Verkennt der Marxismus-Leninismus die Natur des Menschen?

Gelesen habe ich Ute Osterkamp.  Sie hat einen Beitrag verfasst mit dem Titel: „Hat der Marxismus die Natur des Menschen verkannt oder: Sind die Menschen für den Sozialismus nicht geschaffen?“

Oft sind es nicht die beinharten Antikommunisten, die so fragen, sondern Gutwillige, Sympathisanten des Realsozialismus, Leute, die der DDR humanistische, idealische  Bemühungen zu gute halten, die aber leider an der egoistischen Natur des Menschen gescheitert seien und schließlich zum Zusammenbruch einer Erziehungsdiktatur führen mußten.

Osterkamp hält an der Auffassung des Marxismus fest, daß der Mensch ein gesellschaftliches Wesen sei und bekräftigt, daß die verschiedenen biologistischen Deutungen  der Persönlichkeit regelmäßig darauf hinauslaufen, die gegebenen, das Individuum begrenzenden  sozialen Verhältnisse, vor allem die Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse, als naturgegeben und  unveränderlich zu betrachten.

Resümierend sagt sie: „Da die Bevölkerung bei der Entwicklung des Sozialismus, wie Marx und Engels sie verstehen, in immer höherem Maße ihre Lebensbedingungen den eigenen Bedürfnissen gemäß verändern kann, ist die Frage danach, wieweit sie von solchen selbst geschaffenen und der eigenen Verfügung unterliegenden sozialistischen Verhältnissen überfordert wird, von vornherein widersinnig.“ Es gehe also darum, „die Fremdbestimmtheit individueller Existenz in ihren Ursachen und Auswirkungen sowie die vielfältigen Mechanismen ihrer Verschleierung so präzis wie möglich auf den Begriff zu bringen, um sie umfassend und gemeinsam angehen zu können, auf diese Weise die Bedingungen wirklicher menschlicher Existenz zu schaffen.“

Sosehr ich diese Verteidigung marxistischer Grundpositionen teile, sollte doch das historische Scheitern des Realsozialismus die Frage auslösen, ob es in der marxistischen Auffassung vom Menschen Lücken gibt und es notwendig ist, nach konkreteren Antworten zu suchen. Fraglos war das reale „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR“ gegenüber allem, was es vorher in Deutschland gab, tiefgreifend verändert worden und fraglos in einer Weise, die den Grundorientierungen des Wissenschaftlichen Sozialismus entsprach. Doch ebenso unzweifelhaft haben Massen dieser Menschen im Sozialismus (jeder von ihnen wesentlich ein „Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse“) dieses System am Ende nicht mehr mitgetragen und schließlich aufgegeben.

Der Teufel scheint in der Struktur und Wirkungsweise dieses „Ensembles“ zu stecken.

Im Marxismus-Leninismus, so wie er historisch entstanden ist, nimmt die Theorie von den Klassen und dem Klassenkampf  eine überragende Stellung ein. Man kann diese Theorie buchstäblich als die Achse der materialistischen Geschichtsauffassung bezeichnen. Ich nehme an, daß es sich hierbei um eine bleibende und fundamental bleibende Erkenntnis handelt. Jedoch nicht um eine Erkenntnis, die das Gesellschaftsganze ausreichend differenziert erfasst und schon gar nicht um die ausreichende theoretische Grundlage einer materialistischen Theorie des Menschen. Die philosophische Theorie des menschlichen Individuums (die so sehr verpönte marxistische Anthropologie) kann nicht auf die marxistische Klassenlehre verzichten. Aber sie ist andererseits mit dieser nicht bereits gegeben. Sie ist mit Historischem Materialismus, Politischer Ökonomie oder der Lehre von der Revolution und vom Sozialismus nicht gegeben. Sie  muß erarbeitet werden. Ihr Nichtvorhandensein halte ich für einen der Gründe sowohl des Scheiterns des Realsozialismus als auch der anhaltenden strategischen Defensive des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

Als grundsätzliche theoretische Einsichten dieser marxistischen Anthropologie betrachte ich die Anerkennung der Wertungs- und Entscheidungsfreiheit jedes Menschen als Ausdruck seiner Willensfreiheit/Willkür. Das menschliche Individuum, bestimmt durch objektive Verhältnisse, ist dennoch zu ALLEM fähig.

Seine Willensfreiheit betätigt der Mensch in einem täglichen Strom von Wertungen, Entscheidungen und Verhaltensweisen, denen kontinuierliche (vielfach unbewusste) Bilanzierungen seines individuellen Lebens zu Grunde liegen.

In diese Bilanzierungen geht das strukturierte „Ensemble seiner bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisse“ ein UND das Bewusstsein seiner natürlichen Begrenztheit. Diese Begrenztheit, sosehr sie einen gesellschaftlichen Inhalt hat, bleibt eine natürliche Konstante (bzw. Variable).

Der Mensch hat einen Doppelgesicht von Natürlichkeit und Gesellschaftlichkeit. Er selbst stellt einen „prozessierenden Widerspruch“ dar, der gleichermaßen außerordentliche Kulturleistungen wie „widernatürliche Exzesse“ hervorbringt. Sich selbst theoretisch zu begreifen und im Sinne der Lebenssteigerung praktisch zu bewältigen, stellt seine höchste und wohl zugleich unabweisbar-endgültige Herausforderung dar.

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