Von der Partei der revolutionären Sozialisten — I — (aus Niederlagen lernen)

Ich weiß nicht, wie eine Partei der revolutionären Sozialisten (oder Kommunisten, da mache ich keinen Unterschied) sein muß. Mir geht dazu mal dieser, mal jener Gedanken durch den Kopf aber zu einem halbwegs geschlossenen Konzept reicht es nicht. Und ich scheue mich, Halbgewalktes aufzuschreiben. Oft fühle ich dann den ironischen Blick Lenins im Rücken und höre seine bissige Kritik an intellektueller Hirnwichserei.

Andererseits wird die neue Heilslehre nicht vom Himmel fallen. Ich sehe nicht, daß Erneuerer Wundertaten vollbringen. Mehr als mein Vorwissen, meine Erfahrungen und meine Überlegungen habe ich nicht. Weniger auch nicht. Also los.

Diese Partei muß aus Niederlagen lernen können. Lenin sagte (sinngemäß): Nur wenn sich die Kommunisten ernsthaft in ihre Niederlagen vertiefen, können sie daraus wirklich alle notwendigen Lehren ziehen. Natürlich wurde immer versucht, Lehren zu ziehen aber nach nun rund 200 Jahren Entwicklung des revolutionären Sozialismus werden die wahrhaft welthistorischen Dimensionen und Brüche dieses Geschichtsabschnitts anders erkennbar.

Für Engels war es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts noch ein Bonmot zu sagen, daß die englische Bourgeoisie als die bürgerlichste nun wohl auch noch ein bürgerliches Proletariat hervorbringen wolle. Wir heute sind Zeuge, daß der Kapitalismus weltweit ein bürgerliches Proletariat hervorgebracht hat, zeitweilig und in begrenztem Rahmen auch ein faschistisches. Ich denke, daß sind Niederlagen des ursprünglichen Konzepts von der historischen Mission des Proletariats, wie es auf Marx/Engels 1848 zurückgeht. Wohl wahr, daß darauf viele Antworten gegeben wurden, nicht zuletzt von Lenin. Heute muß ich feststellen, daß sie nicht ausreichen.

Der 1. Weltkrieg stellte einen Zivilisationsbruch dar (oder er machte ihn, der mit dem Übergang zum Imperialismus begonnen hatte,  offenkundig). Welche Dimension dieser hatte, ist mir tatsächlich erst durch Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ bewußt geworden. Gewiß, die Oktoberrevolution war darauf eine mächtige Antwort. Sie beanspruchte die alles revolutionierende Gegenaktion zu sein und schien das auch praktisch zu bestätigen. Heute meine ich, daß die Oktoberrevolution das nicht geleistet hat, nie geleistet hat und die revolutionären Sozialisten aus dem 1. Weltkrieg ungenügende Schlußfolgerungen gezogen haben.

Die Errichtung der faschistischen Macht 1933 in Deutschland war ein neuer Zivilisationsbruch. (Oder war er eine neue Manifestation des alten seit 1900/1914/1918 wirkenden Bruchs?) Wie entsetzlich dieser von den Linken sofort 1933 verdrängt werden konnte, hat Kurt Tucholsky wahrgenommen und ausgedrückt und ist daran endgültig zerbrochen.

Die Zeitgeschichte haben seit 1933 schreckliche Ereignisse geprägt. Ströme von Blut sind in den Niederlagen und glorreichen Siegen geflossen. Unübersehbare Multidramen haben sich vollzogen, und alles war trotzdem irgendwie in den Alltag der „einfachen Menschen“ eingebettet. An ideologischen Deutungsmustern all dessen hat es wahrlich nicht gefehlt, und wir Marxisten-Leninisten (Ich erinnere mich der Jahrzehnte meines nicht idyllischen aber sinnvollen Lebens in der DDR.) schritten (trotteten? marschierten? schlenderten?) in ruhiger Zukunftsgewißheit durch die Ebenen.

Bis alles zu Ende war 1990. Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Was also ist zu Ende gegangen? Ich denke, der Weg des revolutionären Sozialismus, wie er auf Marx, Engels und Lenin fußend seit Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts definiert und beschritten wurde, ist unwiderruflich gescheitert. Für dieses Scheitern gibt es in den Werken der erwähnten „Klassiker“ reichlich Bedingungen und Ansätze, jedoch keine Zwangsläufigkeit. Zu neuen Perspektiven werden wir nicht ohne Marx, Engels und Lenin kommen, mit ihnen schon, wenn wir sie sehr ernst und sie, „die Alten“, auch sehr kritisch nehmen.

Dieser Beitrag wurde unter Bewußtheit, Demokratie, Faschismus alt neu, Krieg, Krise, Lenin, Materialismus, Realkapitalismus, Realsozialismus, Revolution abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Von der Partei der revolutionären Sozialisten — I — (aus Niederlagen lernen)

  1. Sepp Aigner schreibt:

    Damit habe ich mich auch etliche Jahre herumgeschlagen. Ein paar Gedanken dazu stehen in meinem Blog unter der Rubrik „Fragmente Sozialismus“.. Vielleicht magst Du mal reinschauen: http://kritische-massen.over-blog.de/categorie-11550340.html . (Die beiden obersten/letzten Einträge gehören im engeren Sinn nicht dazu.)

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  2. Breitenbach schreibt:

    Der Au­tor des best­ver­schwie­ge­nen wis­sen­schaft­li­chen Bu­ches un­se­rer Zeit >Wie un­recht hatte Marx wirk­lich? Band 1: Ge­sell­schaft und Wirt­schaft< (Frei­burg 2009) soll münd­lich ein­mal ge­äus­sert ha­ben, man sol­le nie die Flin­te ins Korn wer­fen, be­vor man nicht den er­sten Schuß ab­ge­feu­ert ha­be. Das Ex­pe­ri­ment des Auf­baus ei­ner klas­sen­lo­sen Ge­sell­schaft ist beim er­sten An­lauf ge­schei­tert. Zwei­fel­los. Doch wes­halb soll­te dies bei ei­nem er­neu­ten Ver­such »un­wi­der­ruf­lich« so sein müs­sen? Da­für gibt es kei­nen ver­nünf­ti­gen Grund. Wa­rum wohl wird denn von den Me­dien im Sin­ne des »Ha­se und Igel«-Spiels – auf­grund ge­rin­ger Halb­werts­zeit – eine syn­the­ti­sche Op­po­si­tions­par­tei nach der an­de­ren ins Ren­nen ge­schickt? Zur Ih­rer Kennt­nis­nah­me em­pfeh­le ich Ih­nen zu­min­dest das fol­gen­de in un­ge­nann­ter Auf­la­gen­hö­he bun­des­weit ver­teil­te Flug­blatt: http://www.bund-gegen-anpassung.com/download/de/Flugblaetter/2012.04.Kommunisten.pdf.

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  3. eiffe schreibt:

    Ganz Recht, Herr Hoevels: aus Siegen lernen kann jeder Dodl. Aus Niederlagen lernen können deshalb nur wenige, weil nach Niederlagen nur wenige bei der Roten Fahne bleiben wie damals 1998/1989 – von 2 1/2 Millionen SED-Mitgliedern haben sich nahezu 95 % derselben innerhalb eines knappen Jahres verpinkelt. ?Comprendo Amigo? ?Amigo Comprendo?

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  4. Breitenbach schreibt:

    @eiffe
    Vor­weg: Ich, BRD-Jahr­gang 1960, bin so we­nig ein Hoevels wie Sie ein Dodl sind.

    Zur Sa­che – aus Nie­der­la­gen ler­nen, da­rum geht’s – zwei, drei ei­ge­ne An­mer­kun­gen ei­nes Nicht-BgA-Mit­glieds; von nie­man­dem au­to­ri­siert, son­dern von Gra­tis­wol­ke 17. Klar so­weit?

    1) »Der So­zia­lis­mus siegt« (Le­sen Sie das Flug­blatt!). – War es be­son­ders schlau von der SED, das zu be­haup­ten, oder ihr An­fang vom En­de? Wä­re es nicht be­deu­tend klü­ger ge­we­sen, der DDR-Be­völ­ke­rung von An­fang an rei­nen Wein ein­zu­schen­ken? Be­vor sie die Ver­wäs­se­rung von sich aus merkt? Eben die kla­re An­sage: Die La­ge ist ernst – um nicht zu sa­gen: ver­zwei­felt -, aber nicht hoff­nungs­los? Wir se­hen uns der Tot­rü­stung sei­tens des US-Im­pe­ria­lis­mus ge­gen­über, de­ren Ab­wehr uns al­les ab­ver­langt und teu­er zu ste­hen kommt? Der mo­no­po­li­sti­sche Ka­pi­ta­lis­mus hat er­neut ei­nen tech­no­lo­gi­schen In­no­va­tions­schub her­vor­ge­bracht, den Ge­org Klaus als Ein­tritt in ein neu­es »ky­ber­ne­ti­sches« Zeit­al­ter wahr­schein­lich ge­macht hat, das sich auf­grund des öko­no­mi­schen Vor­sprungs un­se­res po­li­ti­schen Kon­tra­hen­ten für den So­zia­lis­mus als töd­lich er­wei­sen könn­te? Denn der SPD-Kanz­ler Schmidt hat die Sta­tio­nie­rung von ge­gen un­ser Ter­ri­to­rium ge­rich­te­ten, durch die neue Tech­nik prä­zi­sions­ge­steu­er­ten Kern­spal­tungs-Lenk­waf­fen auf west­deut­schem Bo­den ab­ge­nickt? Die Al­ter­na­ti­ve zu der uns im Sin­ne der Selbst­er­hal­tung vom Ka­pi­tal auf­ge­zwun­ge­nen Ein­schrän­kung un­se­res Le­bens­stan­dards kann nur in der Rück­kehr zu ka­pi­ta­li­sti­schen Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen be­ste­hen? Wollt ihr das? – DAS hät­te sich an­ders an­ge­hört. Und als Er­gän­zung hier­zu zwei, drei, vie­le »Schwar­ze Ka­nä­le« (der BgA macht­e spä­ter mit Schnitz­ler die ret­tungs­los über­lau­fe­ne Ver­an­stal­tung: »Ich habe es euch ja schon im­mer ge­sagt«). Zu­min­dest wä­ren dann die Fron­ten ab­ge­steckt ge­we­sen und der Ag­gres­sor klar be­nannt. Und wer weiß, wer weiß. Viel­leicht hät­te die An­ne­xion dann nicht ganz so ge­flutscht, und die neu­en BRD-Be­woh­ner hät­ten viel­leicht die ei­ne oder an­de­re For­de­rung ge­stellt, dies oder je­nes von der alten DDR hin­über­zu­ret­ten. So aber?
    2) Noch vor­her hat­te die SED in der DKP ei­nen west­deut­schen Ab­le­ger, die nach dem KPD-Ver­bot von 1956 im Aus­klang der sog. Stu­den­ten­be­we­gung die mit­glie­der­stärk­ste K-Grup­pe war. Un­ter Vor­sitz des SPD-Ober­heuch­lers Brandt (»Mehr De­mo­kra­tie wa­gen« – mehr als kei­ne?) ver­ab­schie­de­ten am 28. Ja­nu­ar 1972 die Mi­ni­ster­prä­si­den­ten der Län­der den ver­fas­sungs­wi­dri­gen sog. Ra­di­ka­len­er­laß, der mehr als 10.000 bür­ger­li­che Exi­sten­zen ver­nich­te­te, in­dem er na­ment­lich be­kann­te Be­wer­ber für den öf­fent­li­chen Dienst aus dem K-Grup­pen-Spek­trum mit Be­rufs­ver­bot be­leg­te. – War es wirk­lich be­son­ders schlau von der SED, die west­deut­sche Schwe­ster­par­tei nicht da­hin­ge­hend zu in­stru­ie­ren, un­ter­schieds­los über al­le Fäl­le von Be­rufs­ver­bot zu be­rich­ten statt nur über die ei­ge­nen, und die an­de­rer K-Grup­pen tun­lichst un­ter den Tep­pich zu keh­ren? War es wirk­lich schlau von der SED, für das Zucker­brot der de­ten­tion po­li­cy als Haupt­ver­ant­wort­li­che für je­ne Neu­auf­la­ge von Adolfs »Ge­setz zur Wie­de­rher­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums« wi­der bes­se­res Wis­sen die CDU an­zu­schwär­zen statt die Welt über die sta­ti­stisch gut be­leg­te Vor­rei­ter­rol­le der west­deut­schen So­zial­de­mo­kra­tie bei die­sem Scheiß­spiel auf­zu­klä­ren?
    3) Mit Ver­lie­rern will nie­mand gern et­was zu tun ha­ben. So ging’s einst der NSDAP, de­ren Par­tei­mit­glie­der so­zu­sa­gen im flie­gen­den Wech­sel von der Ha­ken­kreuz­fah­ne zum star spang­led ban­ner über­lie­fen. Kann man es ih­nen oder ei­ner Mer­kel et. al. ernst­haft ver­den­ken? Ei­nem Gy­si & Co. selbst­ver­ständ­lich schon.

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  5. eiffe schreibt:

    Hi, Breitenbach,

    habe bis auf Ihre Fremdworte, ich kann halt kein Französisch, im Pronzip alles verstanden,

    Gruß Eiffe.

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