Frech und witzig – Michael Scharang

Frage: Die Idee der Revolution wurde von bürgerlichen Kommentatoren spätestens 1991 für tot erklärt. Ein Ergebnis der gegenwärtigen Krise ist, daß wieder über Kapitalismus geredet wird. Haben sich die Voraussetzungen für die Arbeit eines linken Schriftstellers während der letzten Jahre verändert?

„Wer Kapitalismus sagt, dem wird unterstellt, er sei gegen den Kapitalismus, es sei denn, er betont das Gegenteil. Die Folge der Heuchelei ist Scheinkritik. Das ist die Kloake, aus der die Kapitalismuskritik entsteigen muß. Daß solche Kritik das Ziel hat, das bestehende System zu stürzen, weil es sich endgültig als unbrauchbar, unmenschlich, unproduktiv und verbrecherisch erwiesen hat, wird vergessen. Man bleibt lieber in der Kloake stecken und rät dem Kapitalismus, sich zu bessern. Das ist der Stand heutiger Kapitalismuskritik. Ein herrlicher Zustand: Ein System ist am Ende, es wird nur noch von seinen Kritikern am Leben erhalten. Für einen linken Schriftsteller eine ideale Situation, zumal in meinem Alter. Für Heiterkeit ist gesorgt.“

Frage: Bringt es das Alter mit sich, der Realität mit mehr Heiterkeit begegnen zu können?

„Nein.“

Aber Ihre polemischen Essays laden doch dazu ein, den Herrschenden auch mal ins Gesicht zu lachen.

Michael Scharang

Michael Scharang

„Die Fetzen fliegen nicht mehr, die Oberen haben gesiegt. Das Leichentuch wird über die Gesellschaft gebreitet, damit man nicht sieht, daß die Unteren im Todeskampf liegen. Sie sind nicht tot, man braucht sie noch zwecks Ausbeutung, aber sie können nicht mehr kämpfen, und dafür werden sie von den Siegern auch noch verachtet. Das ist, was die materiellen Verhältnisse anlangt, grausam. Im Bereich der Kultur wirkt das komisch. Die einzige geistige Frage, die das Establishment beschäftigt, lautet: Wie kann man die geknechteten Menschen so verblöden, daß sie nie wieder eine geistige Regung von sich geben? In der Art allerdings, wie das Establishment die Leute vertrottelt, gibt es die eigene Trottelhaftigkeit preis. Das ist selbst dann zum Lachen, wenn es nichts mehr zu lachen gibt.“

Frage: Einstweilen haben die Herrschenden aber noch einige Tricks auf Lager, in Österreich etwa Scheinalternativen zu den etablierten Parteien. Der in die Politik gewechselte Gründer des Magna-Konzerns und Milliardär Frank Stronach ruft derzeit bei nicht wenigen Begeisterung hervor. Was bedeutet das, wenn dieser bei Wahlen auf Anhieb bis zu elf Prozent der Stimmen abräumt?

„Das bedeutet nichts. Genauer: Das bedeutet nur, daß Politik an Bedeutung verliert. Wenn eine der beiden Seiten glaubt, den Klassenkampf endgültig für sich entschieden zu haben, kommt nur mehr soviel Politik zum Einsatz, wie zum Machterhalt nötig ist. Politik wird Teil der Unterhaltungsindustrie, der Politiker zum Wurstel. Früher hat man den Politiker eine Charaktermaske genannt, die vom Gemeinwohl faselt und fürs Kapital arbeitet. Diese Maske aufzusetzen ist nicht mehr notwendig. Der Politiker sitzt seine Amtszeit ungeduldig ab und geht dann in die Leitung eines Unternehmens, wo er endlich ordentlich verdient. Früher schickte das Kapital jenes Personal, das fürs Geschäft nicht taugte, in die Politik. Jetzt schickt es ein Personal in die Politik, das auch für die Politik nicht taugt.

Wenn Politik keine Rolle spielt, kann man sich das leisten. Das wird sich ändern, wenn es wieder gesellschaftliche Auseinandersetzungen gibt. Bis dahin ist Politik für gelangweilte Milliardäre ein lustiger Zeitvertreib. Es ist egal, ob sie sich einen Rennstall kaufen oder eine politische Partei. Kein Grund zur moralischen Empörung. Die Käuflichkeit der Welt ist ein historischer Fortschritt. Das Dumme ist nur, daß andere sie schon gekauft haben, wenn wir kommen und auch was von der Welt haben wollen. Dann wird der Handel zum Raufhandel.“

Das ganze Interview hier.

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