Fall Mollath – andere wenig beachtete Details

Der Fall Mollath bietet eine solche Fülle von, ich sage mal freundlich, „Ereignissen außerhalb der Regel“, daß Otto normalo zwangsläufig den Überblick verlieren muß. Ja, ich wage die Behauptung, daß wahrscheinlich überhaupt kein einzelner Mensch einen halbwegs gründlichen umfassenden Überblick hat und erreichen wird. Es sind immerhin Detailkenntnisse in mindestens diesen Problemfeldern nötig: „Finanzindustrie“, „Justiz“, „Psychiatrie“, „Politik“ und „Bayern“. Und so verdienstvoll gründliche analytische Kritik auf Teilgebieten ist – vorbildlich unter juristischem Aspekt ist z. B. das, was Gabriele Wolff leistet – umso schmerzlicher vermisse ich eine gleichermaßen konkrete und gründliche Gesamtschau, von einer Herausarbeitung der LOGIK des ganzen Mollath-Geschehens zu schweigen (deren Zeit wohl wirklich noch nicht gekommen ist).

Soweit meine fast deprimierte und fast deprimierende Vorbemerkung, die mich dennoch nicht hindert, auf weitere ziemlich „unbeachtete Kleinigkeiten“ zu verweisen.

Über den ewigen Hauptverantwortlichen Brixner, werden zwei andere Richterinnennamen fast vergessen, Petra Heinemann und Richterin Fleischmann. Petra Heinemann, beisitzende Richterin am 6. 8. 2008, sticht hervor durch Abwesenheit. Das Urteil zu unterschreiben, hinderte sie, wie Brixner festhält, ein Urlaub. (Im Nürnbergwiki heißt es ohne Quellenangabe, sie habe die Unterschrift verweigert.) Und mit der Juristerei hat sie nichts mehr zu tun, seit sie Ende 2009 in den wohlverdienten Ruhestand ging. Als Mitglied der „legendären 7. Strafkammer des Landgerichts“ erlebte sie von 2002 bis 2009 mit die „spannendsten und interessantesten“ Berufsjahre, an der Seite solcher „starker Persönlichkeiten“, wie Otto Brixner. „“Damit hatte ich keine Probleme“, lacht Petra Heinemann.“ Quelle aller Zitate ist eine Eloge zum Ruhestand in der „Nürnberger Zeitung“.  Vom Prozeß gegen Mollath fällt kein Wort, vielleicht nur deswegen, weil bisher niemand fragte?

Bedeutsamer scheint mir das Agieren der Richterin Fleischmann vom Amtsgericht Straubing zu sein. Sie war, wie ich der Chronologie entnehme, zwischen April 2007 und Oktober 2007 mit Gustl Mollaths Schicksal befaßt. Sie hat offensichtlich das Gutachten von Dr. Simmerl, Mainkofen, in Auftrag gegeben (mit im Interesse Mollaths positivem Befund), das fortan von allen Interessierten, einschließlich der Justizministerin Merk, mißachtet wurde. Immerhin hat, wie mir scheint, Mollath diesem Gutachten und somit auch dieser Richterin zu verdanken, daß die vorläufige zwangsweise sog. „rechtliche Betreuung“ (= Juristensprech für „Entmündigung“) aufgehoben werden mußte und in der Konsequenz Mollath verhindern konnte „blöd gespritzt“ zu werden. Das von Brixner und Co in die Wege geleitete Ergebnis, die Persönlichkeit dieses Menschen Gustl Mollath irreversibel zu zerstören, wurde damit verhindert.

Hinter manchem wenig beachtetem Detail scheinen sich Abgründe aufzutun.

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10 Antworten zu Fall Mollath – andere wenig beachtete Details

  1. @ Opa Kranich:

    Was raunen Sie denn da: Hab ich nicht heute morgen systematisch-kritisch auffm GabrieleWoffBlog, weil drauf angesprochen, eine Klare-Kante-Skizze mit Hinweis auf vier „Ego“-Dokumente zum meist leider nur oberflächlich „Fall Mollath“ genannten Großen Bayrischen Justizskandal 2003/13 veröffentlicht? Oder hab ich das nur letzte Nacht geträumt? Wie auch immer – der Kurztext soll (jedenfalls bisher noch) hier im Netz nachlesbar sein http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/01/26/der-fall-gustl-mollath-rosenkrieg-und-versagen-von-justiz-psychiatrie-vii/ Eilgruß RicAlb/050213

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  2. kranich05 schreibt:

    mea culpa,
    bin augenblicklich mit dem Lesen von Gabriele Wolffs Blog im Rückstand. Es gibt manchmal mehr „als wie “ Mollath auf der Welt. 😉

    Den erwähnten Kurztext habe ich übrigens jetzt, 21:20, nicht gefunden.

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  3. gabrielewolff schreibt:

    Lieber Kranich 05,

    ich beackere erst einmal nur den ersichtlich skandalösen Fall an sich, und versuche nichts weiter, als die Bausteine bereitzustellen, die die Grundlage einer über die Juristerei hinausgehenden Wertung bilden könnten. Nebenbei geht es mir natürlich auch darum, verzerrenden medialen Aufbereitungen und politischen Manövern wie den von Frau Merk den Boden zu entziehen, und, wenn es geht, die Schwachstellen innerhalb der Justiz und der Psychiatrie zu identifizieren, die Verfahren wie dieses möglich machen.

    Mir liegt es auch sehr am Herzen, die ›Logik‹ des Ganzen zu begreifen, aber dazu müßte man wohl die Motive der Akteure kennen. ›Cui bono‹, wem nutzt es, diese Frage führt nicht immer weiter, gerade hier nicht, wo es so viele Profiteure gibt.
    Als einleuchtendstes Wirkprinzip (anders hätte das nicht funktioniert) sehe ich den in Gesellschaft und Justiz fest verankerten Opferglauben, wenn eine Frau berichtet, ihr Mann sei gewalttätig und krank. Hätte ein Mann von einem männlichen Psychiater eine ärztliche Stellungnahme zum Nachteil seiner Frau erhalten, wenn er Gleichartiges über seine Frau erzählt hätte?
    Sicherlich nicht. Auf dieser Schiene bewegen sich fast alle Fehlurteile gegenüber Männern, wenn Frauen ihnen Gewalttaten, insbesondere sexueller Natur, zur Last legen. Und wenn diese Frauen selber ›krank‹ sind, findet sich ein Psychiater, der ihnen eine postrraumatische Blelastungsstörung gerade wegen der vorgeworfenen Tat bescheinigen.

    Im Fall Mollath könnte dieses Klischee aber, aus anderen Gründen, auch nur benutzt worden sein. Hier ist so viel möglich, daß ich zur ›Logik‹ des Falls nicht vordringen kann und sogar bezweifle, ob das die Wiederaufnahme schafft.

    Umso wichtiger erscheint es mir, bei den Fakten zu bleiben, auf denen man erst aufbauen kann. Und was das Nürnberg-Wiki angeht, so geht es fehl in der Annahme, aus der Abwesenheit der Schöffenunterschriften unter dem Urteil Schlußfolgerungen zu ziehen: Schöffen unterschreiben niemals Urteile, lediglich die Berufsrichter. Auch ich glaube, daß die Beisitzerin Petra Heinemann durch Vorsitzenden und Schöffen überstimmt wurde und mit dem Urteil nichts zu tun haben wollte, und daher eventuell einen diplomatischen Urlaub innerhalb der sechswöchigen Urteilsabsetzungsfrist nahm.

    Und das ist das Tolle an unabhängigen Bloggern: Sie haben mit dem Fund dieses Artikels zu Petra Heinemanns Pensionierung im Jahr 2009 diesem bloßen Glauben das notwendige Fundament eingezogen. Ich danke Ihnen sehr!

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  4. Legoland ist abgebrannt schreibt:

    20 Jahre halbtags und dann noch ein paar Jahre wg, der Pension Vollzeit. Natürlich ausgebrannt wobei das vermutlich viel zu frühe Ausscheiden aus dem Dienst nicht Thematisiert wird. Darauf lässt jedenfalls die Nichtangebe des Alters schliessen..

    Beim größten Rechtsbruch ihrer Karriere natürlich „in Urlaub“ (ein 4 Wochen Prozess?) und vorher und hinterher den Mund nicht aufgemacht und sich feige in der Karriere verkrochen.

    Deutsch Beamtenprosa in Reinkultur, im Ergebnis ist so schäbig und unethisch das Sie sich was schämen sollte statt die immergleiche Selbstrechtfertigungsarie zu trällern. Mein Beieid gilt den Opfer auch dieser Apparatschickse, für Ar…..kricher habe ich nur Verachtung auf Lager

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  5. Fotobiene schreibt:

    Den Hinweis auf Richterin Fleischmann empfinde ich als (immerhin!) Funzel im Dunkel… vielleicht mag das jemand aufnehmen, um auch mal wenigstens *etwas* Positives zu finden?

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    • kranich05 schreibt:

      Auf Richterin Fleischmann hatte, wie ich mich erinnere, Richard Albrecht schon mal in einem Kommentar bei Gabriele Wolff hingewiesen ….. macht eins unserer Probleme deutlich: Parallelbetrachtungen, Versacken bereits ausgebuddelter Informationen, eben nur schwache Strukturiertheit.

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      • Fotobiene schreibt:

        Ich werde es leider beim besten Willen nicht schaffen, z.B. per Mind-Mapping zu strukturieren, obwohl ich so gerne möchte…. 😦

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  6. @Opa Kranich05

    (1) Ganz recht, ich erwähnte im GabrieleWolffBlog am 310113 positiv die „Verfügung von Richterin Fleischmann vom Straubinger Amtsgericht (230507), sowohl die Bearbeitung an die Staatsanwaltschaft Nürnberg abzugeben als auch ihr Antrag, Herrn Mollath (unabhängig vom Anhörungstermin [was meint: es gab vorher kein „rechtl. Gehör“]) zu entlassen“; vide http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/01/26/der-fall-gustl-mollath-rosenkrieg-und-versagen-von-justiz-psychiatrie-vii/#comments – werde mich freilich hüten, diese Berufsrichterin zur Lichtgestalt hypostasieren: sie tat das, wofür sie (nicht „im Namen des Volkes“, sondern) vom Volk nach R-3 auch ganz gut besoldet wird.

    (2) Was das Problem der Materialordnung betrifft, so hab´ ich über die netzveröffentlichten „Ego-Dokumente“ von Gustl Mollath e i n e n überzeugenden Zugang für bisher fehlende (sozial)wissenschaftliche Forschungsarbeit „mittlerer Reichweite“ gefunden http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/01/26/der-fall-gustl-mollath-rosenkrieg-und-versagen-von-justiz-psychiatrie-vii/ [050213] … trotz des Fehlens beider „Anklageschrift“[en vom 230903 Amtsgericht Nürnberg, vom 100605 Landgericht Nürnberg-Fürth] – nur: wen interessiert das schon?

    Eilgruß

    Richard Albrecht, 060213
    http://eingreifendes-denken.net

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  7. BB7 schreibt:

    Hallo Zusammen,
    seit einiger Zeit habe ich ‚ein Auge‘ auf dem Fall Mollath. Dabei haben mich nun zwei Bemerkungen zu einer Wortmeldung veranlasst. Nachdem ich im meinem Leben auch eine Auseinandersetzung mit ‚Obrigkeit‘ und Behörden durchlebt habe bin ich selbst sensibel für Zusammenhänge die „Fotobiene“ unter dem Begriff Mind-Mapping sucht.

    Im Blog der ‚wenig beachteten Details‘ vom 01.02.2013 fiel mir dann der Hinweis auf Mollath’s Schreiben vom 27.11.2002 ins Auge. Da schrieb er an Herrn Dieter Rampl mit der Bitte:
    “Wie kann ich erreichen, ohne Konsequenzen für Sie, oder sonst jemanden, meine Frau auf den Boden der Legalität, …, zurück zu führen?”
    Ob die Großschreibung des „’Sie’„ nun Absicht oder Fehler war ist sekundär. Bei dem Herrn Rampl hat diese Ansprache in diesem Zusammenhang nur eine mögliche Reaktion ausgelöst !! und darüber gibt es garantiert keine schriftlichen Aufzeichnungen. Die von ihm nach dem 28.11.02 zu dieser Sache geführten Gespräche fanden (mit Sicherheit) auf dem Golfplatz oder möglicherweise bei der Jagd statt und die Verständigung erfolgt da über ein Augenzwinkern, ev. ein Fingerschnippen oder allenfalls eine Silbe, – ohne Papier und ohne Zeugen.
    Die Mindmap erhellen könnten nun Kenntnis darüber, mit wem Herr Rampl in dieser Zeit Kontakt pflegte. Dabei geht es nach meiner Überzeugung um Persönlichkeiten im Rang von Herrn Beckstein aufwärts die dann wiederum über subtile Signale „ihr Haus in Ordnung halten“.

    Bei den vielen Menschen inzwischen die hier ‚ein Auge auf Mollath haben‘, – müsste doch auch jemand dabei sein, der die gesellschaftlichen Gepflogenheiten dieser hohen Herrschaften kennt und Hinweise geben kann.

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