Mordechai Vanunu

Ein Held unserer Tage

was Staatsgeheimnis, deshalb abgeschottet war,
hat des Rabbiners Sohn gelüftet, der in Beerscheba fromm
der Thora Regeln folgte, dann plötzlich Christ zu sein beschloß.

Nach abgebrochenem Studium verdiente er sein Geld
in Negev, wo in leergekämmter Wüste Stille
sein Staat dank nuklearer Forschung
zur atomaren Macht sich angereichert hatte
und alle Welt zu täuschen hoffte,
was auch gelang, bis Mordechai Vanunu sprach
und das Geheimnis brach.
So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte,
indem er half, die Wahrheit an den Tag zu bringen.

Was dann geschah und immer noch kein Ende findet,
gleicht einem Krimi, den ein Profi seines Fachs erdachte.
Doch was zum Film geworden, keine Leinwand fand,
lief dennoch ab auf eingefahrener Spur
wie tausend abgespielter Filme Handlung, die vormals
strophenreich Balladendichtern Stoff gewesen wäre.

So wurde er von einer Frau, die jener Gang verschworen,
die ungehemmt selbst Mord nicht scheut,
nach Rom gelockt, von dort per Schiff entführt,
bevor noch in der Sunday Times zu lesen stand,
was in dem Wüstenort Dimona von Anbeginn gebrütet wird:
der atomare Tod in Bomben – ungezählt – verdichtet.

Und dies geschah nach altbekanntem Muster,
das im Buch Mose eins zu finden ist:
Wie seine Brüder dazumal in eines Brunnens Tiefe Joseph warfen,
so kam Vanunu vor Gericht, wurd angeklagt der Spionage
und sollte nach des Urteils Spruch gezählte achtzehn Jahre lang
in Einzelhaft, sprich, isoliert verbringen,
von denen er in Aschkelons Gefängnis elf abgesessen hat;
danach stand er in streng beschränkter Freiheit unter Aufsicht.

Schwieg dennoch nicht, sprach immer wieder was geheim war aus,
so daß nach Richters Spruch ihn mehrmals kurze Haft bestrafte,
bis schließlich Hausarrest als Gnadenbrot verordnet wurde,
zuletzt in der Basilika Sankt Georg, zu finden in Jerusalem,
der Glaubenskrieger jeder Sorte heilgen Stadt.

Obgleich in Oslo, Glasgow, vielerorts geehrt
und er im Internet sein Eigenleben als Legende führt,
wird unser Held bei sich zu Haus beschwiegen,
seit er zum Rufer in der Wüste wurde
und die Gefahr beschrie, die auf uns allen tödlich lastet.

Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen,
entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo,
in Texas, Kiel, China, im Iran und in Rußlands Weite
erklügelt wird und uns verborgen bleibt;
nur solche Helden sind in einer Welt vonnöten,
die Frieden säuselt und Vernichtung plant.

Ihm, Mordechai Vanunu, gilt mein Gruß
und seinen Richtern gilt die Bitte,
ihn als Gerechten zu erkennen,
der seinem Land getreu blieb
all die Jahre lang.

„Eintagsfliegen“ nennt Günter Grass seinen neuen Gedichtband, in dem das vorstehende Gedicht zu finden ist. Meine Hochachtung!

Und das sind die verschlungenen Weg zu solch interessierenden „Content“: via „Net News Global“ via „Gegenmeinung“ via „WZ newsline„, die eine Meldung von dpa dokumentiert.

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Update 13.11.2012:

Mordechai Vanunu ist nicht vergessen. Siehe „Hinter der Fichte“.

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