Unsere Volkswerft

Wenn die Volkswerft, die immer noch so heißt, bankrott geht, betrifft mich das. Der VEB Volkswerft Stralsund war neben dem VEB Mansfeldkombinat Eisleben damals in den Endsechziger Jahren ein Hauptfeld der empirischen Studien für unsere Dissertation. Uns (denn es war eine Kollektivdissertation) ging es kurz gesagt darum, die sozialen Prozesse zu untersuchen, die mit großen Rationalisierungs- und Automatisierungsmaßnahmen verbunden waren und Vorschläge zu ihrer bestmöglichen Gestaltung zu machen.

Unvergeßlich ist mir die Aufregung als im Meisterbereich Teilezuschnitt der Werft zugleich mit dem Einsatz hochmoderner Brennautomaten die „pfL“, die „produktivitätsfördernde Lohngestaltung“, eingeführt wurde. Von heute auf morgen wurden Produktivitässteigerungen von 60, 80% erreicht aber auch Lohnsteigerungen von 30, 40% (!). Die pfL-Experimente, die nicht nur in der Volkswerft durchgeführt wurden, wurden bald zu Grabe getragen. Zu erfolgreich? Es war die Zeit der Ulbrichtschen Versuche, im Sozialismus mittels materieller Interessiertheit eine viel höhere Dynamik zu erreichen. Zuviel Risiko für die einsamen Bürokraten der Revolution auf den Kommandohöhen? Jedenfalls wurden diese Bestrebungen bald abgebrochen. Übergang zu Honeckers/Mittags Wirtschaftspolitik der neu aktivierten  Scheindynamik, der Stagnation und des Wirtschaftens auf Pump.

(Auch im Mansfeldkombinat durfte ich interessante Erfahrungen machen. Dort mußte, weil die Ergiebigkeit der Kupfererze unter alle Grenzen gefallen war, der Bergbau drastisch reduziert werden. Arbeitslose Kumpel im Sozialismus? Ich erlebte mit, wie hunderte neue Arbeitsplätze geschaffen wurde, welche umfangreichen sozialen Maßnahmen zu gestalten waren, welche enorme Anforderungen die Führungskräfte zu bewältigen hatten, wie jeder Kumpel sich bewegen und mühen mußte. Es fiel kein Idealzustand vom Himmel aber die Probleme wurden zufriedenstellend gelöst.)

Die Volkswerft als Großwerft wurde 1948 aus dem Nichts bzw. auf dem Gelände einer vorhandenen kleinen Bootswerft gebaut. Mein Freund K.,  zu jung, um Akteur der ersten Stunde zu sein, doch in Jahrzehnten zu einem Urgestein der Volkswerft geworden, hat den Anfang und die ersten Jahre in einem dichten, dokumentarischen Roman beschrieben. Einen Verleger hat er in BRD-Deutschland nicht gefunden, den kurzen Weg ins Internet leider ebenfalls (noch) nicht.

Zur heutigen Situation ein paar Randbemerkungen von ihm:

„Und da ist also die bevorstehende Insolvenz der Werft. Nun möchte ich darauf nicht mit allen Fingern zeigen. Zu DDR – Zeiten waren wir auch 2x eigentlich pleite. Nur ging das damals eben nicht. Heute geht es. Es gibt zu den Ursachen interessante Vergleiche. Dazu ins Unreine folgendes aus meiner Sicht:

Wir gingen 2x pleite, weil die Zentralen Anforderungen zur Werft, die für alle entscheidenden Kennziffern für das Jahr und perspektivisch gestellt wurden, auch nicht näherungsweise erfüllbar waren. Es entstanden Schlünde. Zentrale Korrekturen erfolgten dann. Aber nicht auf Dauer. 

Heute geht die Werft pleite, weil die Geschäftsführung sich einem ähnlichen Druck ausgesetzt sieht. Sie musste auf Teufel komm raus Aufträge aquirieren, deren Bedingungen durch die Auftraggeber diktiert wurden. Sonst wären die Aufträge eben anderen zugeordnet worden. Diese Bedingungen waren: Ein völlig neuer Schiffstyp (Fährschiffe ) mit neuartigen entwicklungsseitigen und konstruktiven Anforderungen (obgleich mit den Hurtig-routen – Schiffen eine derartige Umstellung eigentlich schon mal gemeistert wurde ). – Auslieferungstermine. Preise. Die Voraussetzungen zur Erfüllung waren nicht annähernd gegeben, offenbar auch zulieferseitig nicht.

Innerbetrieblich scheint aber auch einiges stehengeblieben zu sein nach der Großinvestition der Wendezeit, die ja trotz der Vulkan – Abzocke realisiert wurde! Der mehrmalige Besitzerwechsel mag dafür der Hauptgrund sein. – Und die beiden Geschäftsführer für Produktion und Finanzen hatten sich offenbar in dieser jetzigen Situation  in den Krankenstand abgemeldet. Der Hauptgeschäftsführer musste die auch noch mit ersetzen. Wir hatten eigentlich innerbetrieblich gute Voraussetzungen, um hohe Anforderungen abzuarbeiten: Die erforderlichen Kapazitäten waren in allen Direktoraten vorhanden. Für beauflagte Höchstforderungen reichten sie jedoch nicht. 

Heute wird über fehlende Schiffbauer und Konstrukteure gejammert. Das ist ein Trauerspiel. Ich höre das seit Jahren. Die BBS („Betriebsberufsschule“) wurde rigoros heruntergefahren. Die Entwicklung und Konstruktion offensichtlich auch. Es ist verantwortungsloser Kostendruck. – Den hatten wir aber auch. Das nunmehr jedoch in der Auslieferung ein Verzug von ca 1 Jahr eintritt haben nicht einmal wir geschafft. 

Ich habe die Absicht, mich mal näher mit einem ehemaligen Mitarbeiter von mir zu unterhalten, der seit Jahren im Controlling praktisch meine ehemalige Funktion wahrnimmt. Ich glaube, dem geht es heute wie damals mir in dieser Situation: Nur er und einige wenige andere wussten, was sich da anbahnt. Stoppen konnte er sicherlich auch nichts. Ich werde Dich informieren, wenn es soweit ist. Jetzt macht es keinen Sinn, das Gespräch anzu-bahnen.    

Und der Aufsichtsrat sah zu. Entweder er verstand nichts, wie der zum Schönefelder Flughafen, oder er konnte auch nicht anders wie damals bei uns die Werftleitung auch. Ich habe mal versucht, die Namen des aktuellen AR aus dem Internet zu fischen: Fehlanzeige.

 Es wäre wirklich schlimm, wenn die Werftstadt Stralsund keine Werft mehr hätte. Damals war bei allen Einbrüchen diese Gefahr nicht vorhanden. Jedoch: Wirtschaften ist systemüberhoben. Bestimmte Grenzen müssen eingehalten werden. Sonst kollabiert das betriebliche System.“

No more comment von kranich05.

 

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