Reif für die Insel – IB 792 “Lob der Tiere” von György Balint

Je länger die Zeit der DDR zurückliegt, umso schlimmer das Bild vom Leben in diesem Land. Kommunismus, so lernen es heute schon die Erstklässler, ist nicht nur Unfreiheit und Terror, sondern er ist auch eine einzige Tristesse und Armseligkeit, eine von der Partei verordnete und der allgegenwärtigen Stasi erzwungene geistige Wüste. Lenin schätzte zwar Bildung und Kultur auf’s Höchste und verlangte, daß die Sozialisten sich alle geistigen Schätze aneignen sollten, die die Menschheit hervorgebracht hat, … aber was interessiert heute Lenin.

Gegen die Umdeutung und Neuerfindung der Geschichte polemisiere ich oft im opablog. Doch heute will ich es lassen und einfach mal einen Schatz aus meiner Sammlung “Insel-Bücherei” zur Hand nehmen:

Meine Ausgabe der Nummer 792 ist vom Jahr 1963, der ersten und bis heute einzigen Auflage. Gesetzt und gedruckt vom VEB Buch- und Stahlstichdruck Greiz, Werk Zeulenroda. (Eine Firma für Stahlstichdruck, ist das nicht interessant? Ausgerechnet aus Zeulenroda, von dort kommt mein bester Freund. Die Welt ist ein Dorf.)  Das Bändchen kostete 1,25 Mark der DDR, nicht aber für mich. Ich habe es nämlich erst vor zwei Monaten bei ebay ersteigert für 3,90 €. Es ist also auch für mich eine Neuentdeckung. Neuentdeckung der alten DDR.

György Balint lebte von 1906 bis 1943. Er war Publizist und Essayist in Budapest. Und er war Kommunist und Freigeist. Er schrieb: “Nicht abseits stehen und aus der Ferne predigen … In Zurückgezogenheit dem Prinzip treu bleiben, ist leicht – drin im Getümmel muß man ihm die Treue wahren … Junge Intellektuelle, lernt die Kunst der Empörung! … Lernt, wogegen ihr eure Empörung zu richten habt! Sie ist eine kostbare Waffe, und es versündigt sich, wer sie falsch und fahrlässig benutzt…” Balint wurde 1942 verhaftet, wieder freigelassen, wieder ins Gefängnis geworfen und in einer Strafkompanie zugrunde gerichtet. Er starb im Januar 1943.

Das Inselbändchen enthält ein Vorwort des Autors (1938) und 25 Miniaturen, Geschichten wäre schon zu viel gesagt, über verschiedene Tiere. Die Texte sind unprätentiös wie Edelsteine, oftmals mit Humor geschrieben, und ihre Menschen-, Tier- und Lebensliebe kann einen zum Heulen bringen.

Ich lasse hier den Text von der toten Eidechse folgen. Soviel Ernst und Würde, Schönheit und Geist!

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4 Antworten zu Reif für die Insel – IB 792 “Lob der Tiere” von György Balint

  1. Sepp Aigner schreibt:

    Zum Heulen schön.

  2. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Nach Michelangelo, Wüsten jetzt Balint. Ich bin gespannt aufs nächste Inselbändchen. Übrigens hat
    Theodor Lessing mit seinen “Sozialphysiognomischen Essays” 1926 Ähnliches vorgelegt.

    • kranich05 schreibt:

      Meine Sammlung umfasst knapp tausend Bändchen. Für Stoff ist also gesorgt. Ich scheue mich aber, das Blog allzu sehr damit voll zu stopfen.
      Die genannten Essays von Theodor Lessing kenne ich nicht,.Bin nun neugierig.

      • Wolfgang Oedingen schreibt:

        Die Essays finden sich bei Theodor Lessing “Ich warf eine Flaschenost ins Meer der
        Geschichte”, Essays und Feuilletons Hrsg. Rainer Marwedel Sammlung Luchterhand
        mein Exemplar 2. Auflage, Januar 1989

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