Wie ich von der Papstwahl auf Korallenriffe komme

Ganz einfach. Korallenriffe sind der tote Stein, der vom lebendigen Leben der auch Blumentiere genannten Korallen übrig bleibt.

Genauso ist die Kirche als hierarchischer Apparat das Verwandlungs-, Ablagerungs- und Absterbeprodukt eines lebendigen Christentums.

Deschner, die frühchristlichen Gemeinden betrachtend, schreibt: „In den frühesten christlichen Gemeinden gaben Apostel, Propheten und Lehrer den Ton an. Ihnen gegenüber traten die Bischöfe, Diakone, Presbyter zurück. Sie waren zunächst nur technische Verwalter, mit administrativen, organisatorischen, ökonomisch-sozialen Funktionen betraut. Dann schob sich der Bischof an die Spitze: erst gegenüber den Presbytern, denen er im ganzen 1. Jahrhundert an Rang gleichstand, schließlich auch gegenüber den Charismatikern, den Aposteln, Propheten und Lehrern. Seit dem ausgehenden 2. Jahrhundert vereinte er alle Ämter auf seine Person.“ (Karl Heinz Deschner: „Kriminalgeschichte des Christentums“, Zweiter Band Die Spätantike, Rowohlt Verlag Hamburg, 2. Auflage, 2001, S. 67)

Ich sehe eine frappierende Paralelle zur russischen Oktoberrevolution. Stalin war zunächst hinter Lenin im Amt des Sekretärs, später Generalsekretärs, nichts weiter als der oberste Bürokrat, mit Deschner zu reden, Verwalter der Partei. Nur wenige Jahre später „vereinte er alle Ämter auf seine Person“ und ließ sich kultisch verehren, wie es fast an Papstverehrung heranreicht.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Blödmaschine, Demokratie, Faschismus alt neu, Kirche, Lenin, Machtmedien, Materialismus, Mensch, Realkapitalismus, Revolution abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Wie ich von der Papstwahl auf Korallenriffe komme

  1. Breitenbach schreibt:

    An Ver­su­chen, ein t e r t i u m c o m p a r a t i o n i s zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Chri­sten­tum auf­zu­stel­len, hat es in der Ge­schich­te nicht ge­fehlt (schon ein Weit­ling und noch der spä­te Erich Fromm leb­ten qua­si da­von). Meist wird dann in die­sem Ver­gleich der »il­lu­sio­nä­re« As­pekt des Kom­mu­nis­mus auf der ei­nen und der »hu­ma­ni­tä­re« As­pekt des Chri­sten­tums auf der an­de­ren Sei­te her­aus­ge­stri­chen (in neue­rer Zeit hat sich hier ein ge­wis­ser Ror­ty her­vor­ge­tan). Sel­te­ner be­tont, da aus Sicht der Herr­schen­den ein für sich selbst spre­chen­des fa­mo­ses Ei­gen­tor, wird, wenn Kom­mu­ni­sten dem ein­ge­fleisch­ten Geg­ner da­durch Vor­schub lei­sten, daß sie von Gleich­ge­sinn­ten ei­nen »he­ro­ischen« Op­fer­mut ver­lan­gen, der dem christ­li­chen Sen­dungs­be­wußt­sein in nichts nach­steht. Bei­spiel: »Seit je­her galt in der So­zial­de­mo­kratie der Klas­sen­kampf und die in­ter­na­tio­na­le So­li­da­ri­tät des Pro­le­ta­ri­ats als ober­ster Grund­satz […] – das war un­ser Evan­ge­li­um. […] [Ohne] […] Op­fer­freu­dig­keit und höch­sten Ide­alis­mus kann die Ar­bei­ter­sa­che nicht sie­gen« (»Wo­für kämpf­te Lieb­knecht, und wes­halb wur­de er zu Zucht­haus ver­ur­teilt?« – auf der In­ter­net­sei­te http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1916/10/liebknecht.htm heißt es da­zu in »An­mer­kung 1. Il­le­ga­les Flug­blatt der Spar­ta­kus­grup­pe vom Mai 1916. In ›Spar­ta­kus im Krie­ge: Die il­le­ga­len Flug­blät­ter des Spar­ta­kus­bun­des im Krieg‹, ge­sam­melt und ein­ge­leitet von Ernst Mey­er, Ber­lin 1927, wird Ro­sa Lu­xem­burg als Ver­fas­se­rin ge­nannt«). Muß­te sie Marx der­ma­ßen »auf den Kopf stel­len«? »Op­fer­freu­dig­keit und höch­sten Ide­alis­mus« hat­ten, in­dem sie für ih­ren Kai­ser in den Krieg zo­gen, nicht nur die deut­schen Ar­bei­ter, son­dern schon je­ner dort am Kreuz be­wie­sen. Star­ben »Rosa L.« et al. am En­de aus Op­fer­freu­dig­keit? (Zum Ver­gleich 1. Mak­ka­bä­er 2,37: »Wir wol­len lie­ber al­le ster­ben, als schul­dig wer­den. Him­mel und Er­de sind un­se­re Zeu­gen, daß ihr uns ge­gen je­des Recht um­bringt.«)

    Wenn man Äp­fel mit Bir­nen ver­gleicht, kann man frei­lich zu dem Schluß kom­men, daß es sich in bei­den Fäl­len um Obst han­delt. Bei län­ge­rer La­ge­rung in Fäul­nis und Zer­fall über­zu­ge­hen, ist je­doch nicht nur für Obst­sor­ten ty­pisch, son­dern für al­le sterb­li­chen Or­ga­nis­men ober­halb der Stu­fe von Ein­zel­lern. Ent­ar­ten kann je­des Sy­stem, und we­der Sta­li­nis­mus noch Ost­rom hat­ten den sprich­wört­li­chen Bü­ro­kra­tis­mus für sich ge­pach­tet; pa­ral­lel ent­stand er auch in an­de­ren Welt­ge­gen­den, et­wa dem chi­ne­si­schen Kai­ser­reich, und be­reits Ador­no sprach nicht sel­ten von ei­ner »to­tal ver­wal­te­ten Welt«. Für den sich ab­zeich­nen­den End­zu­stand schla­ge ich den Ter­mi­nus »Mo­no­kra­tie« vor.

    Wo – um die Gren­zen die­ses Ver­gleichs auf­zu­zei­gen – lie­gen nun die nach­weis­li­chen Un­ter­schie­de zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Chri­sten­tum – so­gar noch in ih­rer je­wei­li­gen op­por­tu­ni­sti­schen Va­ri­an­te?

    Re­vo­lu­tio­nä­re Er­he­bun­gen z. B. hat­ten pau­li­ni­sche Chri­sten nie im Sinn. So­bald sich hi­sto­risch ei­ne Ge­le­gen­heit er­gab, schlug ihr von ver­zwei­fel­ter Welt­flucht ge­kenn­zeich­ne­ter Ne­ga­ti­vis­mus in of­fen kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re An­pas­sung um (»Run­der Tisch« mit den Herr­schen­den, so­zu­sa­gen). Of­fen kon­ter­re­vo­lu­tio­när da­ge­gen war Sta­lin nie; ge­nau da­rin be­stand das Prob­lem. Da­rü­ber hin­aus ließ er, so­weit mir be­kannt, auch nie Ge­ni­ta­lien fol­tern und ver­stüm­meln. Die­se Spe­zia­li­tät teil­te die In­qui­si­ti­on al­lein mit den hi­sto­ri­schen Fa­schi­sten und ih­ren post­mo­der­nen Nach­fol­ge­tä­tern. Das häu­fig auch in un­ent­gelt­li­chen Zu­trä­ger­dien­sten an die­se be­ste­hen­de Dif­fe­ren­ti­al­dia­gno­sti­kum und ent­schei­den­de We­sens­merk­mal, das zu­ver­läs­sig rechts von links schei­det, be­steht nach Aus­weis der klas­si­schen Psy­cho­ana­ly­se (um die Desch­ner lei­der ei­nen Bo­gen macht) in dem psy­chi­schen Me­cha­nis­mus der »Pro­jek­ti­on«. Zum Ein­stieg in die­se Prob­le­ma­tik gut ge­eig­net ist der in­struk­ti­ve Auf­satz »Mit Feu­er das Ge­lüst le­gen« von Pe­ter Pris­kil (http://ahriman.com/system_ubw/ubw0183.htm).

    Liken

  2. Breitenbach schreibt:

    Wilhelm Reich (1935) Masse und Staat. Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der revolutionären Bewegung. [Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sex-pol IIIa] (1935)
    http://archive.org/details/Reich_1935_Masse_und_Staat_k

    Liken

  3. Breitenbach schreibt:

    Oscar Wilde (1891) Die Seele des Menschen im Sozialismus
    http://marxists.org/deutsch/archiv/wilde/1891/02/seele.htm

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s