Die einsamen kleinen Entscheidungen

igm

Als die DDR untergegangen war, spielte bekanntlich die Treuhandanstalt eine bedeutende Rolle. Tausende brave SED-Genossen (viele von ihnen nun aktive Mitglieder der PDS), die jahrzehntelang für die Wirtschaft und den Staat der DDR gearbeitet hatten, waren nun als Mitarbeiter der Treuhand mit der Vernichtung des Volkseigentums beschäftigt. Damals gab es solche Dialoge:

A: „Alles, aber das tue ich nicht, dann lieber arbeitslos.“

B: „Wenn Du es nicht tust, tut es ein Anderer.“

A: „Soll er doch. Ich weiß, dass ich damit nichts verhindere. Aber ich muss das nicht.“

B (bekümmert): „Ach ja, Scheiß-Situation.“

(A und B waren arbeitslos. Bs Frau arbeitete bei der Treuhand.)

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An dieses Gespräch mußte ich denken, als ich oben das Bild von den Protesten der IG-Metaller gegen den Abbau ihrer Cassidian-Arbeitsplätze sah; vielleicht unter dieser Losung:

„Deutsche Arbeiter wollen schaffen

tödliche präzise Waffen!“

Mir ist es nicht bekannt, aber auch im bayrischen Manching könnte es so ein Gespräch geben:

A: „Alles, aber in der Waffenbude arbeite ich nicht, dann lieber arbeitslos.“

B: „Wenn Du es nicht tust, tut es ein Anderer.“

usw.

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Ich bin Jurist. Meister meines Spezialgebiets. Der Milliardär braucht mich, um eine kleine „Schmutzelei“ zu verstecken.

Jurist und Juristin könnten dieses aussprechen:

A: „Alles, aber das tue ich nicht, dann lieber Magerjobs.“

B: „Wenn Du es nicht tust, tut es ein Anderer… Die Aufgabe ist reizvoll… Das Salär ist fürstlich… Wie viel Gutes kann ich damit tun“

usw.

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Es sind diese einsamen, kleinen, FREIEN Entscheidungen. FREI, insofern sie nicht unter derbem Zwang getroffen werden; weit weg von KZ- oder kz-ähnlichen Bedingungen. FREI, eine vertretbare Mühe zu übernehmen. FREI von Lob und Anerkennung.

Souverän.

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Nachtrag:

Meine liebe Freundin Berthe – sie feierte vor paar Tagen ihren 84. Geburtstag – hat damals in einer medizinischen Einrichtung gearbeitet, als MTA, ein einziger Stress. Berthe: „Ich konnte es kaum ertragen. Irgendwann habe ich einen Keramikkurs besucht. Das hat mir Freude gemacht. Ich konnte manchmal ein Stück verkaufen. Dann habe ich gekündigt. Mit Putzen und Keramik habe ich mich über Wasser gehalten, später meist ohne Putzen. Es war immer knapp. Seit 60 Jahren. Es war schön. Ich bin zufrieden.“

berthe

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4 Antworten zu Die einsamen kleinen Entscheidungen

  1. velogrino schreibt:

    Nürnberg sollte man auch nicht vergessen. Das ist die Heimatstadt des Herrn Mollath und des Herrn Diehl. Dort weiß man nie genau, ob man nicht doch irgendwie für den Diehl-Clan arbeitet. Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer.

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  2. velogrino schreibt:

    Und Opa benutzt immer das olle Window$, und zahlt damit freiwillig Tribute an den reichsten Mann der westlichen Welt. So hab mir die alten Klassenkämpfer aus dem Ossi-Land immer vergestellt. Aber gut, dies wird den Lauf der Welt nicht ändern.

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  3. 5jahrehartz4 schreibt:

    aus der Kollekte….

    Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.
    Molière

    Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer, sagen sie. Dabei vergessen sie, daß sie vielleicht schon jener „andere“ sind. Otto Gritschneder, dt. Rechtsanwalt, München

    „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“ Edmund Burke

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  4. Lutz Lippke schreibt:

    Diese Moralaufrufe haben ihre Berechtigung. Mit fortgeschrittener Lebenserfahrung weiß man aber auch um die eigenen Feigheiten, Kompromittierungen und Irrtümer. Daraus entwickelt sich bei ausreichend Eigenkritik ein gewisses Maß an Toleranz bei der Bewertung von Lebensläufen und Handlungen. Statt zu (Ver)urteilen und Ausschluß setzt man auf den Trend zur Erkenntnis und die Gemeinsamkeiten. Der Vorteil: man steht letztlich nicht allein da. Der mögliche Nachteil: man tappt eventuell in die nächste Inkonsequenz. Denn es gibt wohl nichts ohne die Gefahr der ungewollten Nebenwirkung. Die Frage ist nicht, wie wir sie verhindern können, sondern wie verantwortungsvoll und selbstkritisch wir damit umgehen.

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