genug gelebt?

Ich habe zwei Menschen kennen gelernt, die mit ruhiger Überlegung sagten, daß sie nicht mehr leben wollten. Sie meinten, es sei genug mit dem Leben.

Ein dritter, Peter E., gehörte nicht zu ihnen. Während er ein ganz entspanntes Verhältnis zu seinem Tod hatte, lebte er gern. Damals, als er zur Feier meiner Schulentlassung bei uns zu Besuch war, erwähnte er beiläufig, daß er zu Hause im Schrank seinen Grabstein zu stehen habe. Ich fand das etwas skurril, es erschreckte mich aber kaum, und nach etwas Nachdenken sagte ich mir, daß dagegen eigentlich nichts einzuwenden sei.

Jetzt hat ein Schlaganfall eine gute Freundin im 82. Lebensjahr aus der Bahn geworfen. H. hat immer bewußt gelebt, „ihren Hausstand bestellt“, ihre soliden Mühen und Vergnügungen gepflegt. Ich denke, daß sie gern gelebt hat. Ihr Schlaganfall, so sagen Außenstehende, war eigentlich nicht allzu schwer. Jetzt, nach acht Wochen, kann sie sich zu Hause weitgehend selbst versorgen. Sie ißt wenig aber es schmeckt ihr. Sie liest; vielleicht etwas schwerfällig aber die geistigen Probleme und Zusammenhänge, die sie immer beschäftigt haben, sind ihr gegenwärtig. Sie freut sich an den Blumen vor ihrer Tür. Sie hat viele Freunde, die auch jetzt für sie da sind, sie täglich besuchen, für sie einkaufen oder mit ihr spazieren gehen. Denn allein traut sie sich nun doch nicht ins Kreuzberger Gewühl. Die Kommunikation ist gestört. Sie hat Wortfindungs- und Artikulationsstörungen, Störungen des Verstehens aber so gut wie keine. Alle sagen ihr, daß es wieder aufwärts geht, daß sie Fortschritte macht. Aber sie denkt und manchmal sagt sie es auch: „Wozu?“. Einmal, auf die direkte Frage, was sie wolle, antwortete sie klar und deutlich und mit großer Betonung: „Abtreten!“.

Ihr Körper, ihr allgemeiner Zustand und auch ihr soziales Umfeld geben ihr den Auftrag zu leben. Notgedrungen, halbherzig läßt sie sich darauf ein. Doch einen Sinn sieht sei darin nicht. Was tun?

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Eine Antwort zu genug gelebt?

  1. Katzenjäger schreibt:

    Vielleicht gibts einen Grund… Weil wie EUCH brauchen!

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