Militarismus in Stein

Angeblich belegen Umfragen immer wieder, daß eine Mehrheit der Deutschen gegen Krieg ist. Gegen den Krieg in Afghanistan sollen sich sogar 60 bis 70 % der Befragten aussprechen. Wenn ich mich an die Bereitschaft so manches grünen Aktivisten erinnere, den Afghanistankrieg zu verteidigen, wenn ich das verbreitete Verständnis für „humanitäre Kriege“ bedenke, dann zweifle ich, wie belastbar diese Antikriegseinstellung ist.

Zu denken gibt mir auch, daß die Militaristen vom Dienst ihre Sprüche ungehindert und ungestraft loslassen können, so ein sozialdemokratischer Verteidigungsminister, der sich dazu verstieg, daß Deutschland am Hindukusch verteidigt würde, so das Bundesverfassungsgericht (mit einem grandiosen Versprecher wurde es kürzlich als „Bundesverfassungsgeschiß“ bezeichnet), das wohl die Strafbarkeit der Vorbereitung von Angriffskriegen feststellte, nicht jedoch ihre Durchführung, so ein amtierender Verteidigungsminister, der die besondere Humanität des Mordens mittels Drohnen herausstrich. Das sind nicht nur kriegsfördernde Statements sondern zugleich Beispiele von Volksverhöhnung. Warum können die das? Warum dürfen die das?

Vielleicht deshalb, weil sie fest auf unserem festem deutschen Boden stehen, der traditionell vom militaristischen Geist durchtränkt ist. Ich glaube, daß die Kriegerdenkmale landauf landab, von denen viele heute frischen Blumenschmuck tragen, ihren Teil dazu beitragen. Da sind die Taten der Kämpfer und der Ruhm ihrer Waffen in „ehernen Lettern“ verzeichnet. Was könnte überzeugender Kunde geben von der Ehrwürdigkeit alter Zeiten, vom Ringen früherer Geschlechter als der behauene, verwitterte, bemooste Stein? „Uns ist in alten Mären, wunders vil geseit…“

So behauptet sich das Pathos der hohlen Worte in der Welt. Seit sie denken können, spielen Klein-Kevin (der früher Klein-Fritzchen hieß) und Klein-Jasmin (früher Klein-Erna) am Brunnen beim Bäcker, später können sie stolz buchstabieren, was dort in den Stein gemeißelt ist und noch später erinnern sie sich ihrer schönen Kindheit, nicht aber der Kriegsbotschaft, die sie, wie der Fluß seinen Grundschlamm, in sich tragen. Immer künden diese Denkmäler von Heldenmut und Treue, feiern „das höchste Opfer“, nie werden die Interessen benannt, die den Krieg verursacht haben, nie wird der Kriegsverbrecher verurteilt und der Kriegsgewinnler angeprangert.

In den Dörfern und Kleinstädten sind es meist die standardisiert-langweiligen „Gedenkfinger“ am Markt oder in Friedhofsnähe. Doch auch anspruchsvollere Figurengruppen fehlen nicht, ganze Gedenkensembles, nun oftmals in die Nähe der Kirche gerückt, der Hüterin all unserer diesseitigen Leiden und jenseitigen Freuden.

Nichts fehlt: Eine klare Botschaft

HeldInnengesichter

Heldennachwuchs

Der Tod gehört zum Leben wie die Liebe, also auch das Totengedenken. Muß ich an die Totenmale erinnern, die Barlach oder die Kollwitz, Fritz Cremer oder Will Lammert  geschaffen haben?

***

Wollt ihr denen Gutes tun, die der Tod getroffen,

Menschen, laßt die Toten ruhn und erfüllt ihr Hoffen.

Laßt die Toten, sie sind frei im durchnäßten Sande.

Euch entringt der Sklaverei, euch der Not und Schande.

(Erich Mühsam)

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Die Fotografien habe ich in der Nähe von Konstanz aufgenommen.

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