Versensporn: Frida Bettingen

Heft 14 der Reihe.

Frida Bettingen wurde 1865 als Frida Reuter in Ronneburg/Thüringen geboren. Aus einem frühen Gedicht spricht eine lebendige, eigentlich scheue, junge Frau.

Ich weiß eine Bank,

                – nicht weit – nicht weit –

Komm mit, –

                 ich finde sie wieder.

Von Goldgehänge überdacht.

Und duftendem blauen Flieder.

.

Der Garten träumt seinen Mittagsschlaf.

Wir schleichen auf seidenen Sohlen.

Wir schleichen durch den heißen Sand

verstohlen – komm mit – verstohlen.

.

Die Sonnenuhr blinzelt,

                       – vorbei – vorbei-

Goldbienelein tränken sich träge.

Stumm! Stumm!

.

Nur ein einziger zitternder Laut:

Meines Herzens hellsingende Schläge.

Sie heiratet, bekommt drei Kinder, mehrere Todesfälle naher Verwandter, früher Tod des Ehemanns. Sie übersiedelt nach Jena, wo der Sohn Walter studiert, promoviert. Sie bekommt Kontakt zu einer für sie neuen Geisteswelt. Reisen in den Süden. Der Erste Weltkrieg beginnt. Walter im Krieg.

Kriegsbild 

Ein stummes Haus, die hingestürzte Bank,

der Dachstuhl brennend, mit gesenktem Bogen,

der schwarze Efeu wurzelnackt und krank,

das Tor des Todes eisern aufgezogen.

.

Die roten Äpfel rösten am Spalier,

der Erntekranz darrt an gesengten Bohlen,

ein Schmetterling klebt an der Scheunentür,

irgendwo wimmert ein verstecktes Fohlen.

.

Am Zaun streift eine Katze, hungernd, geil,

um das Gehöfte kreisen schwer die Raben,

der Mond liegt im zerschoßnen Brunnenseil …

.

Wie hingemauert stehen unsre Knaben.

Walter fällt im Oktober 1914 vor Verdun. Von nun an ist das Leben Frida Betttingens von unstillbarem Schmerz erfüllt. Ratlos beklagt sie „die feige Kugel“ aus „welschem Land“. Einspinnt sie sich in einen Kokon unendlicher Trauer, nur mit religiöser Inbrunst zu ertragen. Klagegedichte ihr einziger Lebensanker; künstlerisch schwächer, meine ich, in ihrer Abhängigkeit von Hölderlins Elegien. Im Mai 1924, geistig und physisch am Ende, stirbt Frida Bettingen in der Jenaer Psychiatrie. Keiner wird sie zu den Opfern des Ersten Weltkriegs zählen.

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3 Antworten zu Versensporn: Frida Bettingen

  1. Beate N. schreibt:

    Vergessene, Opfer und Helden können manchmal auch eins sein.

    Generell bin ich der Ansicht, dass Kriege, kleine wie große unendlich viele, wenn nicht ausschließlich, Verlierer haben.

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    • kranich05 schreibt:

      Denke ich an Gandhis Lehre, dann sollten die KämpferInnen für ihre Befreiung nie Krieg führen.
      Seine Lehre ist auch für mich sehr attraktiv. Und doch glaube ich, dass sie zu guter letzt falsch ist. Weil ich glaube, dass der machthabende Mensch bereit ist, den der gewaltlos Widerstand leistet, bis ins Unendliche mit Gewalt zu unterdrücken und auszubeuten.
      Ich glaube also, dass die Gewaltherrschaft u. U. mit Gewalt gebrochen werden muss (was einschließt, dass sie über weite Strecken gewaltlos bekämpft werden muss). Es gibt also Kriege, in denen ich Partei bin und den sieg meiner Seite mit allen Kräften erstrebe. Dass riesige (und wohl bisher ungelöste Problem) ist, danach (nach meinem Kriegstriumph!), den Waffen und jeder Gewalt abzuschwören. (Es soll „das letzte Gefecht“ gewesen sein.)

      Abgesehen von diesen „kriegsphilosophischen“ Überlegungen, die blutige Gegenwart betrachtend, ist es Tatsache, dass weder in Syrien, noch in der Ukraine, noch in Afghanistan, noch im Irak, noch in Libyen, noch in Mali, dass nirgends eine Seite der dort sich bekriegenden Seiten meine Seite ist. In allen diesen kriegen stehen sich zwei (verschieden) menschenfeindliche Seiten gegenüber. Und meine ganze Parteinahme beschränkt sich darauf, mich gegen die „eigene“ westliche, deutsche, atlantische imperialistische usw. Seite zu wenden.
      Diese Situation hat Ähnlichkeit mit dem Ersten Weltkrieg als Linke, also der Befreiung und dem Leben verpflichtete Menschen, gegen ALLE kriegsführenden Seiten und jeder in seinem Land für die Niederlage der „eigenen“ Armee sein mußten. Erst mit der Oktoberrevolution entstand etwas, was zu verteidigen lohnte.

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      • Beate N. schreibt:

        Ich bleibe dabei, jeder Krieg hat nur Verlierer. Aber es stimmt: Opfern sich manche Generationen in einem oder mehreren Kriegen, dann sind die Nachfolgegenerationen vielleicht Sieger. Aber auch nicht immer, eher selten!

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