Netzwerkanalyse „Fall Mollath“ – 1 Zielstellung

Am Anfang steht der Wunsch eine Netzwerkanalyse zu machen. Dann folgen erste Überlegungen. Dann hoffentlich eine Diskussion, die Fortschritte bringt. 

Der „Fall Mollath“ ist ein bedeutendes, sich über Jahre erstreckendes gesellschaftliches Ereignis, dessen wissenschaftliche Reflexion helfen kann, unsere Gesellschaft besser zu verstehen.

Seit einigen Jahren wird zunehmend über moderne Methoden der Netzwerkanalyse als sozialwissenschaftlichem Forschungsinstrument geschrieben. Die Soziale Netzwerkanalyse beschreibt und analysiert Akteure, auch Gruppen von Akteuren und ihre Beziehungen zueinander. Es ist also nichts weniger als die Gesellschaft oder es sind Subsysteme der Gesellschaft, die sie tendenziell in ihrer Totalität abbildet.

Welches Ziel oder welche Ziele hat eine Darstellung des „Netzwerks des Falles Mollath“ (NwM) mit den Mitteln der Sozialen Netzwerkanalyse?

Zuerst antworte ich ganz praxisorientiert:

– die Fülle der Informationen sichern (einschließlich der jeweiligen Quellen), sie verfügbar halten, die im Verlauf des jahrelangen „Falles Mollath“ zutage getreten sind bzw. erarbeitet wurden. Das betrifft Informationen über Akteure ebenso wie Informationen über Beziehungen zwischen ihnen. (Diese Aufgabe ist nicht trivial. Viele Einzelinformationen liegen zerstreut im Internet. Sie liegen zwar vor, sind aber nur wenig systematisiert und oft unter Bergen weiterer Informationen begraben.)

– Zusammenhänge erkennen, die zwischen Informationen objektiv existieren, jedoch nicht bewußt wurden, da sie nur als Teilinformationen „weit voneinander entfernt“ (zeitlich oder räumlich) existieren

– „Informationslöcher“, Informationsdefizite, den Abriß von Informationsbeziehungen  identifizieren

– die Komplexität, die Tiefe, der Zusammenhänge veranschaulichen. Den Informationsstand, den sich aktive Mollathunterstützer in tagelanger, wochenlanger Mühe erarbeitet haben, so darstellen, dass neu Interessierte wesentliche Aspekte in Minuten begreifen können.

– Unterstrukturen des Netzes (sog. Cliquen) identifizieren und ihre Rolle im Gesamtnetzwerk beschreiben.

– Darstellung der Entwicklung des Netzwerkes über die Jahre.

– Die letztgenannten Teilziele sind nur mit Hilfe der modernen Rechentechnik zu bewältigen. Entsprechende Software ist im Netz kostenlos oder für wenig Geld verfügbar. Selbsterklärend ist ihre Handhabung aber nicht, trotzdem erlernbar.

– Inwieweit die „hohe Schule“ (Statistik, Mathematik) der Netzwerkanalytik im vorliegenden Fall angewendet werden kann, muß zunächst offen bleiben. Es ist eine Frage der Qualität der Daten, und wir sind auf vorhandene Daten angewiesen, können nicht systematisch (und etwa statistisch begründet) Daten neu erheben.

Mir schwebt vor, alles hier im Blog als einen öffentlichen Prozeß zu gestalten:

* die grundsätzliche Verständigung über die Ziele des bisher nur als Wunsch existierenden Projekts

* die Abgrenzung und innere Strukturierung des Projekts

* die Sícherung eines methodisch einheitlichen Vorgehens bei der Erfassung der Netzwerkdaten

* zeitliche Planung von Arbeitsschritten

* fortlaufende (freudige!) Verständigung über Teilergebnisse, ihre interessante Darstellung (die auch in künstlerischer Form (Mark Lombardi) erfolgen kann)

* und Vieles mehr.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, bloggen, Demokratie, Materialismus, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Netzwerkanalyse „Fall Mollath“ – 1 Zielstellung

  1. Lutz Lippke schreibt:

    Hallo,
    ich finde das eine gute Idee. Die Chancen und Schwierigkeiten sind auch schon benannt. Vielleicht sollte man zunächst eine grobe Einordnung des Geschehens versuchen.
    Vielleicht lassen sich dann Ziele, Methodik und notwendige Abgrenzung besser bestimmen.
    Gruss
    Lutz Lippke

    Liken

    • kranich05 schreibt:

      Könnten Sie noch ein wenig ausführen, was Sie unter „grober Einordnung des Geschehens“ verstehen?

      Liken

      • Lutz Lippke schreibt:

        Grobe Einordnung?
        Ich meine natürlich nicht die Umgangsformen 😉

        Skizze:
        Der Fall M. hat typische Merkmale, die ähnlich in mehreren oder vielen Fällen vergleichbar auftreten. Hier sind Umgang mit Falschbeschuldigung, Selbstverständnis der Justiz, Verfahrensrechte, bestimmte Gesetze etc. bis zur Einweisung/Verurteilung relevant.

        Eine spezifische Dimension des Falls M. ist die Verknüpfung mit Schwarzgeldgeschäften, und persönliche Verquickung von einflussreichen Leuten usw.

        Interessant ist auch die Aktivierung und Kraft von Bürgerwehr, sowie der Abwehr- und Zersetzungsstrategie durch Politik, Justiz und Medien.
        Wer sind die Unterstützer? Herkunft, Aktivierung, Ziele?
        Wer lässt sich wie zur Abwehr der Unterstützung einspannen und warum?

        Die Themen Wiederaufnahme, Korrekturen, Rehabilitation, Entschädigung, Konsequenzen wären eine weitere Sache.

        Ich möchte aber auch die Frage aufstellen, welches Ziel angestrebt und erreichbar erscheint. Brandmarkung und Umsturz wird nur wenig Resonanz finden, das ist einfach Realität. Transparenz und Veränderungsdruck unter Einbeziehung derjenigen, die im System derzeit noch „funktionieren“ wird eher zu Offenbarung und Ergebnissen führen. Ich plädiere dafür, die Dinge offen für Erkenntnis und Reifung anzugehen. Wer jetzt schon Alles weiß und das Ergebnis vorgibt, bleibt der ewige Rufer in der Wüste. Selbst wenn er mit allem recht hat.

        Grüsse
        Lutz Lippke

        Liken

  2. Winfried Sobottka schreibt:

    Hier habe ich schon einmal eine Quelle, ein SZ-Artikel (Print) als PDF:

    http://dokumentenblog.files.wordpress.com/2012/12/2012-12-03-sz-der-verraeumte-mann.pdf

    Das betreffend Netzwerk wichtige Zitat aus dem Artikel ist auf dem folgenden Bild wiedergegeben:

    Liken

  3. Sabine schreibt:

    Kennt das eigentlich jemand?
    http://oe1.orf.at/artikel/209590

    Liken

    • kranich05 schreibt:

      Danke für den Hinweis. Ich wußte von der Richterin, damals in der akuten Phase.
      Die Zersplitterung, die Zerstreuung. Es gelingt denen, Erreichtes zu erlegen und so Zusammenhänge nicht ins Bewußtsein dringen zu lassen. So wird der historische Lernprozess unterbunden. Mit viel Erfolg aber nicht mit absolutem Erfolg. 🙂

      Liken

  4. Lutz Lippke schreibt:

    Zu den großen Ideen und zu einzelnen Details lese ich hier immer viel. Und gerne, ich bin grundsätzlich nicht abgeneigt. Was mir fehlt ist das „Dazwischen“, die Substanz und der sachliche, unabhängige Blick. Der Versuch, zumindest. Jedes Detail, jede Person wird hier sofort mit den feststehenden großen Ideen verbunden, bewertet und eingeordnet. Damit werden Widersprüche scheinbar aufgelöst, aber gleichzeitig das Lebendige, das Zwiespältige ausgegrenzt. Prioritäten und Kompromisse haben keinen Platz. Ein ideologischer und selbstsüchtiger Trip.
    Zur Veranschaulichung eine Beispielgeschichte, hinkend und mehr oder minder ausgedacht:
    Der BER-Flughafen-Oberaufsichtsrat in Berlin will unbedingt einen Super-Hauptstadtflughafen bauen. Und er will unbedingt im Kosmetik-Store der Super-Airport-Shopping-Mall eine exquisite Herrenabteilung haben. Wer gegen die Herrenabteilung ist, ist auch gegen den BER. Wer den BER will, muss auch die Herrenabteilung mögen. Ohne Herrenabteilung kein BER.
    Technische Fragen mit wesentlicher Substanz wie Entrauchungsanlage, Terminalkapazitäten, Bauüberwachung sind nicht die Domäne des großen Visionärs der Herrenabteilung, äh des BER. Darum sollen sich Andere kümmern, …wenn sie die Herrenabteilung mögen.
    Dabei wäre es eigentlich egal, ob die „Anderen“ Herrenabteilungen mögen und was sie vom BER halten. Sie müssen sich nur mit den entscheidenden Problemen auskennen und bereit sein, sie erfolgreich zu lösen. Denn diese scheinbaren Nebensachen entscheiden grundsätzlich über Erfolg oder Misserfolg des Projekts im Wert von tausenden Herrenabteilungen.
    Fazit:
    Aus großen Ideen und kleinen Animositäten schöpft man keinen Erfolg, nicht beim technischen Projekt und nicht beim Klassenkampf. Weiter weiß ich’s nicht.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s