Eine deutliche Erinnerung an uns merkwürdige Kommunisten

Es war am 7. November 1990. Die DDR existierte nicht mehr. Ich war Abgeordneter der SED-PDS in Berlin-Mitte. Ich hatte mich zur Verteidigung von Mieterinteressen in Fragen des Mietrechts eingearbeitet und in diesem Zusammenhang ein Treffen mit GenossInnen (Damals hätte ich geschrieben „mit Genossen“). Auch einige parteilose Bürgerinnen und Bürger waren anwesend.

Ich war damals in einer Stimmung: Jetzt sind wir revolutionäre Sozialisten ganz unten und fangen noch einmal ganz von vorne an. Keiner hindert uns jetzt mehr, unseren Lenin ganz ernst und ehrlich zu nehmen. Und weil es zufällig der 7. November war, erinnerte ich an den Jahrestag der Oktoberrevolution. (Wer sich jetzt wundert: Der Begriff „Oktoberrevolution“ rührt vom damals in Rußland gültigen gregorianischen Kalender. Eigentlich, nach julianischem Kalender, der wenig später von den Bolschewiki eingeführt wurde, begann die Revolution am 7. November.)

Ich würdigte also die Oktoberrevolution. Die Reaktion meines Auditoriums werde ich nie vergessen: Es war, als hätte ich in Esperanto gesprochen. Nein, „eisiges Schweigen“ wäre unzutreffend. Es war eher ein verwundertes Schweigen, als würde jemand an etwas erinnern, von dem die Einen noch nie gehört und das die Anderen schon seit Äonen vergessen hatten.

An diese freiwillige Haltung eines Querschnitts von SED-PDS-Genossen erinnere ich mich heute nach dem Göttinger Parteitag der Partei „Die Linke“. Es gibt nichts Neues. Die Partei wird als Zwitterwesen noch weiter existieren. Sie wird, wie die allerersten Reaktionen der bürgerlichen Propaganda beweisen, weiter im Haifischbecken gejagt werden, wird darin taumeln. Eine Partei revolutionärer Sozialisten bleibt eine Frage der Zukunft.

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“Wem gelingt es? – Trübe Frage,
Der das Schicksal sich vermummt,
Wenn am unglückseligsten Tage
Blutend alles Volk verstummt.
Doch erfrischet neue Lieder,
Steht nicht länger tief gebeugt
Denn der Boden zeugt sie wieder,
Wie von je er sie gezeugt.”

(Goethe, Faust 2, 3. Akt)

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