fix und flux – GGG und Peripherie (Jetztzeit 10)

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Chrystia Freeland („Die Superreichen“) verwendet das Bild der Sanduhr, um eine Tendenz der gegenwärtigen Gesellschaft zu veranschaulichen – das Ausdünnen der bürgerlichen  Mitte. Sicher läge man heillos daneben, würde man deuten, dass sowohl die Zahl der Menschen oben, als auch die der Menschen unten, beide auf Kosten der Mitte, enorm anwächst. Zahlenmäßig ist oben mehr ein Stecknadelkopf und unten ein Riesenglobus. Das Bild trifft’s aber recht gut, wenn wir die „man power“ der Pole betrachten, das jeweils gesammelte „soziale Kapital“.  Unten die Milliarden Habenichtse = 1 Mrd x fast Null (das nackte Leben). Oben paar hundert, paar tausend Figuren, jede Einzelne milliardenschwer.

Die Sanduhr mag ja noch in anderer Weise ein denkwürdiges Bild sein.

Das Verhältnis zwischen dem Areal der Superreichen (Krysmanskis „schwarzes Loch“, hier im Blog hat sich das Kürzel GGG, das „Ganz Große Geld“ ergeben) und dem Leben der Masse der Menschen ist in einer Weise fixiert, erstarrt, ruhig- und stillgestellt, wie man es im locker-flockigen Radaukapitalismus von heute eigentlich nicht für möglich hält. Noch die letzte U-Bahnfahrt ist unablässig und nicht ignorierbar vom Macht- und Kapitalverhältnis durchherrscht. Noch der letzte Blogeintrag ruft die McCarthy-Clone auf den Plan.

Dieser Zustand ist Ergebnis der Massenmedialisierung und Digitalisierung und ihrer Verschmelzung, die – Vision der unmittelbaren Zukunft – das Top-Down-Durchregieren von der Spitze bis zum letzten Individuum in Echtzeit garantiert. Wichtig dabei: Das ist für 90% aller Lebensfragen ein von vornherein fixer, ein absolut stabiler, ein Knochen- und Steinzustand, ein komplettes Gehäuse. In seltenen Fällen gelingt es das mit schier übermenschlichen Aufwand aufzubrechen. Meistens gelingt das nicht, wie jetzt wieder das Berliner Volksbegehren zur Energieversorgung gezeigt hat.

Die durchgängige Digitalisierung der Gesellschaft in der Regie der Superreichen macht in spezifischer Weise beide Pole, die oberste Spitze und die breiteste Basis, identisch. Obwohl das strukturell verankert ist und somit die gesellschaftlichen Lebensprozesse in hohem Grade automatisiert abgespult werden, wäre es nicht Leben, wenn es nicht nach wie vor das Spontane, das Freie geben würde.

Zur Bewältigung dieses „letzten Problems“ kaufen Superreiche jede Kreativität, derer sie habhaft werden können und pflegen/kultivieren mit ihrer Hilfe ein Maximum an Flexibilität, Flüssigkeit, Durchlässigkeit. Zur Neutralisierung eines unerfreulichen, tendenziell vielleicht gar unkontrollierten und damit gefährlichen sozialen Ereignisses kommt gegebenenfalls ein Weg mit einer einzigen Schaltstelle zum Tragen:

Tycoon des Superreichtums –  kompetente Funktionspersönlichkeit – Schütze A. auf verlorenem Posten.

Überflüssig zu sagen, dass das ohne alle Verschwörung funktioniert. Die ganz normale Vertraulichkeit zwischen „seriösen Geschäftspartnern“ reicht aus. Dennoch ist die „kompetente Funktionspersönlichkeit“ interessant. Dass ein mehr oder weniger bedeutendes geistiges Potential vorhanden ist, darf unterstellt werden. Es ist gefordert, gegensätzlicher Kräfte zu vermitteln. Was, wenn da ein moralischer Imperativ bewußt würde, nichts zu tun, was die eigenen Kindeskinder bedrohen könnte?

Diese Passage Krysmanskis hatte ich im Hinterkopf, als ich das Vorstehende aufschrieb:

„Gegen Verschwörungstheorien helfen im übrigen nur Klassentheorien. Dazu aber muss unser Wissen über den Kapitalverwertungsmechanismus, dessen Grundzüge wir kennen, bis in alle möglichen Verästelungen hinein, durch eine soziologische Analyse der derzeitigen Machteliten ergänzte werden…. Die Verflechtung, das Ineinanderübergehen von Klassenlagen,… die Hilflosigkeit der Ideologiekritik usw. verlangen einen kompletten Neuanfang. Und zunächst einen der Beschreibung. Nicht nur der „globalen Unterschichten“, des globalen Proletariats (Wallerstein), sondern vor allen Dingen der Oberschichten, der Machteliten.“ (H.-J. Krysmanski, „Hirten & Wölfe“, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, S. 112.)

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12 Antworten zu fix und flux – GGG und Peripherie (Jetztzeit 10)

  1. Winfried Sobottka schreibt:

    Alle Ideologien haben den Menschen ausgeblendet, haben ihn nicht anders behandelt als die Erfinder des Fließbandes und der Hochhäuser ihn behandelten und behandeln. Da liegt der Hund begraben, und dagegen hilft auch kein Klassenbewusstsein.

    Wenn man aber den Menschen verstanden hat, dann braucht man keine Ideologie mehr: Dann muss man nur dafür sorgen, dass er artgerecht leben kann, denn dann ist er in höchstem Maße sozial, vernünftig und fähig (jawohl!) zu einem Handeln und Leben im Konsens mit allen anderen Menschen. Das IST das, wovon Marx geträumt hatte!

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    • kranich05 schreibt:

      Bei der Verwendung von „artgerecht“ im Zusammenhang mit dem Menschen, dem gesellschaftlichen Wesen, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

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      • velogrino schreibt:

        Ja und die Neanderthaler haben „artgerecht“ und standesgemäß in Höhlen gehaust. Wenn heutzutage ein Hartz-IV-er in so eine artgerechte Höhle umziehen wollte, würden sie ihn ganz sicher in die Hupfla verräumen.

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      • Winfried Sobottka schreibt:

        So? Warum denn? Das sollten Sie nun tatsächlich erklären, wenn Sie so massive Ablehnung äußern, als hätte ich die Legalisierung sexueller Handlungen von Erwachsenen mit Kindern oder die Rückkehr der Nürnberger Rassegesetze gefordert!

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      • Winfried Sobottka schreibt:

        @ velogrino: Artgerechtes Menschenleben ist auf jedem Niveau der technologischen Entwicklung möglich.

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      • velogrino schreibt:

        @ Winfried S.
        Am besten wird sein, Sie definieren erstmal, was Sie unter „artgerecht leben“ verstehen. Sonst diskutieren wir ewig am Thema vorbei. Und vergessen dabei, daß es hier hauptsächlich um den Fall Mollath und das Versagen der bayerischen Justitia geht.

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    • Winfried Sobottka schreibt:

      @ velogrino: Dass Sie als Mensch nicht wissen, was unter artengerechtem Menschenleben zu verstehen ist, sollte wirklich jedem zu verstehen geben, wo unsere Gesellschaft steht. Mit dem Fall Mollath hat das übrigens auch zu tun: Wie ein artgerecht lebender Hund nicht böse ist, so ist auch ein artgerecht lebender Mensch nicht böse, würde soclhe Sachen, wie Brixner, Dr. Leipziger usw. sie gemacht haben, im Leben nicht tun. Andererseits passt Ihr Hinweis auf Mollath hier am wenigsten: In dem Artikel oben geht es doch gar nicht um Mollath! Warum also versuchen Sie, mit dem Hinweis auf Mollath eine Diskussion von vornherein einzugrenzen?

      Artgerechtes Leben bedeutet: Die Triebe erfüllendes Leben. Extreme Defizite gibt es bei uns auf breiter Front betreffend das Sozialleben, ganz speziell dabei auch das (zum Sozialleben gehörtenden) Sexualleben. Sie werden keine einzige Spezies außer unserer finden, in der es vorkommt, dass es zur Gewalt unter Ehepartnern kommt, keine einzige Spezies finden außer unserer, in der es überhaupt vorkommt, dass ein erwachsenes Männchen zerstörerische Gewalt an einem erwachsenen Weibchen ausübt, nicht einmal bei grundsätzlich auch kannibalisch handelnden Arten wie dem Hecht.

      Sie werden keine einzige Spezies außer unserer finden, bei der es – abgesehen vom Tod des Ehepartners – zu Liebeskummer käme.

      All das bringt niemanden auf die Idee, dass entscheidende Dinge schlichtweg falsch gemacht bzw. unterlassen werden – auch das ein Hinweis darauf, wie sehr die Gesellschaft, die sich für unglaublich klug hält, in Wahrheit doch verblödet ist.

      Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka, UNITED ANARCHISTS

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  2. tokchii schreibt:

    Hm. Der Versuch, diese Machteliten, zumindest hier in Deutschland, zu analysieren, zu beschreiben oder wenigstens ein wenig ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, wurde mit dem Buch „Ganz oben“ von Chistian Rickens (Kiwi, 2011) unternommen.
    Ansonsten hält sich diese Gesellschaftsschicht ja gerne eher bedeckt. Gerade in Deutschland. Während in China z. B. ganz gerne mit Reichtum “ geprotzt“ wird, gilt hier “ Über Geld spricht man nicht, man hat es“. Ob’s daran liegt, dass dieses Haben häufig (wohl bis heute) aus den nicht ganz legalen Eigentumsverschiebungen aus der NS-Zeit stammt? Oder in vielen Fällen durch Unterstützung der Rüstungsindustrie erwirtschaftet wurde?
    Superreiche, die durch ihr Können oder ihre Ideen dazu im Nachkriegsdeutschland geworden wären, sind mir bis auf den eher zwielichtigen Filesharingforumsbetreiber „Kim DotCom“ nicht bekannt…….

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    • kranich05 schreibt:

      „Der Versuch…“
      Das von ihnen erwähnte Buch kenne ich (noch) nicht. Danke für den Hinweis. Es kann wohl nicht DEN Versuch geben, sondern es wird viele verschiedenen Bemühungen geben zu beschreiben und zu verstehen und zu bekämpfen.

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  3. tokchii schreibt:

    Der moralische Imperativ, nichts zu tun, was die eigenen Kindeskinder bedrohen könnte ist als Wegweiser im Jungle des Lebens sehr nützlich.
    Stammt aber, wenn ich mich recht entsinne, aus der indianischen Philosophie. Die Indianer aber wurden von den Weißen besiegt, man könnte sagen ausgerottet. Damit letztendlich auch ihre Philosophie. Sonst hätten wir tendenziell eher nicht mit Klimaveränderungen, immer heftigeren und teureren Wetterereignissen, explodierenden Zahlen psychischer Erkrankungen und nicht zuletzt mit einer wachsenden Kriminalität ( Amokläufe in Deutschland, z. B.) zu kämpfen.

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    • Winfried Sobottka schreibt:

      Es läuft ein Selbstmordprogramm der menschlichen Art, in Gang gesetzt dadurch, dass die Geburtenrate nachhaltig größer war und ist als die Todesrate.

      Dabei greift das Artenselbstmordprogramm genau die beiden Faktoren an, die für die Entwickung des Menschen zum Beherrscher der Erde maßgeblich waren:

      1. Das menschliche Sozialverhalten, maßgeblich dafür, dass der Mensch als Gemeinschaftswesen überleben konnte, ist schon auf den Hund gekommen: Ehen im Eimer, Gewalt, Lüge, Egoismus usw. beherrschen die Gesellschaft.

      2. Die menschliche Intelligenz. Die menschliche Intelligenz ist eine sog. Kollektivintelligenz, weibliches und männliches Hirn sind auf ideale Ergänzung ausgelegt und können nur im Team perfekt funktionieren. Indem die Frauen schlicht und einfach für doof und böse erklärt wurden und alle Entscheidungsgewalt (und auch sehr lange sogar der Zugang zur Bildung!) zu einem männlichen Privileg gemacht wurde (Patriarchat), hat man der wirksamen Intelligenz eine Hälfte weggenommen! So braucht sich niemand darüber uzu wundern, dass der Irrsinn immer tollere Blüten treibt.

      Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka, UNITED ANARCHISTS

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