Erfahrungen mit der Mahnwache am 4.11.

  • Das war Organisation von unten. Von den bekannten Großorganisationen (Parteien, Gewerkschaften, Verbände) war nur ver.di beteiligt. Aber nur als ein Teilnehmer unter vielen, nicht als „Träger“.
  • Es waren ursprünglich nur wenige Leute, die die Informationen hatten, die die Idee hatten, die die Aktion organisierten. Sie befinden sich in keinem stabilen Organisationsverhältnis, aber sie sind laufend vernetzt.
  • Sie kennen sich aus vielen fachlichen und politischen Diskussionen sowie früheren gemeinsamen Aktionen. Zwischen ihnen gibt es laufend Austausch, dabei zählt die Autorität von fachlichem Wissen und Erfahrung, von neuen guten Ideen und der zuverlässigen Erfüllung übernommener Aufgaben. Zwischen ihnen besteht Sympathie, gegenseitige persönliche Achtung, wenn nicht gar freundschaftliche Bindung; aber keine Hierarchie.
  • Sowohl die wechselseitige Information und Kommunikation untereinander, als auch die Einbeziehung eines größeren Kreises von Interessenten (von sporadischen, losen Kontakten bis zu enger Zusammenarbeit bei Teilaufgaben) wäre nicht möglich gewesen ohne die systematische Nutzung des Internets (die gleichwohl noch enorm zu verbessern ist).
  • Ich wage zu behaupten, daß da ein strukturierter und trotzdem flexibler Schwarm der Arbeitsgruppe der Staatssekretäre Paroli bot.
  • Herr Pörksen, Staatsrat des Hamburger Senats, stellte sich den Teilnehmern der Mahnwache und reagierte geschmeidig und überwiegend argumentativ auf ihre Forderungen. Die Demonstranten gaben nicht der Versuchung nach, den einen Repräsentanten der Staatsmacht vor allem mit ihrer Überzahl und ihrer  hundertfachen Empörung unter Druck zu setzen.
  • Die Staatsmacht in Person von Herrn Pörksen erwies sich als flexibel im Detail und in den Kommunikationsformen und kann nicht direkt und allein durch den „Druck der Straße“, wie er gegenwärtig möglich ist, von ihren Plänen abgebracht werden.
  • Die Mahnwache hat der Vernetzung von rund 150 Demonstranten einen bedeutenden Impuls gegeben. Ich spreche hier ausdrücklich nicht nur von einer erklärten, gleichsam institutionellen, Vernetzung, sondern von einem wirklichen, lebendigen, ununterbrochen fließenden Gespräch in den bereits bewährten Bahnen des Internetzes, ein Gespräch, das sich um die Herausarbeitung klarer Ziele und Forderungen und notwendige Organisationslösungen zentrieren muß.
  • Dessen ungeachtet bleibt die Vernetzung oder zumindest konkret-sinnvolle Zusammenarbeit mit bestehenden Organisationen, darunter auch den freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe, eine notwendige Aufgabe, die viel Differenzierungsvermögen verlangt.
  • Ich habe den Eindruck, daß die Mahnwache vom 4.11.2011 vor der Hamburgischen Landesvertretung in Berlin über ihr unmittelbares Anliegen hinaus, die Kinder- und Jugendhilfe gegen alle ökonomistischen und neoliberalen Angriffe zu verteidigen, zugleich ein Laboratorium des direkten demokratischen Widerstands war und erfreuliche Möglichkeiten, gangbare Wege, der Verstärkung der Demokratie von unten aufgezeigt hat

 

Update oder Nachbemerkung:

Die Chance sehe ich darin, daß der soziale Komplex oder das komplexe Soziale direkt politisch wirksam wird, genauer: Sich selbst politisch ermächtigt. Repräsentanten gibt es zwar, aber nur vorübergehend, zeitweilig, auf- und abtauchend je nach dem aktuellen politischen Moment.

Es scheint mir durchaus vorstellbar zu sein, daß solche „erwachte Komplexität“ (das wirkliche, bisher stumme, bisher nur ver-tretene Soziale) es lernen kann, radikal analytisch zu sein und langfristig bewußt, strategisch ausgerichtet und taktisch effizient  zu agieren.

Die Waffe dieser Öffentlichkeit ist die Öffentlichkeit. Daran sollen die Geheimdienste ersticken.

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