Verworren oder einfach Biografie?

Es heißt, wir leben in höchst dynamischen und komplexen, also unübersichtlichen Zeiten. Und tatsächlich, bei der Fülle von Ereignissen, die auf jeden Menschen einstürmt, scheint die Schwierigkeit verständlich, eine eindeutige persönliche Identität zu finden. Wer heute 60, 70 Jahre alt ist und in einer Familie mit Eltern- und Großeltern aufwuchs, der kam mit rund 120 Jahren gesellschaftlicher Entwicklung in Berührung. Für mich z. B. sind das: „die Friedenszeiten“ vor 1900 – die Kaiserzeit mit dem plötzlichen „Ausbruch“ des 1. Weltkriegs –  Krieg – Kriegsende und Revolution, doch wohl historische Tatsachen, spielten in den familiären Überlieferungen meiner Kindheit eher eine geringe Rolle – umso mehr die Inflation – Widersprüchliches aus der Weimarer Zeit – Hitler – 2. Weltkrieg/Stalingrad, Atombombe – der „Zusammenbruch“ – der schlimm kalte Winter 1946, der schlimm heiße Sommer 1947, kein Brot – hier setzt die eigene Erinnerung ein – Deutschland in Zonen – Stalin, DDR, Fünfjahrpläne – 17. Juni. 1953 – „Wirtschaftswunder“ in Westdeutschland, Aufschwung auch in der DDR Ender der fünfziger Jahre – 1956 Chrustschow, Suezkrise, Ungarnkrise – der 13. August, die Mauer – …. Und immer weiter geht es mit den gravierenden Ereignissen. Wie sollen Menschen, die 1980 oder 1990 geboren wurden, sich zurechtfinden in Verhältnissen und Ereignissen, die sehr wohl noch heute nachwirken, die ihnen aber weitgehend unbekannt sind? Aber auch wir Alten (falls wir nicht längst verkrustet sind und nur Jahr für Jahr unsere Kalkschicht verstärken), wir Alten, wenn wir heute noch bereit sind, über etwas zu staunen oder uns gar verunsichern zu lassen, was sich zwar 1955 ereignete, uns aber erst heute bekannt wurde, auch wir unterliegen den Anwandlungen des Chamäleons.

Als mir durch eine zufällige Begegnung plötzlich drei Lebensläufe (der von Kempowski, Gauck und mein eigener), vor Augen gestellt wurden, da habe ich zu der Umschreibung „verworrene Wege“ gegriffen. Aber ein zweites Nachdenken lohnt sich. Vielleicht lassen sich gar in der Verworrenheit Zusammenhänge von allgemeinem Interesse aufdecken.

Ich glaube, daß diese Lebenswege (Geburtsjahre 1929, und 2x 1940) in höchstem Maße durch das Spannungsfeld „Faschismus – Nichtfaschismus – Antifaschismus“ determiniert sind. Natürlich habe ich die Dimitroffsche Faschismusdefinition im Hinterkopf. Jedoch den Faschismus mit konkreten Biografien in Zusammenhang zu bringen (zumal von Menschen, die sich z. T. als Nachgeborene verstehen dürfen), verlangt eine differenziertere Sicht, eine Sicht auf die Alltagsverhältnisse im Faschismus. Es gab alte Traditionen, komplexe Werte, Unpolitisches und Intimes, Zufälle und Einzelheiten, Vor- und Nachfaschistisches gleichermaßen. Für eine solche Sicht ist m. E. das Konzept des „gewöhnlichen Faschismus“ hilfreich, wie es Michail Romm seinem gleichnamigen Film zugrunde gelegt hat. In den Poren jeder Gesellschaft imperialistischen Charakters, selbst in den gleichgültigsten Erscheinungen des täglichen Lebens, steckt dem Faschistischen Wesensgleiches und zwar lange bevor (oder lange nachdem) der Faschismus als terroristisches Herrschaftssytem alles überwältigt hat. Das untrügliche Kennzeichen ist die Unterscheidung der Menschen nach ihrer Wertigkeit, die Bestimmung minderwertiger Rassen, Nationen, Klassen, Orientierungen usw. und ihre entsprechende Behandlung. Diese Behandlung kennt milde Formen aber auch verschärfte, die extremste ist die Ausrottung. Domenico Losurdos Buch „Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus“, (Papyrossa Verlag 2010) öffnet einmal mehr die Augen für die Normalität der Ausrottung anderer Menschen durch die gutbürgerliche Gesellschaft. Wie abenteuerlich bunt war unsere Kinderwelt der Indianergeschichten, Generationen genossen die Kinoromantik des Western. Kein Gedanke, daß wir uns an Völkermord vergnügten. Die Züchtigung und notfalls Ausmerzung bestimmter Menschen (natürlich zum Guten der Gesellschaft) haben „gebildete mutige Denker“ erwogen, Fachleute begründet, lange bevor SS-Unterscharführer ihr Handwerk verrichteten und bald nachdem sie es verrichtet hatten. Es waren und sind die Spitzen der Gesellschaft im Einklang mit dem „gesunden Volksempfinden“ – Nobelpreisträger aller Wissenschaften, Mediziner, Priester, Betriebswirte, Richter, Handwerker, Mütter und barmherzige Schwestern.

Die strukturelle Menschenfeindlichkeit des Alltags (in imperialistischen Gesellschaften) erlaubt es, den faschistischen Exzess (den Albtraum, die Übertreibung, das Agieren der Primitiven usw.) von einem Tag zum andern zu vergessen bei Wahrung (und nur geringfügiger Umformulierung) aller überkommenen Ressentiments. Mit einem Federstrich „ermächtigten“ 1933 die Demokraten und schüttelten 1945/46 kurz ihre Pelze, um als lupenreine Demokraten weiterzumachen. Besonders leicht taten sich diejenigen, die Faschismus zwar zuließen aber selbst nicht eifernd praktizierten, ihn vielleicht sogar mäkelnd „begleiteten“. Das mag auf Kempowski und sein Umfeld zutreffen. Nichtfaschisten, die sich umso mehr berufen fühlten, ihr warmes Plätzchen in ihrem Deutschland gegen die aus Asien anbrandenden Roten Horden zu verteidigen. Mit welcher Selbstverständlichkeit der junge Kempowski den Kampf gegen „die Russen“ aufnahm! Das waren Eindringlinge, Räuber, Vergewaltiger, eigentlich Untermenschen. Kempowski, nach Verbüßung seiner Strafe, lebt im Westen und arbeitet sich am Erlebten ab. Wenn ich richtig sehe (ich schränke hier ein, weil ich Kempowskis umfangreiches zeitgeschichtliches Werk nicht gut genug kenne), kommt der deutsche kommunistische Widerstand in Kempowskis Werk nicht vor, ebenso wenig wie der von Deutschen ausgeführte faschistische Exzess. Damit hat sein Werk, so lebensvoll umgreifend es ist, den Charakter einer Apologie. Bei Kempowski soweit klare Verhältnisse.

Anders bei Gauck. Eigentlich könnte man auch hier eine klare Linie erwarten: Im Sozialismus aufgewachsen, kritisch geworden, gemaßregelt, Akteur der Wende und der nachfolgenden  neuen Zeit. Doch es liegt wohl komplizierter. Bei Kempowski war der mutmaßliche Nichtfaschismus (bei einem gleichzeitigem Deutschnationalismus halbwegs guten Gewissens) eine (kindliche und jugendliche) Haltung unter faschistischen Verhältnissen. Für Gauck und sein Umfeld ab 1945 war der Nichtfaschismus aufgezwungene Lebensnotwendigkeit, der man sich haßerfüllt unterwarf. Genauer, die Eltern (und Onkel)  als aktive Mitträger des faschistischen Systems bis zum Schluß mußten sich unterwerfen, während Kind J. Gauck das unbeschriebene Blatt war, auf das aber ein eindeutiger Text geschrieben wurde. Welcher Text, das offenbart G. selbst, wenn er angibt, schon als Neunjähriger die DDR als Unrechtsregime betrachtet zu haben. Bevor die DDR existierte (!), bevor das Kind zu politischem Urteil fähig war (!) und bevor das persönliche Trauma der Verhaftung des Vaters eingetreten war (!), war Kind G. auf kompromißlosen Antikommunismus und auf DDR-Feindschaft fixiert. Ich glaube, hier ist der Punkt, wo der faschistische Einfluß sich maskiert, gleichsam im Untergrund verschwindet aber modifiziert weiterlebt. Natürlich macht solche Lebenssituation aus einem Neunjährigen keinen Faschisten. Das wäre eine alberne Vorstellung. Doch es ist zweifellos ein biografisch bedeutender Punkt, und wenn jemand Lust hätte, das Wirrwarr des Gauckschen Lebensweges weiter zu entschlüsseln, so müßte er die von diesem Punkt oder dieser Wegscheide ausgehenden Weiterungen gebührend berücksichtigen.

Dieses Posting ist lang genug. Von den frühen Wegmarken der erwähnten dritten Biografie ein andermal.

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3 Antworten zu Verworren oder einfach Biografie?

  1. Sepp Aigner schreibt:

    Ein sehr interessanter Text, vor allem zu Gauck. Das ist wahrscheinlich ein Ansatzpunkt, um ihn zu “verstehen” – seine prahlerische Unwahrhaftigkeit und seinen Hass..

    Über die “dritte Biographie” würde ich auch gern lesen.

  2. kranich05 schreibt:

    Den 9-Jährigen + 2 Jahre = 11-Jährigen trifft “das Verschwinden” des Vaters. Dieses Ereignis muß das Kind absolut überfordert haben. (Meine Mutter starb als ich 12 Jahre alt war.) Weiterwirkend (und wohl einziger Halt) Mutter und Onkel. In den jetzt folgenden 4, 5 Jahren wurde vermutlich für alle Zeit seine absolute Unfähigkeit gesetzt, sich mit seiner elterlichen Herkunft jemals kritisch zu konfrontieren. (Die 68-er Jugend hat bewiesen, das man das nachholen konnte.) Die dokumentierten psychischen Probleme während des Studiums sind möglicherweise Ausdruck einer Lebenskrise, die aus dem Beharren auf der, krass gesagt, postfaschistischen Prägung resultierte, während das Leben ringsumher weiterging und lockte.
    Lebenstüchtig (mit gewissen Einschränkungen) geworden dann in der kirchlichen Nische und Dank spezifischer Verdrängungsleistungen und Aggressionssublimierung.

  3. Pingback: Gefährliche Blähungen des ehemaligen obersten Unterlagenbehördenverwalters | opablog

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