DDR Februar 1990 – Wer ist der beste Kapitalist?

Keine Sorge, dies wird kein Historienblog. Dafür bleibt tageundjahre.de zuständig. Der folgende Brief an einen Freund scheint mir aber auch heute noch so lesenswert, daß ich ihn ausnahmsweise hier einstelle:

“Lieber Kurt!                                                                                              23.2.90

Dies ist weniger ein Brief, mehr ein Tagebuchblatt, das zur Selbstverständigung nötig geworden ist. Heute, denke ich, sind die Würfel gefallen. Das Schicksal der ZF war ja schon seit November, seit dem Abbruch des damaligen Lehrganges ungewiß. Aber davon ließ ich mich nicht nervös machen. Ich verstand, daß erstmal die neuen Ministerien gebildet werden mußten, bevor sich jemand zur ZF festlegen würde. (Für A. und R. freilich war diese Situation bereits beunruhigend genug, zumal sie von der Devise des Chefs N. angeheizt wurde: Jeder solle sich ruhig mal nach was anderem umschauen. A. hörte dann zum 15.1. auf, R. zum 15.2.) Anfang Januar schien es Klarheit zu geben. In einer dreitägigen Klausurtagung wurde über die weitere Arbeit aller Weiterbildungseinrichtungen des jetzigen Riesenministeriums Übereinstimmung erzielt. Weiterarbeiten ZF konzentriert sich auf Weiterbildung der Mitarbeiter des Ministeriums (in neuen, rationellen Formen). Ich bereitete drei Dreitageskurse für Ende Februar, Anfang März vor. Sicher erinnerst Du Dich an die Zuspitzung der Krisenstimmung im Januar. Jeden Tag empfing mich mein mutiger Chef mit der Frage: „Bist Du noch in der Partei? Sollte man nicht austreten?“ Selbst alleine auszutreten war er zu feige, da ich nicht schwankte. Dafür überraschte er mich Mitte/Ende Januar mit der Mitteilung, daß er wieder zum „Amt“ (ASMW) # Amt für Standardisierung, Meßwesen und Warenprüfung der DDR, von dem er zur ZF wegen der Ausreise seiner Tochter abgeschoben worden war. # zurückgehen werde, die Leitung der ZF abgeben werde (und mich als Leiter vorschlagen werde). Gesagt, getan, so bin ich seit 15.2. einziger Angestellter der ZF… (Aber nicht Leiter). N.s Abberufungsverfahren nahm Personalchef D. zum Anlaß, dem Minister die Auflösung der ZF vorzuschlagen. Sie habe sich faktisch schon selbst aufgelöst. Wir wandten uns gegen diesen Standpunkt und der Bildungschef des Ministeriums formulierte eine Konzeption für den Minister zur Weiterführung der Weiterbildungseinrichtungen, einschließlich der ZF. Ich war immer und bin der Überzeugung, daß eine kleine, speziell auf das Ministerium (ob nun dieses oder später ein anderes) zugeschnittene Weiterbildungseinrichtung sinnvoll ist und formulierte das in meinen Zuarbeiten für die o.g. Entscheidung auch aus.

Am Montag dieser Woche nun bestätigte der Minister eine Verfügung zur Weiterarbeit der Bildungseinrichtungen (einschließlich ZF). Sie ist recht knapp und allgemein gehalten. Heute nun, nach dieser Entscheidung gab ich nun recht schnell 1 1/2 der seit längerem von mir geplanten Dreitageskurse an die Hauptabteilungsleiter des Ministeriums als Angebot für Weiterbildung („Soziale Marktwirtschaft in der DDR“, Interesse und Bedürfnis der Mitarbeiter sind riesig). Heute nun war ich auf einer längeren Beratung beim Bildungschef des Ministeriums (Dr. W.) mit den Leitern der Bildungseinrichtungen. Ich war dabei, obwohl ich nicht der Leiter hier geworden bin. Und heute hatte ich nun den schon erwarteten frontalen Zusammenstoß mit Dr. W. (Ich wußte, daß er sich über meine Dreitageskurse – die Dozenten – negativ geäußert hatte. Als ich jetzt mein Angebot an die Abteilungen gab, hatte ich trotzdem nur einige kosmetische Änderungen am Programm gemacht, denn zu der getroffenen Themen- und Dozentenauswahl stehe ich natürlich (übrigens auch auf der Basis von Analysen, die ich speziell noch Anfang Januar gemacht hatte)) Heute nun lehnte er das vorgeschlagene Programm rundheraus ab; ist sein gutes Recht, aber mit welchen Begründungen!

Er nannte fünf Wissenschaftler in der DDR, die etwas von Marktwirtschaft verstehen. Mehr gebe es nicht. Wenn diese nicht zu gewinnen seien, sollte man lieber einen der Betriebsleiter gewinnen, der zu einem 6-Tage-Management–Kurs in Kiel gewesen sei und ihn eine Tag referieren lassen. Die von mir vorgeschlagenen kannte er nicht, bis auf Prof. Dr. Graichen, lehnte sie aber schon wegen der Institutionen ab, aus denen sie stammten (ZSW Rahnsdorf, Gewi-Akademie). Nach dem Motto: Von solchen nimmt kein Hund mehr ein Stückchen Brot. Das war der eigentlich gravierende Eindruck dieser Beratung: Genau dieselbe Position, wie sie jeder Dummkopf auf der Straße brüllt: Weg! Weg! Weg! Einer der anwesenden Direktoren (Schl. von Mylau) sprang Dr. W. bei und machte eine hämische Bemerkung über die Unfähigkeit des Prof. Dr. H-J Beyer. Dabei weiß ich von Schl. selbst, daß er sich bemüht hatte, Beyer nach Mylau zu kriegen (vor einem Jahr), was ihm nicht gelungen war.

Ein absolutes, völlig kritikloses Umschwenken auf alles, was Management heißt. Und keineswegs nur auf Management-Techniken, deren Wert unbestritten ist. Nein, gerade auf die „Philosophie der Marktwirtschaft“ (ein Lieblingswort), auf die ideologische Position des  – so scheint mir im Grunde – Kapitalisten der ursprünglichen Akkumulation. (Hämische Bemerkung am Rande über Betriebsräte: „Da mußt du aufpassen, den kannst du nicht kündigen.“) Ich hatte auch eine Vortrag eines Vertreters des DGB Westberlin arrangiert: „Erfahrungen und Ziele des DGB bei der Mitbestimmung der Arbeitnehmer in der BRD-Marktwirtschaft“. Auch so etwas ist fehl am Platze! Nun möchten diese Funktionäre (das sind sie geblieben) und Ex-SED-Genossen den Kapitalisten am liebsten rechts überholen.

Am Rande gesagt: Auch keinerlei Verständnis dafür, daß die Weiterbildung für den Staatsapparat wesentlich andere Akzente setzen muß als die Weiterbildung für den Unternehmer.

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Ich hatte doch tatsächlich gehofft, daß es einen sozusagen schweigenden Konsens (auch so’n Modewort) geben könnte, daß wir unser bißchen DDR so teuer wie möglich verkaufen, daß wir doch um den Wert einiger Dinge wissen, auch unser Herz daran gehängt haben und Wege finden würden, gemeinsam und zäh, manches davon hinüber zu retten.

Aber die Liquidierer in den eigenen Reihen sind die schlimmsten. Aber gerade dieses „in den eigenen Reihen“ erweist sich als eine groteske Illusion, pure Romantik. Wir hatten schon längst keine geschlossenen Reihen mehr, hatten sie nie gehabt. Man denke auch, wie sich Krenz an „Bild“ verkauft (oder Schalck oder Biemann, von Zeiss der).

Na gut, zum früheren Regime habe ich mich mit Kritik und Kompromissen arrangiert, auch weil ich glaubte, die Grundlinie stimmt. Jetzt, vor die Frage gestellt, wieder Kompromisse und Verrenkungen zu machen („Selbstkrummschließer“ zu sein, wie Jean Paul sagt), kann es nur „Nein“ geben. Nicht nur, weil man auch mal ‚was lernen darf, auch deshalb, weil den neuen Heilslehren die Dämlichkeit allzu sehr aus dem Knopfloch guckt. („Aber es funktioniert.“)

Trotz meines vielen Schreibens hier (zur Vorgeschichte), bin ich mir nicht sicher, ob das Problem richtig dargestellt. Schließlich war ich immer stolz darauf, Dozenten bei ZF gehabt zu haben, die nicht nur mal ein Wort und nicht nur mal einen Satz mehr zu sagen wagten als opportun war. Aber das ist diese Bande, von denen (von einem) ich kurz vor der Wende hörte: „Wenn Du das machst, bist Du fällig!“ Jetzt erklären sie dir wieder, daß du gar nichts kapiert hast.

Schwamm drüber!

Schwamm über das ganze Kapitel ZF!

Ab in die Nische; der Kiosk für Zeitungen und Ansichtskarten winkt.

 

Wenn ich an Dich denke, fällt mir  -komisch – zuerst immer Euer Rügen-Haus ein. Grad heute, in den wirren Zeiten, ist es traurig, wenn solche geliebte Nische verlorengeht. Ich hoffe für Euch.

Viele Grüße…“

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Eine Antwort zu DDR Februar 1990 – Wer ist der beste Kapitalist?

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