diskrepanz fest – zwischen dem reduzierten bis amputierten (oder auch nur miefigen) Diskussionsgebaren im deutschen Musterland und dem drastischen Insistieren auf die Schmerzpunkte aus großbürgerlich-progressiver Sicht in den USA.

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6 Antworten zu Ein unerwartetes Volksmanifest

  1. Dian schreibt:

    Das „Manifest“ endet nicht an der von Opa zitierten Stelle; dort heißt es unmittelbar folgend:
    „Träumt weiter Leute! Idealismus hat seinen Platz in den Stadthallen, Studentenwohnheimen, Trinkhallen und Männerhöhlen. …“ Wesentlich weiter las ich nicht.
    Ich vermute, he has a dream; fraglich ob gut oder schlecht.
    Wenn denn tatsächlich das immense Geld, – die Macht – den Besitzer wechseln soll, dann braucht es starker Menschen, die diese Revolution durchsetzen gegen die bisherigen Herrscher und auch weiterhin verteidigen.
    Da sind mir andere Idealisten die besseren „Träumer“, so z. B. der Schauspieler Rolf Becker, der schon länger ein alt bekanntes Manifest, das Kommunistische mit seiner schönen, – starken – Stimme in großen Sälen intoniert und auch damit weiter am Leben erhält. Und dieses Manifest sagt auch, wer denn „die starken Männer“ (ohne Wiki) sein werden …

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    • Dian schreibt:

      P.S. Ehe ich mir noch Machogehabe vorhalten lassen muss: meist steht wenigstens hinter einem starken Mann auch eine ebensolche Frau, wenn nicht gar daneben oder sogar – davor!?

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  2. Blaumeise schreibt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Rattenlinien
    http://www.ila-web.de/artikel/ila301/rattenlinie.htm

    Bei der Aufstellung vermisse ich diese Organisation. Sie kann sich am besten tarnen und täuschen, weil alles im Namen des Herrn geschieht.
    Die grösste Macht hat sie in Deutschland.

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  3. D7. schreibt:

    Was diese vor allem auf nationale Kapital(verwertungs)interessen der USA bezogenen 20 Punkte mit einem Volksmanifest zu tun haben sollen bleibt vage. Gut, der stark finanzmarktbezogene Stamokack („staatsmonopolistischer Kapitalismus“) kommt ausblickend in den kritischen Blick durch die geldpolitische Option, zu Bretten-Woods und Golddeckung zurückzukehren. Und das soll ein VOLKSMANIFEST sein … NEIN DANKE.

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  4. Breitenbach schreibt:

    Tut es mir leid? Nee. – Was ’n? Daß Fiep­kes Ver­laut­ba­rung sich mir als Lach­num­mer »ma­ni­fe­stiert«. – Wie das? Bit­te gram­ma­ti­ka­lisch drauf ach­ten, wen der Typ als »Hoff­nungs­trä­ger« aus­lobt (beim zu­künf­tig, statt in der Hi­sto­rie, sol­cher­maßen fun­gie­ren­den »Pro­le­ta­ri­at« wä­re ich – in au­gen­fäl­li­gem Ge­gen­satz zu ›Di­an‹ – dies­be­züg­lich aus­ge­spro­chen vor­sich­tig), wenn er nicht das (US‑ame­ri­ka­ni­sche!) Heil in dem Spin na­mens »Ver­schwei­gen des han­deln­den Sub­jekts« (= *)) sucht:

    1) »Team aus Spezial­staats­an­wäl­ten»«
    2) »Untersuchungen«
    3) »in einem öf­fent­li­chen Fo­rum […] aus­führ­li­che De­bat­ten mit […] dem Kon­gress«
    4) »re­gio­na­le Ban­ker«
    5) »politische Wahl­kam­pag­nen«, für die »ein Teil der Steu­er­ein­nah­men auf­ge­wen­det« wird
    6) »FCC (Federal Com­mu­ni­ca­tions Com­mis­sion)«
    7) »Bankensektor und die Geld­ver­wal­tung­szen­tren«
    8) »Bi­lanz­prü­fer«
    9) »Produktions­ein­rich­tun­gen«
    10) »Untersuchungen […] un­ter Be­tei­li­gung des pri­va­ten Sek­tors«
    11) *)
    12) »komplette, lan­des­wei­te Un­ter­su­chung«
    13) »komplette Durch­leuch­tung und Of­fen­le­gung«
    14) »Finanz­be­richt«
    15) »strengere Vor­ga­ben«
    16) *)
    17) *)
    18) *) + alle »ober­sten Bun­des­ge­rich­te«
    19) *) + »Bür­ger­schafts­schnell­pro­gram­me zur In­te­gra­tion«
    20) *)

    Und jetzt mach‘ ich drei Kreu­ze und emp­feh­le für al­le Staa­ten die Volks­be­waf­fnung.

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  5. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt und kommentierte:
    Volksmanifest

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