Samojeden

Bis gestern waren die Samojeden für mich eine Inselgruppe vor Sibiriens Küste, wie es woanders die Azoren oder die Seychellen gibt. Daß dort das Volk der Samojeden lebt, konnte ich mir gut vorstellen und auch, daß sie „den Samojeden“, eine Hunderasse gezüchtet hatten. Im Unterschied zum Husky, so heißt es, würde der nur im Notfall eingesetzt die Schlitten zu ziehen und sei eigentlich mehr der Familien- und Kuschelhund.

Als ich nun wieder miterlebt habe, wie der Schnee unsere Eurasierin buchstäblich verrückt macht vor Begeisterung, wollte ich endlich etwas mehr über „Samojeden“ wissen, die ja zu den Ahnen der Eurasier gehören.

Google angeworfen und gleich die erste Überraschung: Samojedeninseln gibt es nicht. Wohl aber eine große Halbinsel in Russlands Norden, die auch als Samojeden-Halbinsel bezeichnet wird, obwohl der Name Jamal-Halbinsel geläufiger ist. Sie ist, grob gesagt, eine Art flacher Ausläufer des Uralgebirges in das Eismeer hinein. Ihre Fläche beträgt immerhin 115.000 qkm, also ziemlich genau ein Drittel der Fläche Deutschlands. Am 1.1. 2006 waren dort 15.653 Bewohner genmeldet, was aber nicht genau die Bevölkerungszahl sein muß, denn einige tausend Leute vom dort lebenden Volk der Nenzen („Menschen“, früher diskriminierend: „Samojeden“ = „Selbstesser“) leben noch immer als nomadische Rentierzüchter und Jäger. Sie können sich, je nachdem wo sie gerade Station machen, als Europäer und dann wieder als Asiaten fühlen (oder diese Einteilung als absolut künstlich empfinden). Viele andere arbeiten fleißig für Gazprom, damit Ruhrgas uns genügend Gas verkaufen kann, denn die dortigen Erdgaslagerstätten gehören zu den größten der Welt. Immer wieder staune ich, wie das Entfernteste mit dem Nächstliegenden zusammenhängt. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Gasheizung. Übrigens heißt der Hauptort dort Jar-Sal, und Google zeigt uns, wo er liegt. Aber einen Weg dorthin berechnen, das kann auch das fast allmächtige Google-Maps noch nicht.

FBB hat ja seine fotografische Liebe zu Kiruna entdeckt. Dort geht es bekanntlich nicht um Gas, sondern um Eisenerz, aber Rentierzüchter gibt dort auch. Wenn ich es richtig verstanden habe, leben die Samen nur noch halbnomadisch, teils leben sie von der Erzmine. Die Züge der Rentierherden sind aber beeindruckend, vielleicht kriege ich ja mal ein Foto, das der Sohn  gemacht hat, und das erscheint dann hier im Blog. Versprochen.

Doch die Samojeden-Halbinsel war nicht meine überraschendste Entdeckung. „Zwei Erzählungen aus dem Land der Samojeden“ spuckte Google aus. Das ist der Untertitel eines schmalen Bändchens. Sein Obertitel lautet: „Die Frauen Chalimankos“, Autor ist Iwan Menschikow, und es ist das Bändchen Nr. 590 der Insel-Bücherei. Verlegt wurde es 1955 im Insel-Verlag Leipzig und ist mit freundlicher Genehmigung des Verlages Volk und Welt, Berlin dem Band „Licht in der Tundra“, 1948, entnommen. Zwar ist meine geliebte Insel-Sammlung bei weitem nicht vollständig (zumal ich mit der brutalen Neuausrichtung der Insel-Bücherei zum bildungsbürgerlichen Luxusgut (einschließlich Verzehnfachung des Preises) ab 1990 die Sammelei beendet habe) aber Nr. 590 wartete ungelesen auf mich.

Die beiden Erzählungen Menschikows hab‘ ich heut Nacht in einem Zuge durchgelesen. Wann mögen sie geschrieben ein? Ende der dreißiger Jahre in der Sowjetunion? Literatur aus der Stalinzeit. Literatur vom Ende der Welt, Literatur aus indigenen Verhältnissen. Literatur keines Nobelpreisträgers. Literatur eines Autors, der wusste warum er schreiben musste und schreiben wollte.

Über Iwan Menschikow ist nicht leicht etwas zu erfahren. Aber wieder sind auf der Suche (natürlich wieder eine Google-Suche) unerwartete Entdeckungen zu machen. Über sie will ich jetzt nicht berichten. Der Autor heißt mit vollem Namen offensichtlich Iwan Nikolajewitsch Menschikow. Er lebte von 1914 bis 1943. In Deutschland findet sich manche Begräbnisstätte von Soldaten der Sowjetarmee. In Bockhorn konnte ein junger Iwan Menschikow identifiziert werden, wohl kaum unser Autor. Den Namen Menschikow gibt es im Russischen wie Sand am Meer. Für mich sieht es im Moment so aus: Er kam aus dem Unbekannten, hat gesprochen, hat geschrieben und ist nun wieder im Unbekannten.

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Eine Antwort zu Samojeden

  1. fbb schreibt:

    Mein lieber Herr,

    das Foto vom Zug der Rentiere habe ich leider selbst noch nicht bekommen aber gerne schicke ich dir bald ein paar visuelle Eindrücke zu dem Thema.

    LG
    Franz

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