Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals IX

Bisher erschienen

Teil I : 0 Vorbemerkung, 1 zur Person des Angeklagten, 2 der Unterstützerkreis von Gustl Mollath, 3 die Bank;

Teil II: 4 Kunden- und Kumpelkreis der Ex-Ehefrau;

Teil III: 5 höchst eigenwillige Handhabung des Rechts;

Teil IV: 6 Psychiaterin und Psychiater;

Teil V: 7 Exkurs zum deutschen Vernichtungsidealismus, 8 ein Zwischenergebnis;

Teil VI: 9 Glanz und Elend der Massenmedien;

Teil VII: 10 das Internet;

Teil VIII: 11 Impulse für den Rechtsstaat

Hier im Blog gibt es zahlreiche weitere Postings zum Fall Mollath, darunter etliche, die mittels der Wortgruppe „wenig beachtete Details“ leicht gefunden werden können.

Jetzt also zum Schluß dieser Serie das 12 ultimative Szenario.

Wir schreiben das Jahr 2070. Manches hat sich geändert. In einem Kellerraum einer heruntergekommenen Nürnberger Villa, vormals Chronometerfabrik Thiel & Söhne, finden sich einige Zettel unklarer Bestimmung. Sie weisen unzweifelhaft Bezüge zum seinerzeit viel beachteten Mollath-Skandal auf. Nach sorgfältiger Prüfung und teilweiser Rekonstruktion der wenigen Fundstücke mittels moderner nonoloboterroristischer Verfahren kann als gesichert gelten, daß es sich um eine Art Ideenskizze zugleich Berichtskladde eines dem Elder Chef direkt zugeordneten (offensichtlich in spezieller Vertrauensstellung) Praktikanten handelt. Das jetzt der Allgemeinheit zur Verfügung stehende Material gestattet lebensnahe Einblicke in eine Zeit, die nach Meinung der heutigen Jugend nicht 70, sondern 700 Jahre zurückliegt. Hier der Text:

***

Gestern tolle Stimmung im Club. Mein Elder Chef hatte mal wieder den Rampl beim Wickel, „den Kassenwart“ mit seinem „Kohlekasten“; was den nervt. Der revanchiert sich dann mit „Du oller Eisenbieger“. Beide waren in Hochform, ein Wort gab das andere. Da knallte mein Elder seinen Ellenbogen auf den Tisch, machte ’ne Faust und sagte: „Das ist ein starker Kapitalistenarm. Der gibt Tausenden Arbeit und Brot.“ Der „Kassenwart“ beugte sich vor, kratzte am Ärmel und fragte, ob das getrocknetes Blut sei. Der Elder ging in die Luft, meinte, Zahlen schieben könne jeder und aus Scheiße Gold machen und was denn nun sei mit der neuen Bank, der HyperRafferÄstimate. Da sagte der „Kassenwart“: „Spaß beiseite, eigentlich bestens.“ Aber seit kurzem stänkere da ein Mulatt rum, wieviel der verlange sei noch unklar, es könne richtig teuer werden. Elder, der manchmal nicht ganz richtig hört, begann sich ernsthaft aufzuregen: Wieso neuerdings Mulatten zu bestimmen hätten. Man sei immer noch in Nürnberg. Früher hätte es das nicht gegeben. Das Mißverständnis war schnell aufgeklärt, trotzdem sagte Elder jetzt energisch, er habe die Schauze voll (das gehe nicht gegen Rampl), am Ende müsse man sich noch seine Haushaltshilfe genehmigen lassen. Ihn wolle allen Ernstes irgendeine Steuerfahnderschickse um 60 Dinger bringen, er möchte wissen, wofür der Oberfinanzer bezahlt wird, manche sitzen sich im Club nur die Ärsche platt, das müsse jetzt ein Ende haben.

Unser Resident, den alle Hubsy nennen, riskiert ja manchmal ’ne kesse Lippe, aber er spürt genau, wenn Elder es ernst meint und ist dann flink, wie ein Windhund. „Hauptsache, das Klavier spielt mit“, warf er ein, „wenn wir mal die Büttel brauchen“. „Büttel“, sagte er. Elder antwortete nur kurz, das solle er mal ihm seine Sorge sein lassen. (Das Wortspiel mit dem Bechstein-Flügel hört man nur, wenn er nicht dabei ist. Ist ihm zu weich. Er möchte als hart und stark gelten, bevorzugt deshalb „Ecke“, notfalls „Ecki“.) Zu Rampl meinte Elder, er solle da seinen besten Mann dransetzen. Der antwortete: „Das macht MaMa.“ „Hä?“, sagte Elder und drehte am Höhrrohr aber dann wegwerfend: „Na gut, wirst schon wissen.“ Sie hatten dann noch Mehreres zu telefonieren und ich draußen zu tun (Sie schicken mich dann immer raus. Elder sagt manchmal „hohe Politik“ oder einfach „Hohe“. Ich bin sauer. Einmal soll ich alles lernen, dann wieder soll ich raus. Manches ist anscheinend so geheim, daß sie sich am liebsten selbst in den Panzerschrank einschließen.)

Später, als ich vom Pinkeln kam, sah ich Hubsy in geselliger Runde, Stimmung einfach bon, paar flotte Rechtsanwälte dabei. Auch der Müller-Unwörth kroch da rum, der immer wegen Spenden für seine Klinik schleimt. Zwei stritten sich, was besser ist, ’ne Psychiaterin ficken oder ’ne Geistheilerin. Einer fragte, wo der Unterschied sei. Einer der Rechtsanwälte meinte, am besten wäre, die beiden würden den Mulatten ficken. Die Runde brüllte. Nur MaMa saß dabei und grinste irgendwie gequält. Hätte nicht gedacht, daß der Junge so sensibel sein kann. Mußte dann los. Neuer Tag, neues Glück.

***

MaMa hat mir das Ganze am Beispiel Handball erklärt. Weil das eine Mannschaftssportart ist. „Das Wichtigste erstmal“, sagte er, „ist der Drive. Der kommt von ganz hinten, ganz unten. Ohne Drive wird gar nichts. Das Tollste in diesem harten Männersport ist, wenn der Drive (wie bei uns) von einer Frau kommt, einer zarten, kleinen Frau. Das ist die halbe Miete! Nach jedem Spiel schreibt unsere Reporterin: „So zerbechlich! So zart! DIESE AUGEN!“ Die Leute können von derlei Schmonzes nicht genug kriegen. Was willst du machen? Sie bezahlen dafür. Den Drive müssen die Männer im Zentrum aufnehmen – man könnte sie glatt mit Anwälten bei Gericht vergleichen; du brauchst nur ein, zwei zuverlässige Leute dafür – und dann den Kreisspielern präzise Bälle zuspielen. Die Kreisläufer sind buchstäblich die Scharfrichter. In jedem Spiel. Die müssen sich blind verstehen. Und ruppig müssen sie sein. Je mehr Fouls, umso besser. Das hängt mit dem Schiri zusammen. Darauf komme ich gleich. Wichtiger als man denkt, für solch Spiel, sind die Masseure und Ärzte. Die können jederzeit aufs Feld rennen, das ganze Spiel hält an, atemlose Spannung. Die schwenken ihre Koffer, knien sich hin, liegen buchstäblich mit dem Verletzten um die Wette. Wie dann das Stadion tobt! Das sind Gefühle. Fremder möcht‘ ich da nicht sein. Es hängt letztlich natürlich alles am Schiri. Wenn der jedesmal abpfeift, weil Deine Spieler im Kreis stehen, wie sollen die da ihre Tore machen? Am Besten ist, wenn der eigene Trainer Schiri ist. Damit haben wir, ich lüge nicht! noch nie ein Spiel verloren. Im Gegenteil, IMMER zu Null gewonnen!“

Ich bemerkte, ob das denn so leicht ginge, den eigenen Trainer zum Schiri machen. Er guckte irgendwie verträumt. Zwar, immer gelinge das nicht, aber man habe schließlich ’ne Vereinsführung, und im Notfall sei der Verbandspräsi auch noch da. „Jedenfalls“, so setzte er mit wachsender Begeisterung fort:“Wenn der eigene Schiri…, äh ich meine Trainer…, also Schiri…, dann kann sogar der eigene Mannschaftsarzt (!) gegnerische Spieler (!), die gefoult wurden (!), NACHTRÄGLICH SPERREN!! und zwar LEBENSLANG!!! Unser Handball… der WAHNSINN!!!“ Seine Augen leuchteten. Er  verschluckte sich vor Begeisterung, stotterte. Eigentlich wollte ich noch fragen, was zu tun ist, wenn man einen Gegner nicht nur zu Null besiegen, sondern dauerhaft ausschalten will. Aber war ja alles gesagt, und ich hatte das Wesentliche verstanden.

***

Es lief dann wie beim Schützenfest. Die drei Richter waren ein Traumteam. Die beiden kleinen… nein, nichts zu meckern. Kleinvieh macht auch Mist. Aber der Große! Schon älter aber noch in Saft und Kraft, ein Sportsmen. Und ein Humor! Seit er beim Richterfasching mal den Roland Freisler gemacht hat, nennen sie ihn nur noch „Roland de lux“. Ganz schön derb. Aber daran ist ja wohl nichts Schlechtes? Doch ich verplaudere mich. Erstmal die Steuerfahnder: Denen wurde ein Betriebsausflug nach Hessen spendiert. Sie kamen zurück wie die Lämmchen. Seitdem – man glaubt es nicht – ein Betriebsklima, personal relations sozusagen, zum Fingerlecken. Und erst die Staatsanwälte! Die sind jetzt im ganzen Land als „die Nürnberger Erfolgstruppe“ bekannt,  intern aber auch als HGG, die „Hally Gally Gang“. Wenn’s bei Elder und Familie (und die ist nicht klein) ‚was zu Feiern gibt, darf HGG nicht fehlen. Seit sie durchsehen, gibt es weniger zu ermitteln, haben sie mehr Zeit für ihren Rotary-Laden. Der läuft rund – „Tue Gutes und rede darüber!“ – alle sind zufrieden. Die meisten sind Ehrenspielführer bei MaMas Verein geworden. Regelmäßig fallen sie – die Treppe rauf. Bei Hubsy kam extra die Ministerin und barmte rum über seine Großtaten. Er habe JEDE Herausforderung mit herausragendem Erfolg gemeistert. Das ist doch mal ein Zungenschlägele von unserer kleinen Murk! Alle sind ganz ernst geblieben. Wen soll ich n0ch erwähnen? Ach ja, das Kleeblatt: Der MaMa, die Geistheilerin und ihr Anwalt. Die Tüchtigsten denken an sich selbst zuletzt. Erst ganz zum Schluß hat sie das Haus von dem Mulatt genommen, stand jahrelang leer. Ein Heiden Geld mußten die da reinstecken. Der MaMa hat sie über die Schwelle getragen. Es war schier zum Weinen. Da hätt‘ man ein Polaroid haben mögen, für später  für die Enkel. Aus dem Kleeblatt ist übrigens ein vierblättriges geworden, als die Psychiaterin dazukam. Ich sage nur: Drive! Da war das Glück für den Mulatt komplett. Überhaupt die Psychiater. Von Müller-Unwörth ist nicht viel zu sagen. Der hat sich im entscheidenden Moment ‚rausgehalten. Der Glückspilz ist auf seiner eigenen Schleimspur ausgerutscht und hat sich nichts gebrochen. Aber die Anderen! Die meisten reine Idealisten, z. B. der Dr. Schweinfurter. Was der auf sich genommen hat all die Jahre. Und so miserabel bezahlt. Einige haben ’nen Zweitjob als Postbote angenommen. Ich fänd’s ja besser, sie würden Masseur bei uns im Handball. Die Exaktheit ihrer Gutachten ist bewundernswert. Das ist, als wenn man ’ne Flasche Coca Cola kauft, bei fünf verschiedenen Discountern. Man hat immer exakt dieselbe Cola. Ja, der Vergleich hinkt. In der Cola ist immerhin Zucker und Koffein, in den Gutachten nur Aktenstaub und warme Luft. (Spuren von Zucker allerdings auch…, den sie ihrem Affen gaben. Kleiner Scherz am Rande.)

***

Ich will es kurz machen. ALLE haben ALLES getan für die Sicherheit von dem Mulatt. Auch wenn Ecki jetzt behauptet, er hätte damit nichts zu tun. Ich weiß noch genau, wie er 12 aus seiner persönlichen Staffel losgeschickt hat, um ’nen Bully voll Waffen abzuholen. Jetzt bietet Ecki, das alte Schlitzohr, dem Mulatt kostenlose Rechtsverbiegung durch seine eigene Anwaltskanzlei an. Na ja, Ecke hat schon mal gedacht, er könnt‘ sie alle rocken. Da sag ich nur: Ätsch. Der Rampl meint, sie hätten dem Mulatt die Bauchfessel zu früh abgenommen. Die Leute hätten das mit den „banküblichen Sicherheiten“ immer noch nicht kapiert. Elder hält sich in letzter Zeit ziemlich raus. Auch wird er immer wunderlicher, verlangt glatt, wir sollen alle saudi-arabisch lernen, das sei der Markt der Zukunft. Mit den „Hohen“ telefonieren sie immer noch. Einmal, wie ich mich erinnere, war ein Gesprächspartner nicht erreichbar, weil auf Bärenjagd (?). Einmal hieß es: „Die Kanzlerin ruft zurück.“ Ich geben zu, das sind nur Fragmente. Aber was es mit den „Hohen“ auf sich hat, das krieg ich auch noch raus.

***

Hier enden die auf uns gekommenen Texte. Ist wohl auch genug.

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7 Antworten zu Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals IX

  1. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals VIII | opablog

  2. Pingback: Informatives aus dem Rotarierleben | opablog

  3. Reinhold Schell schreibt:

    o. K.Jedermann ist seines Glückes Schmied

  4. fassungsloser Durchschnittsbürger schreibt:

    Lieber kranich05,

    leider habe ich gerade erst gesehen, welch kabarettistisches Meisterwerk Sie hier verfasst haben. Opa – at its best.

    Tausend Dank!

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  7. Pingback: Ein Richter a. D., Nürnberg, unterwegs von seinem Kaff nach München | opablog

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