Die Zwangsbehandlung freier Menschen und ihr Widerstand

Ich nehme als Beispiel die vier Menschen

Gustl Mollath

Ilona Haslbauer

Ralph Boes und

Christel T.

Über den Zwang viel zu erzählen, dem Gustl Mollath unterworfen wurde, hieße Eulen nach Athen tragen. Der (unmittelbare)  Zwang wurde ausgeübt von zahlreichen Anklägern, Begutachtern, Richtern, Gefängnisärzten. Mollaths unnachgiebiges Beharren auf seiner Freiheit lieferte das stets erneuerte Argument für die Fortsetzung und möglichst Steigerung des Zwangs. Einziges Ziel dieses über 7 1/2 Jahre währenden Verfahrens war die Brechung des Opfers. Dieses Ziel wurde verfehlt. Mollath kam dank enormer öffentlicher (und zugleich hochqualifizierter) Unterstützung bekanntlich im August 2013 frei und sieht jetzt seinem Wiederaufnahmeverfahren entgegen.

Das Opfer war damals frei, was sein furchtloser Angriff auf Banken-Kapitalverbrechen bewiesen hat. Das Opfer blieb unter härtesten äußeren Bedingungen innerlich frei, was durch seine Persönlichkeitsbehauptung in mehr als 7 Jahren Forensik bewiesen ist. Das Opfer ist heute menschlich frei, wie etwa seine geäußerten Zukunftsvorstellungen (Sendung vom 12.1.) veranschaulichen.

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Ebenfalls langer und bis heute andauernder Forensik-Haft (mehr als sechs Jahre) ist Ilona Haslbauer unterworfen. Die Umstände, die zu ihrer Inhaftierung führten sind bedauerlicherweise, obwohl es äußerst aktive Unterstützer gibt, bei weitem nicht so akribisch öffentlich aufgearbeitet wie im Fall Mollath. Auch in diesem Fall liefert anscheinend das unnachgiebige Beharren der Delinquentin auf ihrem eigenen Willen das stets erneuerte Argument für die Fortsetzung und möglichst Steigerung des Zwangs. Auch hier scheint die Brechung des Opferwillens das Endziel der schier endlosen „Behandlung“ zu sein.

Trotz dieser Situation davon zu reden, dass Ilona Haslbauer ein freier Mensch sei, mag gewagt sein. Ich halte das dennoch im Sinne ihrer menschlichen und speziell schöpferisch-künstlerischen Erlebnis-, Reflexions- und Ausdrucksfähigkeit für berechtigt. Mit ihren Gedichten beweist sie, dass sie nicht zu brechen ist. Sie beweist sowohl ihren menschlichen Reichtum als auch die Reife ihrer Künstlerpersönlichkeit.

*

Ralph Boes sitzt in keiner Forensik. Er spaziert durch Strassen und Gassen und gibt sogar Interviews. Er ist anderem Zwang unterworfen, auch existentiellem verschiedener Art aber durchaus auch subtilem. Eine Ahnung von Letzterem vermitteln die Worte, die einer braven Bürgerin in der Maischberger-Runde auf sein Statement entschlüpfen: „Das ist ja zum Fremdschämen!“. Ralph Boes widersteht nämlich der Aufforderung zur Zwangsarbeit. Er hat den Kampf aufgenommen gegen die Befehle und Sanktionen der Hartz IV-Institution. Er hat begriffen, dass diese Institution, die Gesetze , die sie exekutiert, die Methoden, die sie anwendet, dass all Dieses die Menschenrechte missachtet und das Grundgesetz der BRD verletzt. Diese Institution will freie Bürger zu Arbeitssklaven machen. Im Kampf dagegen findet Ralph Boes seine Freiheit. Das ist beeindruckend, wie in dem und durch den offenen Kampf gegen die Zumutungen einer zerstörerischen Gesellschaft ein Mensch seine moralische Integrität und geistige Souveränität behauptet und überzeugend vertritt.

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Er ist nicht allein – vielleicht der Schlüsselsatz für alle hier geschilderten Beispiele. Der gilt auch für Christel T. „Nicht allein“ im Sinne des Vorhandenseins von Unterstützern und Kampfgefährten. Aber auch „nicht allein“ im Sinne von beredt, also „mit lauter Stimme sich an Viele wendend“. Unverzichtbares Instrument ist dabei das Internet, dass auch Christel T. zu nutzen weiß. Ohne Übertreibung: Es ist eine Sternstunde, wie diese Frau den Zwangscharakter des Sanktionsregimes bis in seine Ableitungen und feinen Verästelungen aufdeckt. Es war ihre Darstellung, die mir die Gleichartigkeit der Zwangsverfahren in der Forensik und beim Sanktionsregim Hartz IV klar gemacht hat: Die sich selbst generierende und verstärkende Gewaltspirale, die nur auf Eines abzielt: Dass der Delinquent sich bedingungslos dem System anpasst!

Christel T. beläßt es in diesem kurzen Video, das sie „Brandrede“ nennt, nicht mit der Aufdeckung des Zwangscharakters der Methoden, sie begnügt sich nicht damit, ihre persönliche Freiheit als Kämpferin zu behaupten, sie gibt auch Anregungen, wie sich alle gemeinsam (einschließlich verantwortungsvoller Mitarbeiter der Arbeitsagenturen) wehren können. Klare Worte und, der bösen Thematik zum Trotz, auch ein intellektuelles Vergnügen.

Gegen die Demokratiezerstörung wachsen WiderstandskämpferInnen heran.

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Eine Antwort zu Die Zwangsbehandlung freier Menschen und ihr Widerstand

  1. tokchii schreibt:

    Ha, beiden ist die Stanford-Prison-Experiment Struktur gemeinsam. Es gibt je absolut starre Hierarchien, und deren Einhaltung bildet die Grundlage der Interaktion zwischen Personal und Klient/Patient.
    Das Perverse an beiden Systemen ist, dass es de facto nicht im entferntesten darum geht, dem Hilfesuchenden/Patienten zu helfen, sondern dass dieser ein Objekt wird, welches gewünschtes Verhalten zu zeigen hat. Was konkret gewünscht wird, bleibt jedoch im Verborgenen und ist dafür jeweils ohne Unterstützung unerreichbar, die Unterstützung wird aber nicht angeboten.
    Wie in Zimbardos Experiment ist im deutschen Hilfesystem (Psychiatrie, Arbeitslos, Jugend, tw. Medizin) die Kontrolle derer, die konkret Macht ausüben (Ärzte, Soz.Arb., Sachbearbeiter Ämter) nicht gegeben, niemandem sind sie Rechenschaft schuldig und durch ihre berufliche Position stehen diese Menschen unter besonderem Schutz ihrer Arbeitgeber, insbesondere auch juristisch. Verfolgung Unschuldiger etwa ist noch niemals einem Behördenmitarbeiter angehängt worden, Verletzung von Sorgfaltspflichten wurde keinem Arzt der Zwangspatienten mit inadäquater Medikation zwangsversorgt, nachgesagt. Und wie der Fall Haasenburg zeigt, würde auchniemand auf die Idee kommen, Jugendlichen, die Missstände in einer Jugendhilfeeinrichtung beklagen, auch nur ansatzweise zu glauben. Obwohl wirklich fragwürdiges dort geschah, bis hin zu (mindestens) fahrlässiger Tötung, mussten Behörden von engagierten Journalisten und einer empörten Öffentlichkeit dazu mehr oder weniger gezwungen werden, überhaupt Ermittlungen aufzunehmen. Von der Tatsache, dass mit der Hilfeleistung eher das völlige Gegenteil der intendierten Wirkung erreicht wurde, mal abgesehen.
    Bedenkt man zusatzlich, welche Vorteile der Staat für seine hilfeleistenden Beschäftigten (Arbeitslosenhilfe, Altenhilfe, Krankenkassenkram, Jugendhilfe, Judikative, Exekutuive) bietet, also z. B. private (die bessere) Krankenversicherung, Rentenkassen, die unabhängig sind von denen der Untergebenen, zahlreiche Vorteile bei Versicherungen, Banken usw. verwundert es nicht weiter, dass die Beschäftigten außer zur Selbstbeweihräucherung nicht einmal dazu in der Lage sind, Kannibalismus in der weltführenden Exportnation auszurotten. Statt dessen befeuern sie derartige Absonderlichkeiten mit verfehlter Internetpolitik und längst überkommenen wissenschaftlichen Theorien zur Gesellschaft und zum Individuum.

    Zum politischen System Deutschland ist derzeit effektiv nichts anderes zu sagen, als zur Haasenburg, der Reformbedarf ist auf allen Ebenen und Gebieten derart groß, dass die Einrichtung geschlossen werden muss, da es nicht realistisch ist, die notwendigen Veränderungen durchzusetzen.

    D. driftet wieder arg in Richtung totalitäres System.

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