Über Franz Kafka

Gastbeitrag von Richard Albrecht

Franz Kafka, deutschsprachiger visionärer Schriftsteller, dessen posthum veröffentlichte Romane – vor allem Der Prozeß (1925) und Das Schloß (1926) – Ängste und Entfremdung des Menschen im 20. Jahrhundert ausdrücken.

Fünfundzwanzig Jahre nach Erarbeitung eines Anfang 1989 vom damaligen Südwestfunk Baden-Baden gesendeten Essay über Franz Kafka (1883-1924), seinen Josef-K.-Roman Der Prozeß und dessen Staats-, Justiz- und Bürokratiekritik, wollte ich wieder etwas über Kafka schreiben (an dessen Texte und Denkformen ich über die Jahre, zuletzt auch kurz im Netz, erinnerte: eine im Kölner Böhlau-Verlag veröffentlichte Neuerscheinung über Kafkas Prag sollte besprochen werden.

Das war, leider schade, nicht wie geplant und vorbereitet möglich: über die Gabe, nicht gelesene Bücher (so) zu rezensieren (als hätte ich sie gelesen), verfüge ich immer noch nicht. Das vor Monaten mehrfach in Köln bestellte Buch kam aus welchen Gründen auch immer und immer noch nicht im etwa 60 km entfernten Bad Münstereifel im NRW-Südzipfel an.

Soweit so schlecht. Könnte man sagen. Man kann freilich auch aus der rezensentischen Not eine autorische Tugend machen. Und wie folgend einige der in den letzten fünfundzwanzig Jahren gelesene und positiv erinnerte Bücher über Kafka nennen und zu diesem von mir, ähnlich wie Hans Henny Jahnn (1894-1959) und Elias Canetti (1905-1994), hochgeschätzten Autor des vergangenen „kurzen“ Jahrhunderts, der alles andere als ein „literarischer Vertreter der nihilistischen  Verzweiflung“ respektive entsprechender „gesellschaftlicher Strömungen“(1) ist – anstatt weiterer – einige Lesehinweise geben:

Zunächst auf Leo Koflers Deutung des K.-Romans, aufgespeichert in der scheinbar paradoxen poststalinistischen Schlüsselmetapher nihilistischer Humanismus (2). Sodann auf Christoph Stölzls grundlegende Aufarbeitung der rabiaten Judenfeindschaft in Böhmen vor dem Ersten Weltkrieg (3) als „großem Weltfest des Todes“ (Thomas Mann) und Horst Althaus´ ortsnah-sensitive Deutung des Landvermesser-Romans Das Schloß (4).

Materialreich zwei recht unterschiedliche, 1999 und 2002 ersterschienene, Kafka-Bücher. Einmal Janko Ferks Buch über den vom Nationalökonomen und Kultursoziologen Alfred Weber, wie damals in Österreich-Ungarn üblich ohne schriftliche Doktorarbeit nach „strenger mündlicher Prüfung“, 1906 promovierten Juristen Kafka (5). Zum anderen der Ausstellungsband über Kafkas berufliche Tätigkeit und sein fachliches Engagement als langjähriger Angestellter (in) der Zentralverwaltung der halbstaatlichen Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag (6). Hier findet sich auch Kafkas an den Freund Max Brod (1884-1968) gerichteter erstaunt-verwunderter Ausruf über Geduld und Demut böhmischer Arbeiter: „Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen zu uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten.“

Diese tour d’horizon en miniature soll nicht enden ohne Hinweis auf eine aktuelle handlungssoziologische Deutung von Kafkas (1912 geschriebener, 1915 veröffentlichter) Erzählung Die Verwandlung als Samsas familiäres Drama (7).

Sollten Sie mich fragen, welche Texte von Kafka ich empfehle – möchte ich passen und könnte Ihnen nur – anstatt weiterer – die drei Texte, die ich immer wieder gern lese, nennen: Kafkas Roman(fragment) Der Prozeß, seine sarkastische Kurzerzählung Bericht für eine Akademie (1917) und seine doppelbödige Türhüter-Parabel Vor dem Gesetz (1915), in der der Autor das grundsätzliche „Es ist  möglich“ durch den lakonistischen Zusatz „jetzt aber nicht“ präzisierte. Und Sie darüber hinaus noch auf ein „vergessenes“, 1951 und 1961 erschienenes, Erinnerungsbändchen aufmerksam machen (8).

Im Übrigen hoffe ich als intellektueller Sozialwissenschaftler, was ´gesichertes wissenschaftliches Wissen´ betrifft, etwas Entscheidendes von Franz Kafka gelernt zu haben: immer dann, wenn „lebendige Menschen“, etwa durch Justiz und Staatsbürokratie, in „tote Registraturnummern“ verwandelt werden, um sie als Objekte zu beherrschen (9), wirkt ´falsches´ Bewußtsein als besondere Form gedanklicher Verkehrung und als Ausdruck der Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse. Ohmacht der dieser Herrschaft unterworfenen Subjekte ist deren erste Erscheinungsform und allgegenwärtiger Ausdruck. Und gegen diese Herrschaft(en) ist Rebellion allemal berechtigt.


 

(1) Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling bis Hitler. Berlin; Weimar: Aufbau, ³1984: 619

(2)Leo Kofler, Der Prozeß; in: Bettina Clausen; Lars Clausen, Hg., Spektrum der Literatur. Gütersloh: Bertelsmann, 1975: 324-325

(3) Christoph Stölzl, Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden. München: Edition Text + Kritik, 1975, 147 S.

(4) Horst Althaus, Franz Kafka. Ghetto und Schloß; in: ders., Zwischen Monarchie und Republik. Schnitzler – Hofmannsthal – Kafka – Musil. München: W. Fink, 1976: 134-158

(5) Janko Ferch, Recht ist ein „Prozess“. Über Kafkas Rechtsphilosophie. Wien: Manz, 1999, X/116 S.; Wien: Atelier, ²2006, 182 S.

(6) Kafkas Fabriken. Mit einem Verzeichnis der ausgestellten Stücke als Beilage. Marbacher Magazin. Bearbeitet von Hans-Gerd Koch;  Klaus Wagenbach. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft, ²2003,  162 S.; Zitat  S. 39

(7) Knut Berner, „Familienaufstellung“ – Franz Kafkas Die Verwandlung als Metapher des Bösen; in: Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau, 35 (2012) 65: 109-122

(8) Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen von Gustav Janouch. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1951, 138 S.; Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt/M.: Fischer Bücherei, 1961, 156 S.

(9) Richard Albrecht, Macht machtet. Ohnmacht nicht; demnächst in: soziologie heute, 30/2013 [August 2013]

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Eine Antwort zu Über Franz Kafka

  1. Breitenbach schreibt:

    »Wie be­schei­den die­se Men­schen sind. Sie kom­men zu uns bit­ten. Statt die An­stalt zu stür­men und al­les kurz und klein zu schla­gen, kom­men sie bit­ten.«

    Die­ses Kaf­ka-Zi­tat er­in­nert mich an ein an­deres Tu­chol­skys (ge­fun­den in ei­ner Vor­schau der un­ter hausarbeiten.de ins Netz ge­stell­ten Exa­mens­ar­beit, 1996, von Ant­je Kopp-Wage­ner: »Kurt Tu­chols­ky: Die War­nun­gen des Ig­naz Wro­bel in der Welt­büh­ne«):

    »Was da he­ran­wächst, läßt die schlimm­sten Be­fürch­tun­gen wach wer­den. […] We­he der Ju­gend, die nicht ein Mal in ih­ren Jah­ren um­stürz­le­risch ge­sinnt ist – hat ein­mal in die­sen Blät­tern ge­stan­den. […] Die Re­vo­lu­tion. Man spricht un­gern von ihr. Und wenn, mit un­ver­hoh­le­ner Ver­ach­tung. Sie ist selbst da­ran schuld – denn sie ist Kei­nem ernst­lich zu Lei­be ge­gan­gen. Kä­men ih­re Geg­ner heu­te ans Ru­der: wir er­leb­ten in Deutsch­land ei­ne Men­schen­schläch­te­rei, von der Lieb­knechts und Lan­dau­ers Er­mor­dung ein un­zu­rei­chen­der Vor­ge­schmack war.« (I. W., WB, 16.10.1919, Nr. 43, S. 475)

    So ge­schah es. Und bis heu­te blie­ben de­ren Geg­ner auch am Ru­der, die Bitt­stel­ler hin­ge­gen wer­den im­mer mehr.

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