Individualisierung

Viele Jahre lang, während ich in der DDR lebte, war mir klar, daß alle Propaganda, alle „Verbreitung der wissenschaftlichen Weltanschauung“ durch den Kopf des Individuums muß. Keinerlei Parteidisziplin konnte den Einzelnen von seiner persönlichen Verantwortung für seine Meinungen und Taten freistellen. (Es gab Zeiten, in denen dieser Satz nicht selbstverständlich war.) Ich spitze zu: Die freie Entscheidung des Individuums, in diesem Sinne absolute Individualisierung, ist ein unerläßliches Moment/Durchgangsstadium richtigen Denkens  (und Handelns), damals wie heute.

Ein höchst flüchtiges Moment! Denn das Individuum – in seine Rechte eingesetzt – erweist sich sogleich als Abstraktum. Es ist eine Null, eignet es sich nicht die soziale Totalität an. Individualisierung ist alles andere als bloßes Spaßgebaren, es ist viel mehr ein komplexer, auch schwerwiegender, lebenslanger Auftrag.

Wir leben in Zeiten massiver, vordergründiger, weithin pervertierter Individualisierung. Kein Weg führt hinter die positiven Seiten des erreichten Standes zurück. Nicht ohne stolz suchen alle die individuellen Selbststeuerer ihre Souveränität zu leben. Doch die Erfahrungen von Grenzen und Zwängen werden massiv. Und die Suche nach Antworten und Auswegen in sich selbst löst nicht, sondern verstärkt die Probleme. Aus ihrer freien, höchsteigenen Entscheidung müssen die Individuen ihre sozialen Zusammenhänge wahrnehmen, begreifen, deren Gesetzmäßigkeiten erkennen, um endlich bewußt und frei, die ihnen gemäße soziale Bindung zu gestalten, d. h. zu konstruieren und durchzusetzen.

Widerstände gegen diese Notwendigkeiten und auch veraltete Lösungsangebote gibt es reichlich. Neues muß her. Unbequemerweise verlangt das, daß die Individuen ihre Individualität voll und ganz Ernst nehmen. Kein gemütlicher Auftrag.

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2 Antworten zu Individualisierung

  1. Sepp Aigner schreibt:

    Gegenthese: Individualität und Kollektivität sind die ganze Gechichte herauf „Strukturelemente“ der Gesellschaft/des sozialen Lebens. Beide werden im Lauf der Geschichte komplexer. Es gibt keinen „Zug zur Inidividualisierung“, sondern komplexere Inidividualität wie auch komplexere Kollektivität. Was heute gemeinhin unter „Individualisierung“ verhandelt wird, ist der kollektive Wahn, der aus der Übertragung der Warenförmigkeit auch auf die sozialen Beziehungen hervorgeht, eine hauptseitig regressive Entwicklung. Nicht zufällig sind viele Indiviualitätsrituale – kindisch.

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    • kranich05 schreibt:

      Sicher sind Individuum und Gruppe/Gesellschaft „ewige Strukturelemente“ der Gesellschaft. Das gilt natürlich nur in einem sehr abstrakten Sinn aber der gilt. Individuum und Gruppe/Gesellschaft müssen immer, auf welcher Konkretheitsstufe ihrer Entwicklung auch immer, miteinander wechselwirken, stehen dialektisch zueinander. Mir kommt es auf den Punkt an, daß alle soziale Breite und Komplexität durch die spezifische „Engstelle“ Individuum hindurch muß. Die ergibt sich schon daraus, daß jedes Individuum immer wieder bei 0 anfängt und mit seinem Ende kalkulieren muß.
      Von wachsender Iindividualisierung möchte ich in Anlehnung an Marx reden, der von den „naturwüchsigen“, „bornierten“ Verhältnissen/Abhängigkeiten zwischen Einzelnem und Gesellschaft im Feudalismus spricht, die mit dem Kapitalismus zerstört werden. Das freie bürgerliche Individuum entsteht (auch das doppelt freie).Aus heutiger Rückschau – Marx ist 150 Jahre her – meine ich, daß der Prozeß der „Befreiung des Individuums“, in Wirklichkeit der Prozeß seines sich Herauslösens aus überkommenen, sich ihm rel. spontan aufprägenden sozialen Merkmalen, weiter fortgesetzt hat. Das betrifft zwar nicht die Fundamente seiner Klassenzugehörigkeit aber soooo viele schöne Dinge seines sozialen Habitus. Doch Ironie beiseite, es sind auch schätzenswerte, wertvolle Momente dabei. Wenn wir sie ignorieren oder abtun als kindisch, können wir nicht Ansprechpartner sein. Die heutigen „Wahnindividualisten“ werden ihren Käfig schmerzhaft spüren. Das wird hoffentlich Gelegenheit zur Besinnung geben, zur gemeinsamen Reflexion und zur Neukonstruktion.(nicht Rekonstruktion) des Sozialismus.

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