Rolling Up, Rolling Down*

* Verzeihung, daß ich hier einen meiner geliebten Shanties zitiere. Es geht mir jetzt gar nicht um Shanties.

„Unsern Eingang segne Gott, unsern Ausgang gleichermaßen!“**

** Verzeihung, daß ich hier einen Spruch aus meinem ungeliebten aber rechtzeitig beendeten Unterricht in Christenlehre zitiere. Es geht mir jetzt gar nicht um Religion.

Auch um das profane „Rin inne Kartoffeln, raus ausse Kartoffeln“ geht es mir nicht. Aber doch geht es um diese Art Drehtüreffekt: Einsteigen/Aussteigen/Einsteigen/Aussteigen.

„Einspannen, Ausspannen, Einspannen, Ausspannen“ – gern wechseln die Herren die Pferde.

***

Als unsereins begann, sich mit dem Faschismus zu beschäftigen…  (Kaum jemand war dazu von seinen Eltern angehalten worden, obwohl durchaus nicht alle Eltern Nazis waren. Es waren Antifaschisten, oft aber nicht immer Kommunisten, die uns dazu erfreulicherweise den Anstoß gaben; Anstöße in vielerlei Form. Freilich, das Denken konnten sie uns nicht verordnen. Das mußte man schon selbst tun. Was sprach dagegen, mit dem Nachdenken zu beginnen? Der Mensch ist doch kein Holzklotz.)

Als ich begann, mich mit dem Faschismus zu beschäftigen, erschien mir dieser als ein monströser, an die aggressivsten Kräfte des Monopolkapitals gekoppelter, Block des Verbrechens, als tiefster Kulturbruch, als kaum oder zumindest kaum begreiflich verbunden mit dem ganzen sozialen Davor und Danach. Auch später, als die DDR eifrig aufdeckte, wie einflußreich die alten Nazis in der BRD waren, modifizierte das meine Sicht nicht tiefgreifend. Das Monströse ragte eben, wie die Kapitalherrschaft selbst, in die Gegenwart hinein.

Sehr allmählich hat sich mein Faschismusverständnis (das ich nie fundamental korrigieren mußte), vertieft, differenziert, erweitert. Tucholsky, Ossietzky haben mich belehrt, Barlachs Verhalten und Schicksal habe ich bedacht. Besonders aber Michail Romms „Der gewöhnliche Faschismus“ hat mich zunächst irritiert und dann weitergebracht. Mein Blick begann sich nun auch zu richten auf den Faschismus im Alltag, den Faschismus im Kleinen, den Faschismus nebenan, der nun sogar Züge von Vertrautheit, ja Gemütlichkeit, aufweisen konnte. Wirklichkeit oder nur eine Maskerade der Wirklichkeit?

Einen weiteren Erkenntnisschub brachte mir Domenico Losurdos „Kampf um die Geschichte“. Mir wurde bewußt die Normalität des wieder und wieder menschenfeindlichen Exzesses in der Klassengesellschaft. Ja, die industrielle Menschenvernichtung der deutschen Faschisten ist ein einmaliger Vorgang. Nein, die Massenvernichtung von Menschen auf dem jeweils höchsten Niveau menschlicher Vernichtungskraft ist ganz und gar kein einmaliger Vorgang. Er ist klassengesellschaftliche Normalität durch die Jahrhunderte.

Heute sehe ich den Deutschen Faschismus mit seinen Protagonisten Hitler, Himmler, Goebbels, mit solchen Begriffsmarken, wie  „Untermensch“, „Auschwitz“ oder „Stalingrad“ als einen historischen Spezialfall. Dieser historische Spezialfall ist wahrscheinlich, auch wenn er als Popanz noch Leben simuliert, mehr oder weniger abgeschlossen. Keineswegs aber abgeschlossen ist der Faschismus. Er ist quicklebendig. Er ist  modernisiert. Er hat sich keineswegs nur maskiert, nein , er ist ein erneuerter geworden, und er bildet sich weiter laufend um. Er überrascht, ja entzückt geradezu mit seiner fröhlichen Wandelbarkeit. Er singt und tanzt und dopt und twittert. Es ist eigentlich eine Lust, ihn zu leben; solange man von dem einen absieht – das er das alte Menschenverachtungs- und Menschenvernichtungssytem ist.

Dieser Faschismus tänzelt ein und tänzelt aus, schwenkt die solidarische Sammelbüchse, er tingelt mit den alten Opfern und schickt die neuen ins Mittelmeer. Er predigt Gottes Barmherzigkeit und bittet zugleich (sehr höflich) um die Opferung „des Äußersten“. Er schlägt sich an die breite zivilgesellschaftliche Brust. Unterm Drohnenauge. Ohne Pause in Bewegung und nicht zu fassen. Imme gerade anders. Der gesuchte Fixpunkt – die Drehtür. Du gehst hindurch und stehst dort, wohin Du keinesfalls wolltest. Draußen vor der Tür. Mach die Augen auf. Denk mal nach. Dort lassen sie sterben.

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