Deutsche Zustände, 8.4.2012; Updates 10. und 13.4.2012

Das, was ich der Kürze halber den „Fall Grass“ nenne, zeigt viele Seiten. Ich versuche, mir einige bewusst zu machen:

  1. Deutschland in Beton

Das ungewöhnliche Ereignis hat schier einen Medientsunami ausgelöst. Doch was höchste Erregung simuliert, ist in Wahrheit ein Abspulen vorab definierter, seit langem bekannter und eingeübter Positionierungen, Reflexe, Reaktionsmuster. Wie immer, Springer/Döpfner an der Spitze der Mediendiktatoren, wie fast immer, fast absolute Einheitsfront der Hauptmedien. Eindeutigste (über jeden Zweifel erhabene) Zurückweisung der politischen Wortmeldung durch alle vier Regierungsparteien nebst christlicher Kirchen. Heftige Parteiäußerung von Graumann, Zentralrat der Juden in Deuschland, hysterisches Antisemitismus-Sperrfeuer der dorfbekannten Dauerschützen, Schweigsamkeit der Masse der Intellektuellen, Desinteresse der Bürger.

  1. Ein Haarriss im Beton

Der Haarriss beginnt damit, daß einer der bedeutendsten Mainstream-Intellektuellen grundlegende tabuisierte Wahrheiten offen ausspricht. Diese Wahrheiten sind schon oft und oft präziser und tiefgründiger ausgesprochen worden (worauf z. B. Krippendorff verweist). Neu ist aber, daß sie hier ein Autor  auf der Mitte des öffentlichen Marktes zu platzieren vermag. Der Haarriss setzt sich damit fort, daß selbst in den Mainstreammedien (MSM)  Stimmen der Vernunft zu hören sind, sei es in Form des mutigen Kommentars eines Journalisten (Nehls), sei es in der Form, daß man Grass ausreichend Gelegenheit einräumen mußte, seine Argumente zu erläutern und zu vertiefen, sei es, daß nicht in allen Fällen die Kommentarfunktion (im Internet) abgeschaltet wurde, obwohl eine überwältigende Zustimmung zu Grass sichtbar wurde. Vielleicht ist ein wenig Freude darüber erlaubt, daß die Meinungsdiktatur anscheinend ein Gefecht verloren hat – wenn das klare Bewusstsein bleibt, daß die Meinungsdiktatur ein hochgerüsteter Gigant ist, keineswegs auf tönernen Füßen, und begierig, in vielen weiteren Schlachten zu siegen.

  1. Der Brocken ist sperrig.

Der Brocken, den Grass in die Debatte geschmissen hat, macht es den professionellen Beseitigern jedes Körnchens Wahrheit schwer. Zu sagen, daß der bedeutende Atomwaffenstaat Israel international kontrolliert gehört, genau wie der Iran, ist deshalb so unverzeihlich, weil dieser Forderung kein Mensch gesunden Verstandes seine Zustimmung verweigern kann. Die Lieferung (Teilschenkung) atomwaffenfähiger U-Boote durch Deutschland anzuprangern, ist deshalb unverzeihlich, weil jedem, der lesen kann, die Mißachtung des Grundgesetzes der BRD ins Auge fällt. Grass hebt die Debatte in voller Verantwortlichkeit auf die Ebene der Weltkriegsgefahr. Das heißt, er wendet sich der außerordentlichen Komplexität unserer Welt zu, die gleichwohl bittere Realität ist und die Lebensmöglichkeiten von Abermillionen Menschen bedroht. Grass‘ Text hat weitere Stärken, die seine Antipoden zu schäbigen Argumentationsmustern zwingen. Dazu zähle ich den bewußten Bezug auf die deutsche Geschichte (Was hat es nun eigentlich mit der „Staatsräson“ auf sich?) sowie die Artikulation des persönlichen Problems (dieses allgemeinen Gewissensproblems): Wann spreche ich, wann darf ich nicht (mehr) schweigen? Und schließlich: Obwohl alle klugen Leute die miserable poetische Qualität des Textes anprangern und ich ihnen nicht widersprechen kann noch will, glaube ich doch, auch ästhetische Stärken entdeckt zu haben.

  1. Zwei übliche Verdächtige

haben sich nicht, bzw. so gut wie nicht geäußert. Die eine heißt Merkel. „Ich bin denn mal im Osterurlaub“, sagte die Dame, „und da gibt’s Freiheit der Kunst und Ostereier und das „Kirchlein im Grünen“ von mei’m Papa und überhaupt…“.

Ich denke der Dame war es nicht unlieb, daß sich Springer mal ‚ne Beule holt. Daß Grass nur wenig Flanke für einen seriösen Angriff bietet, war ihr klar. Ist nicht vielleicht – hier spekuliere ich – eine Kalkulation des deutschen (durchaus imperialistischen) Kapitals im Spiel, daß die blinde Unterstützung der Netanjahu-Politik sehr, sehr teuer werden kann und das bei kleinster geostrategischer Rendite, genauer, riesigem Verlust?

Der Andere, der nix sagt, ist ausgerechnet der Rhetor der Nation. Und das, obwohl Grass ihn in zwei Interviews – ich spreche mal Jargon – direkt angefüttert hat. Dieser andere G. hat kapiert, daß er durch keine Äußerung gewinnen kann und ist schlau genug, die Klappe zu halten. Das aufgenötigte Schweigen aber dürfte ihn mächtig wurmen.

5. Schweigende

Vordergründig erleben wir Aufregung, Mediengeschrei. Doch auffällig Viele schweigen. Eisernes Schweigen einiger Gruppen/Szenen, die eigentlich etwas zu sagen hätten:

Gruppe A: die Intelligenzia, das intellektuelle Gewissen der Gesellschaft, die namhaften Geistesarbeiter und –arbeiterinnen. Ich zähle keine Namen auf, und ich erspare mir Mutmaßungen über ihre Gründe. Doch ich bin verwirrt und enttäuscht. Wenn zutrifft, daß Grass eines der bedeutsamsten Themen angerissen hat, eigentlich das Schicksalsthema, und wenn er das nicht unter jedem Niveau getan hat, dann ist das Schweigen der humanistischen Geistesgrößen unserer Zeit nicht ihre Privatsache. Dann ist es Versagen.

Gruppe B: Die Partei Die Linke. Es gibt mehreres Geschwurbel „aus Parteikreisen“. Zwei, drei Personen haben etwas geäußert – und machen überdeutlich, daß die LINKE weder entschieden noch klar noch positiv-konstruktiv noch kritisch-weiterführend Stellung nimmt. Bloße Unfähigkeit der Linken? Mehr hier.

Gruppe C: Viele Organisationen des linken und friedensbewegten Spektrums. Die Ostermarschierer haben von der „Gnade des terminlichen Zusammenfallens“ von Grass‘ „Osterbotschaft“ mit ihrer Traditionsveranstaltung profitiert. So haben sie aus aktueller Gelegenheit vielfach klare Stellung bezogen. Darüber sollte man nicht vergessen, daß sehr viele dieser Bewegungen und Initiativen weder sehr bewegt noch initiativ sind, eher darauf fixiert, von Zeit zu Zeit Erklärungen oder Aufrufe dem Papier oder dem Internet-Nirvana anzuvertrauen, um danach wochenlang abzuwarten. Daß sie sich mit dieser Arbeitsweise aus jeder aktuellen Diskussion selbst herauskicken, liegt auf der Hand. Beispiele hier, hier, hierhttp://www.dkp-online.de/uz/.

Gruppe D: Die neuen, „wütenden“, ganz anderen Bewegungen und Organisationen, occupy, Piraten, „Empörte“ aller Coleur. Szenen, die nachdrücklich auf Gesellschaftsanalyse und systematische Programmatik verzichten, dem Symbolkampf aber überragendes Gewicht geben. Nicht existent, wenn es um Inhalte geht.

6. Kritik ist nötig

Grass hat das Verdienst, seinem Standpunkt eines deutschen bürgerlichen Demokraten und Mahners gegen die Gefahr eines großen Krieges Geltung verschafft zu haben. Das verdient Dank und Anerkennung. Doch sollten nicht die Schwächen seiner Position ignoriert werden. Freerk Huisken hat dazu Substantielles gesagt. Grass kennt keine Klasseninteressen. Damit kommt der amerikanische Imperialismus bei ihm nicht vor und dessen aktuelles geostrategisches Konzept für den Nahen und Mittleren Osten (seit Jahren öffentlich propagiert) spielt in seiner Argumentation keine Rolle. Die Entwicklungen in der islamischen Welt sind zweifellos widersprüchlich, rasant und für unsereins schwer verständlich. Für Grass ist das aber nicht Anlaß zu besonders vorsichtigem Urteil, sondern animiert ihn im Gegenteil zu einer Maulheldenrhetorik. Bei aller Kritik am deutsch-israelischen U-Boot-Deal wird dieser Vorgang nicht in den Gesamtzusammenhang des deutschen imperialistischen Interesses eingeordnet. Und schließlich sucht man bei Grass vergeblich eine profunde Kritik des herrschenden politischen Zionismus Israels (von einer Kritik des Luxemburger Abkommens von 1952, worauf das Blog “Mein Parteibuch” hinweist, ganz zu schweigen.)

7. Tönende

Es macht kein Vergnügen, diejenigen anzuschauen, die sich laut tönend äußern. Nur so viel: All diese Figuren mit ihren Spitzenrankings auf den diversen Skalen der Blödmaschinen haben diesmal erhebliche Chancen sich sichtbar zu blamieren. Denn es geht um einen Text (plus erläuternde Interviewaussagen) von einiger Qualität und viele Medienkonsumenten sind in der Lage, sich ein eigenes Bild von der Sache zu machen. Sowohl die Inkompetenz, als auch die Anmaßung, als auch Neid oder Rachsucht der Laut-Töner sind erkennbarer als in den üblichen Medienkampagnen.

8. Ken Jebsen ?

Der aktuelle Wirbel hat mich erstmals auf Ken Jebsen aufmerksam gemacht. Seine Produktion über Zionistischen Rassismus habe ich in vollem Umfang (knapp eine Stunde) zur Kenntnis genommen. Ich erkenne darin nicht nur erhebliche Verzerrungen und tendenziöse Aussagen, sondern auch direkte Falschdarstellungen. Dessen ungeachtet, hat diese „Breitseite“ meine Sicht auf den zionistischen Rassismus geschärft und mein Interesse für eine weitergehende Beschäftigung geweckt. Norman Finkelsteins Buch „Die Holocaustindustrie“ ist bereits bestellt.

9. Internet

Einmal mehr bewährt sich das Internet für mich in einer aktuellen politischen Debatte. Das gilt nicht ohne Einschränkung. Mir scheint, daß die Rolle von Spam und fiktiven Beiträgen aller Art (Hasbara, besonders schön hier) steigt. Doch ich schätze die Unabhängigkeit vieler Webseiten, die vielen Äußerungen von gesundem Menschenverstand und kritischem Geist, sowie besonders einige qualifizierte Beiträge aus wissenschaftlicher Sicht, siehe „Hintergrund“, Parteibuch (fast täglich neue Beiträge) und Huisken (“Deutscher Großdichter als Weltgewissen – national abgewatscht”), auch Le Bohemien und nrhz. (Ergänzung 13.4.: Beachtlich Mosshen Massarrat in ftd v. 12.4.. Aufschlußreich auch die dortige Umfrage: Die Frage “Sind Grass’ Thesen richtig?” beantworten 57% von 21221 Stimmen mit “ja”, weitere 28% mit “diskutabel”.)

10. Nachtrag am 10.4.

Zwar hatte ich den anderen Herrn G. schon unter Punkt 4. erwähnt. Doch wenn ich es recht bedenke, sollte er nicht so billig davon kommen. Immerhin hat ihm Günter Grass eine Steilvorlage geliefert, sein erklärtes Leib- und Magenthema  - FREIHEIT UND VERANTWORTUNG. Doch unser Mister Wortgewalt hat seine Zunge verschluckt.       Pech gehabt, Schaumschläger.

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