Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals II

von hier.

4 „Kunden- und Kumpelkreis“

Gustl Mollaths Strafanzeige vom 9.12.2003 an Generalstaatsanwalt Neumann, Berlin  nennt zwischen 50 und 60 in illegale Bankgeschäfte/Steuerbetrug verwickelte Personen.  Herr Mollath machte konkrete Angaben, mit Name und Adresse, von vielen der Beschuldigten kannte er Beruf, Tätigkeit und manche Einzelheiten des sozialen Umfelds und scheute sich nicht, sie zu nennen. Seine Empörung ist authentisch: “Ich versuche schon lange Ihr klarzumachen, das dass alles so nicht geht. Aber die Geldgeile Gesellschaft gewinnt. EinGroßteil Ihrer Kunden bringt mich zum würgen. Keine Kultur, keine Moral (aber doppelte), kein Gewissen, nur noch Geld, Geld mehr, mehr. Das ganze Spektrum, von derHaushaltshilfe, über Beamte, zum Arzt oder Apotheker, Rentner denen Sie ein gutes Werk tun wollten, Sie totumfallen würden, wenn Sie wüssten wie viele Millionen die besitzen. Gealterte Blondinen, alles was man sich vorstellen kann.”

Ein Außenstehender, wie ich, der heute auf dieses Dokument schaut, sieht einen Flickenteppich von Textbruchstücken und geschwärzten Personendaten. Im Kreis der beschuldigten Personen sind höchstwahrscheinlich Spuren zu finden, die zum „Fall Mollath“ führen, vielleicht die entscheidenden. Ich werde sie nicht herausfinden. Dazu Befugte wollten es bisher nicht. Kann ich das Dokument trotzdem zum Sprechen bringen? Vielleicht mit einem Gedankenexperiment:

Stellen wir uns vor, daß jede der genannten Personen ein, zwei Juristen vertraut kennt, dito ein, zwei Steuer- und Vermögensberater, dito ein, zwei Ärzte, ein, zwei Politiker und sonstige Geistesschaffende. Im Nu sind wir bei 300 bis 400 Leistungsträgern, eine bemerkenswerrte Kompetenzballung im Nürnberger Raum, die sich ziemlich alarmiert fühlen muß. Doch abgesehen von dem Kompetenz-Tsunamie, der sich da aufbaut, läßt sich unser Gedankenexperiment noch weitertreiben. Denken wir an die soziale Vernetzung unserer 300 Leistungsträger – Verwandte, Geschäftspartner, Gesinnungsgenossen, selbst SpielgefährtInnen. Plötzlich sind wir bei 3000 Leuten, die alle im oberen 20%-Bereich der Vermögens- und Einkommenspyramide ihr Dasein fristen. Und das heißt: Ein Vermögen von ein bis zwei Milliarden Euro (nicht gerechnet die Familie Diehl, die allein schon 3 Mrd auf die Waage bringt) fühlt sich erheblich gestört.

Na, lieber Gustl, wieviel Wagenladungen Beweise braucht es wohl, um diese Vermögensballung aufzuwiegen? Herr Mollath paßt wohl paartausendmal auf diese Waagschale, sein ganzer Untertstützerkreis geht leicht 200 mal rein. Es müßten schon 200 000 oder 300 000 Normalbürger (Vermögende (also Kaumvermögende) der unteren Hälfte der Vermögens- und Einkommenspyramide) deutlich aufstampfen, um diesen dicken Klumpen ein wenig zittern zu lassen. (Wer einige Basiszahlen für das vorstehende Gedankenexperiment sucht, kann diese hier aber auch hier finden.)

Und zwei oder, je nach Rechnung, fünf Milliarden sind ja keine abstrakte Zahl. Vermögen vermag. Da steckt ’ne Menge Wagemut drin. Allein die Wachstumswünsche! Ackermann sprach von 25% im Jahr. Na gut, Ackermann war eine andere Liga, nicht nur beim Geburtstag. Aber auch bei nur 6-8% Wachstum im Jahr haben sich diese Vermögen in 10, 15 Jahren verdoppelt. Wenn die sich im vertrauten Umfeld einrichten wollen, wird es eng auf dem Reichsparteitagsgelände.

In den USA ließe sich diese Vermögensmasse leicht in Schußwaffen umrechnen. Mollath würde es mit ein- bis zweitausend gut ausgerüsteten „Waffennarren“ zu tun kriegen. Ungemütlich.

Dann doch lieber deutsche Dramatik? Das Stück „Warten auf M“ hat, neben dem Haupthelden, knapp ein Dutzend Mitwirkende, Schauspieler, Regisseure, Souffleusen, Bühnenarbeiter, nämlich:  drei Bankster, M1., M2. und G1; drei Juristen, W., G2 und wohl noch B.; zwei ÄrztInnen, R. und K., sowie die Wasserträger X, Y, Z.

Los geht die irrwitzige Komödie. Das ist kein finsteres Verschwörungsdrama. Fast alle Beteiligten haben eine Menge Spaß, leider auf Kosten des Haupthelden. Und des Publikums. Und das -paar Leutchen, die ein unglaubliches Schmierenstück durchziehen – soll in Deutschlands gepflegter Theaterlandschaft möglich sein? Nein, Geht tatsächlich nicht. Es sei denn der große Unbekannte greift ein und zwar mehrmals. Sein Name? Ich nenne ihn einstweilen Regisseur Z. -Zufall.

Vor allzu blutigen Komödien schützt uns der Rechtsstaat. Oder können Sie sich ein rechtskräftiges Urteil „im Namen des Lions Club Nürnberg“ vorstellen oder der Rotarier oder gleich „im Namen von Otto Brixner“. Nein unsere Justiz urteilt, selbst wenn das Urteil Richter Brixner allein unterschreibt „im Namen des Volkes“. Immerhin sind wir in Nürnberg und nicht in Ulm. Dort passiert es schon mal, daß ein Mensch von staatlichen Organen eingesackt wird, verschwindet, und daß er, nach einer (unfreiwilligen) Reise um die Welt nach Jahr und Tag wieder auftaucht. Im Namen des Volkes.

Ungebrochen ist mein GROßES; GROßES VERTRAUEN IN DIE DEUTSCHE JUSTIZ (so groß hat manchmal Gustl Mollath geschrieben), ungebrochen ist auch meine kritische Aufmerksamkeit. Mehr im Punkt 5.

Dieser Beitrag wurde unter Blödmaschine, bloggen, Demokratie, Faschismus alt neu, Machtmedien, Realkapitalismus, Widerstand abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals II

  1. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals I | opablog

  2. Christian Klotz schreibt:

    Danke für das durchgeführte Gedankenexperiment, das mit seiner bohrenden Rückbindung
    an die durchdachten Konkreta der geselligen Veranstaltung „Noch ein demokratischer Rechtsstaat, 21. Jahrhundert, Deutschland“
    herrlich schlechte Laune macht.

    Gefällt mir

  3. Horst Pachulke schreibt:
    • kranich05 schreibt:

      Natürlich, ich freue mich, wenn’s gebraucht wird und wenn’s ein bissel mehr Öffentlichkeit bringt. Mit Öffentlichkeit meine ich nicht egoistisch Klickzahlen für’s Blog, sondern Öffentlichkeit, damit Mollath schneller frei kommt und der Skandal überwunden wird.

      Gefällt mir

  4. Heine (kein Volljurist) schreibt:

    Hi, Opa:

    fand link im Wolffblog. Anregendes Gedankenexperiment von Ihnen. Aber stimmt die impicité Voraussetzung der sogenannten „Waffengleichheit“? Oder anders: gilt für die, zu denen auch ich (wie vermutlich Sie) in der unteren Mitte gehöre, die mal „deutlich aufstampfen“ müßten, um „diesen dicken Klumpen [des Drecks da oben] ein wenig zittern zu lassen“, nicht mindestens der FAKTOR VIER, damit wir nicht wieder mal plattgemacht werden können?

    Im übrigen haben Sie Recht: Sie – ich wohl auch – spielen im Doppelsinn inner anderen Liga: Intellektuell wie machtisch. Freilich haben die Macht die anderen, die Ackermänner mit ihrem Hofstaat à la Brixner …

    Gruß Heine

    Gefällt mir

    • kranich05 schreibt:

      Noch lieber würde ich sagen: Faktor X. Damit sollte das Gedankenexperiment ausreichend offen formuliert sein.
      Den Versuch, jetzt realistisch in die Zukunft zu blicken, möchte ich vermeiden, weil mir gerade schlecht wird.
      Gruß zurück

      Gefällt mir

  5. Heine schreibt:

    Danke, Kranich 05/Opa, Sie haben wissenschaftsmethodisch Recht und ich war zu konkretistisch: FAKTOR X triffts.

    Leider hat´s vorhin nicht geklappt, Ihren Blog zu abonnieren, ich versuchs nochmal. Bitte bleiben Sie am justizkritischen Ball,

    Gruß Heine

    Gefällt mir

  6. stringa schreibt:

    Ein kleiner Einwand zu Ihren Zahlenspielen. Die oberen Zehntausend eines kleinen Ortes oder einer kleinen oder mittleren Stadt kennen sich alle untereinander und haben je nach Interessenlage auch denselben Steuerberater, d.h. ich denke, 2 – 3 Steuerberater und nochmal 2 -3 Finanzberater reichen da schon aus. 🙂

    Gefällt mir

  7. Heine schreibt:

    Hi Opa/Kranich05

    Mal kurz zum damaligen Fall Postel, der – wie sich jetzt zeigt – wohl doch mehr war als nur ´ne aparte Komiknummer:

    Das G´schmäcke der zeitweiligen „Karriere“ des Ex-Postlers, selbsternannten Dr.med. et Dr. phil. und Betrügers Gert Postel: Postel gab 1995/07 gut zweiundhalb Jahre lang den höchst erfolgreich arbeitenden Leitenden Oberarzt im Maßregelvollzug des Fachkrankenhauses für Psychiatrie in Zschadraß bei Leipzig.

    Neanderthalische Grüße von Heine

    Gefällt mir

  8. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals III | opablog

  9. willi wichtig schreibt:

    Wer sich über die Motivlage noch im Unklaren ist, kann mal hier nachlesen. Ich hab das auch schon an CSU-Fraktion geschickt. Keine Reaktion!!!

    http://dirty-cop.com/app/download/5792475783/Heindl+Merk.pdf

    Gefällt mir

  10. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals III « Kritische Standpunkte

  11. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals VII | opablog

  12. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals VIII | opablog

  13. Pingback: Der Fall Gustl Mollath – politische Dimensionen eines deutschen Skandals IX | opablog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s