Reif für die Insel – IB 444 Michelangelo Handzeichnungen

Je länger die Zeit der DDR zurückliegt, umso schlimmer das Bild vom Leben in diesem Land. Kommunismus, so lernen es heute schon die Erstklässler, ist nicht nur Unfreiheit und Terror, sondern er ist auch eine einzige Tristesse und Armseligkeit, eine von der Partei verordnete und der allgegenwärtigen Stasi erzwungene geistige Wüste. Lenin schätzte zwar Bildung und Kultur auf’s Höchste und verlangte, daß die Sozialisten sich alle geistigen Schätze aneignen sollten, die die Menschheit hervorgebracht hat, … aber was interessiert heute Lenin.

Gegen die Umdeutung und Neuerfindung der Geschichte polemisiere ich oft im opablog. Doch heute will ich es lassen und einfach mal einen Schatz aus meiner Sammlung “Insel-Bücherei” zur Hand nehmen:

Meine Ausgabe der Nummer 444 ist vom Jahr 1964, gedruckt vom VEB Offizin Andersen Nexö in Leipzig. Das Bändchen kostete 1,25 Mark der DDR.

Die Nummer 444 hatte ein wechselvolles Schicksal im Laufe der Jahrzehnte. 1933 war die Zahl schon einmal vergeben, für eine “Deutsche Chronik von 1918 – 1933″, Herausgeber Hans Wolf und Otto Freiherr von Taube. 1933 war der Satz beendet, jedoch dieser Titel ist nie erschienen. 1934 erschien dann als IB 444 der Titel “Kaiser Augustus” von Helmut Berve. Erst 1965 wurde die Nummer 444 neu vergeben mit den hier vorliegenden Handzeichnungen von Michelangelo, Geleitwort Diether Schmidt. Zur gleichen Zeit erschien dieselbe Ausgabe  (Nachwort Harald Keller) im Insel-Verlag Frankfurt/Main. Die Auflage erreichte in der DDR bis Ende der 80er Jahre knapp 60 Tausend Exemplare, in der BRD etwa 20 Tausend.

Das Geleitwort von Schmidt hat 16 Seiten und führt informativ ein in die Entwicklung der Renaissance in Italien seit Dante, als Hintergrund und historische Voraussetzung des   machtvollen künstlerischen und gesellschaftspolitischen Wirkens von Michelangelo. Am bescheidenen Gegenstand, oftmals anspruchslosen, skizzenhaften Handzeichnungen (kleinstformatig, verglichen mit dem, was Künstler heute abliefern) kann der Betrachter sich einfühlen in einen Arbeitsprozeß, der sich ganz und gar darauf konzentriert, in die Wirklichkeit einzudringen, sie tief zu durchdringen und in aktiven, dramatisch handelnden Figuren zu spiegeln und zugleich zu erhöhen.

Subtil skizzierte Männerköpfe (etwa 1501)

Ein durchgearbeiteter weiblicher Kopf mit Hut im Profil, entstanden um 1520

Zwei Versionen der Auferstehung Christi (beide etwa 1532). Links eine Schnellskizze, Christus in dramatischer Bewegung reißt sich gleichsam von der Ballung der Wächter los. Rechte Fassung, viel mehr Klarheit. “Das schwere Losringen aus den irdischen Fesseln”, schreibt Schmidt, “ist einem strahlenden Aufsteigen gewichen.”

Drei Männerakte (etwa 1530). Wie es doch Michelangelo gelungen ist, die natürliche Beweglichkeit dieser Menschen (man deutet sie als Abwehr einer von oben drohenden Gefahr) mit sensiblem und zugleich kraftvollem Strich zu erfassen.

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2 Antworten zu Reif für die Insel – IB 444 Michelangelo Handzeichnungen

  1. Wolfgang Oedingen schreibt:

    Vielen Dank für die Handzeichnungen. Bin immer schon der Meinung gewesen, dass das kulturelle Erbe in der DDR am besten tradiert wurde. Möge es Ihnen gelingen weitere Zeichnungen im opablog zur Verfügung zu stellen.

    • kranich05 schreibt:

      Ob “am besten” oder “zweitbesten” möchte ich offen lassen. Festhalten aber möchte ich, daß das humanistische Erbe (nicht nur das nationale) in der DDR umfangreich, aufwendig, vielfältig tradiert wurde. Und auch, daß dies oft auf andere, neuartige, interessante Weise geschah. Und schließlich auch, daß größere Kreise der Bevölkerung erreicht wurden als in der herkömmlichen bürgerlichen Gesellschaft üblich.
      Die beiden Insel-Verlage – einerseits Leipzig, andererseits Wiesbaden/Frankfurt/Main -mit ihrer Insel-Bücherei sind gerade ein Beispiel dafür, daß in beiden deutschen Staaten (in durchaus unterschiedlicher Weise) Wertvolles zur Bewahrung und Weiterführung des kulturellen Erbes geleistet wurde.
      Ich beabsichtige eine ganze Folge von Postings zur Insel-Bücherei.

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