Ist die Revolution denkbar? (Jetztzeit 1)

Weil der Gustl Mollathskandal nicht zu verstehen ist als eine unglaubliche Häufung von „Pleiten, Pech und Pannen“ (ebensowenig wie der NSU-Skandal), weil er Grenzen unseres Gesellschaftssystems berührt, habe ich mich immer gewundert, daß sich nur wenige Linke dafür interessierten. Zumindest hatte ich erwartet, daß sie das Thema zum Ansatzpunkt systemkritischer Betrachtungen nehmen. Fehlanzeige. Auch die Partei „Die Linke“ zeigte sich desinteressiert.

Eine andere Erscheinung wird immer wieder erstaunt zur Kenntnis genommen. Ich meine die häufig zu hörende Feststellung, daß die Krise des gegenwärtigen „Raubtierkapitalismus“ nun schon jahrelang anhalte aber die marxistische Linke davon nicht profitiere. Keine Stimmenzuwächse, kaum sichtbare Aktionen. Das ist buchstäblich in allen Ländern zu beobachten, gerade auch dort, wo die Krise hart zuschlägt.

Ob beide Beobachtungen gleiche Ursachen haben? Ich sage ja. Und der Hauptgrund liegt auf der Hand: Die Linke hat kein Konzept. Es geht nicht um irgendein Konzept: Man nehme dies und transformiere das – PR-Geschwafel. Es geht um die revolutionäre (Selbst)befreiung der Menschen auf dem Wege der Umwälzung der Gesellschaft.

Schon diesen Anspruch zu formulieren – ich wiederhole und formuliere ihn krass: Notwendig ist ein Konzept, eine Theorie und ein politisches Programm zur revolutionären Befreiung der Menschen auf dem Wege der Umwälzung der Gesellschaft. Schon das ist MEGA MEGA OUT. Revolution gilt als nicht mehr denkbar. Das ist heute „Stand der menschlichen Erkenntnis“. Alles andere ist erledigt, bleibt erledigt, und wer es doch in den Mund nimmt, erledigt sich selbst. Vielleicht muß man Opa sein, der seine eigene Beendigung, obwohl er wirklich gern die Abendsonne genießt, nicht verdrängen mag, um zu sagen, was doch sagenswert ist.

Kaum zu glauben, es ist wenig mehr als 20 Jahre, daß noch viele, viele Menschen, vielleicht gar massenhaft Menschen, an die reale Möglichkeit eines ganz anderen gesellschaftlichen Zusammenlebens glaubten. Und kaum zu glauben, seit mindestens 250 Jahren haben die mächtigen geistigen Werte einer humanistischen Gestaltung der Gesellschaft das Denken der Menschheit und viele ihrer Taten mitbestimmt. Das ganz andere „Reich der Freiheit“ war zwar nie erreicht, aber es wurde ernsthaft gedacht.

Gewiß, es ist schon lange her, daß Adrian Leverkühn sie zurücknahm, die IX. Sinfonie. Die humanistischen Werte waren auch damals umkämpft. Aber seit Jahrhunderten gab es nicht diesen scheinbaren Sieg der Wüste. Ich versuche mein gegenwärtiges Leben zu verstehen als den Augenblick, der in ein langes historisches Kommen und Gehen eingebettet ist, eigentlich ein unendliches. Es gab das „Zeitalter der Aufklärung“, es gab die „welthistorische Wende des Marxismus“. Beide sind Vergangenheit. Beide mit einem Pfand für die Zukunft.

Die Gedanken sind frei. Sie können sich aufgeben, oder sie können dem Menschen etwas aufgeben. Ich versuche es mit Letzterem.

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6 Antworten zu Ist die Revolution denkbar? (Jetztzeit 1)

  1. 5jahrehartz4 schreibt:

    Revolution geht nicht mehr, weil:
    1. es gibt keine Bahnsteigkarten mehr zu kaufen
    2. es gibt keine Antragsformulare dafür
    aber wieder im Ernst
    unseren ‚Führern‘ geht es nur noch um Selbstbereicherung und Selbstdarstellung – die Menschen haben keinen Wert mehr. Ideen, Visionen sind mit Arbeit verbunden und das ist unerwünscht und macht auch unbeliebt. Alles was über das Quartalsergebnis rausgeht ist zu viel.
    Vor allem scheint auch das denken obsolet zu sein – scheint weh zu tun. Außerdem sind wie ich jetzt persönlich vermute inzwischen alle stromlinienförmig eingestellt/gleichgeschaltet worden. Wenn ich da manchmal eine zum Glück weit entfernte Bekannte, ehem. Lehrerin höre die das nur geworden ist um jetzt ihre Pension zu bekommen und jeder 10. Satz ist ‚man darf nicht auffallen‘, dazwischen ein ‚man muss einfach drüber reden‘ (klasse und wann wird gearbeitet, entscheiden,….?) dann wundert einem nichts mehr. Vor ein paar Jahren haben wir uns noch drüber amüsiert, dass es so viele Praktika für Schüler gibt, usw. Inzwischen haben wir live erlebt dass man froh sein kann wenn die sich mit Werkzeug nicht selbst verstümmeln – die sind es auch gewohnt alles x-mal erklärt zu bekommen – Rückschlüsse ziehen oder sich was merken, ist unbekannt. Tenor ‚du bist schuld, du hast mir nicht gesagt, dass der Hammer nach unten fällt wenn ich ihn loslasse und dass dann mein Fuß weh tut weil er getroffen wurde‘ – man setzt dafür sogar die Physik außer Kraft, bzw. das ist ein anderes Fach und gehört nicht zum Werkunterricht.

    Aber vielleicht geht es doch mal allen so miserabel (was wirtschaftlich absehbar ist) dass sogar die sich bewegen müssen oder untergehen.

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    • Covog schreibt:

      schon lange nicht mehr so einen Quatsch gelesen! Als ob jetzt unsere Jugendlichen Schuld haben an der beschissenen Lage in DE.
      Die wurden durch unser längst reformierbedürftiges Schulsystem (wie lautet eigentlich deren Bildungsauftrag?) *dumm gehalten* . Was nicht bedeutet, dass nicht genügend Intelligenz vorhanden wäre.

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  2. Reinhold Schell schreibt:

    Denke es ist nie zu Späth. Die Wahlen bieten für Änderungen eine gute Vorraussetzung und jetzt
    schaue ich Fussball Dortmund gegen Hamburg. Dann schuan wir mal.

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  3. Die Revolution ist machbar und am Beispiel Schweiz nachvollziehbar bereits in Schwung :

    http://www.taz.de/!120741/

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  4. Breitenbach schreibt:

    REVOLUTION?

    O h n e  Revolution wird es nicht ge­hen.
       Was mei­ne ich mit »es« (was an­geb­lich nicht gin­ge)? Ich mei­ne die Schaf­fung ei­ner herr­schafts­frei­en (der sog. klas­sen­lo­sen) Ge­sell­schaft, die welt­weit eben nur ein ein­zi­ges Mal ge­schaf­fen wer­den kann (»So­zia­lis­mus« in ei­nem Land – gar »Kom­mu­nis­mus« dort -, reicht als Per­spek­ti­ve kei­nes­falls aus).
       Revolution ist, nach einem an­ti­quiert, ter­mi­no­lo­gisch teils zu­tref­fen­den, teils je­doch aus un­ter­schied­li­chen Grün­den ideo­lo­gisch bis re­li­gi­ös über­frach­te­ten Wort (be­reits bei Marx & Engels feh­ler­haft an­ge­legt):  n o t­ w e n­ d i g. »Not­wen­dig« im Sinn von er­for­der­lich – nicht et­wa im Sinn von: »un­aus­weich­lich« resp. au­to­ma­tisch ein­tre­tend.
       Jede Revolution bisher war ge­walt­sam und wird dies wohl oder übel blei­ben müs­sen. Al­le Ge­walt gin­ge bei ei­ner im durch­schnitt­li­chen Mensch­heits­in­te­res­se lie­gen­den und in tech­ni­scher Hin­sicht schon seit sehr lan­ger Zeit kei­ner­lei Pro­ble­me auf­wer­fen­den so­zia­len Re­vo­lu­tion hy­po­the­tisch tat­säch­lich vom Volk aus. Zu die­sem Zweck je­doch müßte »das Volk«, d. h. ein je­des der vie­len, vie­len Völ­ker, erst ein­mal ad­äquat be­waff­net wer­den.
       In dem be­reits seit län­ge­rem ge­star­te­ten nu­klea­ren Zeit­al­ter hieße dies: Kon­trol­le über die Nu­klear­waf­fen, gleich­mäßig über al­le Na­tio­nen ge­streut (ir­gend­wel­che »Che­mie­waf­fen« könn[t]en höch­stens ir­gend­wel­chen lo­ka­len Re­gie­run­gen ge­fähr­lich wer­den).
       Wer­den bun­des­deut­sche Nu­klear­kraft­wer­ke wirk­lich aus »hu­ma­nen«« (harr harr!) Be­weg­grün­den ab­ge­schal­tet, wie of­fi­ziös ge­mer­kelt? –

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  5. Pingback: Post von Dr. Weinberger | opablog

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