situational? situativ?

„… von der Situation, von der augenblicklichen Konstellation abhängig.“ Eine bessere Überschrift ist mir nicht eingefallen.

Manchmal ist die Rede vom „argen Weg der Erkenntnis“. Daran muß ich denken, wenn mich wieder einmal ein  Problem der marxistischen Gesellschaftswissenschaft umtreibt. Wie schmal ist der Pfad zwischen dem Meer der gesellschaftlichen Einzelheiten und Zufälle und den Gebirgen der „ehernen Gesetze“, der durch die Jahrhunderte, Jahrtausende unwandelbaren Notwendigkeiten. Ein Schritt daneben und du ersäufst, ein anderer Schritt daneben und du rennst gegen Beton oder stürzt gleich eine Steilwand hinab. Auf dem Pfad magst du dich halten, wenn es dir gelingt, ganz und gar Dialektiker zu sein.

Zentrale Sätze des Marxismus-Leninismus habe ich nicht in ihrer vollen Dialektik begriffen, Beispiel 1: „Historische Mission des Proletariats“. Das Wort „Mission“ hätte frühzeitig bei mir eine kritische Reflexion auslösen sollen. Seine religiöse Konnotation liegt auf der Hand. Nun haben Marx, Engels, Lenin die soziale Klasse Proletariat wahrlich wissenschaftlich analysiert, wesentliche Interessen und Handlungsweisen des Proletariers erkannt, zukünftige oftmals richtig vorher gesagt. Das ist weit entfernt vom Glauben an einen Hoffnungsträger und Heiland.

Soweit hatte ich es begriffen. Aber wie weit ist dieser Erkenntnisstand doch immer noch entfernt vom wirklich umfassenden Begreifen des Phänomens Proletariat. Jeden Tag hunderttausendfach neu verhält sich das Proletariat und fällt durch alle Maschen unseres groben Erkenntnisnetzes. Zu grob gestrickt das Netz, zu starr, einem Eisenzaun ähnlich, den die Massen der silbernen Fische ungerührt passieren. Da schwimmen sie hin, und ganz gewiß keiner von ihnen ist auf Mission.

Beispiel 2: Der Mensch ist „das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Eine hilfreiche Bestimmung, um sich im Gewusel des und der Menschen zurecht zu finden. Dazu der bedeutende sowjetische Psychologe S. L. Rubinstein (1889-1960 – Der hatte einst zwar in Marburg studiert, was für Wikipedia deutsch noch lange kein Grund für eine biographische Notiz ist.): Ich zitiere sinngemäß: Persönlichkeit ist der Mensch als stabile, wertegeleitete, im Wandel der Ereignisse beständige, auf den Fortschritt orientierte Kraft. Schön, schön. Und dann kam 1989, und unsere Millionen „Ensembles (real-)sozialistischer Verhältnisse“ konnten nicht schnell genug alles irgend Vergeßbare vergessen.

Ohne Frage haben wissenschaftliche Begriffe, erkannte Zusammenhänge großen Wert. Besonders wenn du sie verstehst als Schatten der flackernden Kerze, nicht als heilige Schrift, deren Buchstaben aus Steintafeln vielleicht zu entziffern sind.

Nebenbei: Nicht zum geringen Teil macht diese Fähigkeit das Genie Lenins aus, die Fähigkeit die Begriffe flüssig zu halten, offen zu halten für das „lebendige Leben“ (wie er gern formulierte). Dadurch war, kann ich mir gut vorstellen, für manchen Gebildeten das Gespräch mit Lenin anstrengend oder atemberaubend und gar empörend. Doch Lenins Worte waren brauchbare Hilfsmittel, mit denen die Menschen ihre Lage begreifen konnten.

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