Selektiver Faschismus

Immer wieder bin ich überrascht davon und erschreckt, wie selektiv unsere Wahrnehmung durch die Medien gesteuert wird.

Zur Zeit scheint es kein größeres Menschlichkeitsproblem zu geben als das mit dem Namen Julia Timoschenko verbundene. Daß man die Dame aus dem Polit-Verkehr gezogen hat, ist gewiß für den Westen höchst unbefriedigend, unter menschenrechtlichem Aspekt bleibt es ein Schmarrn.

Zur selben Zeit wird ein Deutscher im Ausland ermordet, und davon nimmt kaum einer Notiz. Es handele sich um einen Islamisten, der in Pakistan Kontakt zu Terroristen gehabt habe und nun durch einen amerikanischen Drohnenangriff getötet wurde. Im Rechtssystem der westlichen Demokratien sind Tötungen von Menschen, von denen es heißt, sie seien islamische Terroristen, gang und gäbe. Gegebenenfalls werden solche Tötungen von hohen RepräsentantInnen mit Beifall bedacht.

Wir haben uns angewöhnt, den deutschen Faschismus als System des lückenlosen, brutalen Terrors zu begreifen. Zu Recht. Jedoch tritt manchmal zu sehr in den Hintergrund, daß auch der Faschismus Terror selektiv einsetzte und sehr wohl die Brutalität mit Zuckerbrot und heiler Welt zu verbinden wußte. Oft gingen beide Herrschaftsmethoden unvermittelt ineinander über, was einen besonderen Zynismus nährte. Manchen Künstler veranlaßte das zum Ausstellen der Ganovenhaftigkeit, man denke an Brechts „Artuto Ui“.

Heute scheint das meisterhaften Ausspielen der Selektivität eine neue Qualität erreicht zu haben, und es könnte sein, daß damit der zeitgenössische  Faschismus Fuß faßt, mehr noch, daß er sich auf diese Weise buchstäblich demokratietauglich neu erfindet. Die Selektivität, ursprünglich einfache Wahl zwischen Unterschieden, wird bis zur gleichwertigen/gleichmütigen Handhabung der gegensätzlichsten Maßnahmen getrieben. Mit der einen Hand/Stimme wird hohe Menschlichkeit gepflegt, mit der anderen Hand/Stimme wird zu derselben Zeit gefoltert und gemordet. Beide Hände und Stimmen wissen nichts voneinander! Und der naive Betrachter, der beide Hände und Stimmen wahrzunehmen vermag, beginnt nicht etwa zu Grübeln, sondern verwirft lieber seine Wahrnehmung! Ist das nicht eine Stufe der Machtausübung in der bürgerlichen Demokratie, die Elemente des selektiven Faschismus integriert? Wann kann man diese Machtausübung nicht mehr als “Stufe der bürgerlichen Demokratie” bezeichnen?

Das System funktioniert, solange der komplizierte schizophrene Konsens von den Massen ignoriert und von den Intellektuellen akzeptiert wird. Medienmacht spielt dabei eine maßgebende Rolle. Die mit den Namen Breivik oder NSU verknüpften Terrorakte zeigen an, daß auch im fuktionierenden System eine zersetzende Dynamik wirkt, die “zu ihrer Wahrheit” kommen will.

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Update 1.5.2012: Zu welcher Wahrheit kommen wir mit den neuen, jetzt eröffneten Internierungslagern in Griechenland?

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