Korruption im Realsozialismus – Sonderversorgungssysteme

Es ist keine Pflichtübung, wenn ich – von Korruption im Realsozialismus schreibend – zunächst die vielen Kommunisten erwähne, die es mit ihrer Moral ernst nahmen, die treu und unbestechlich waren. Es gab sie, viele (und manche auch in einflussreicher Position), und jeder, der mit offenen Augen und offenem Herzen in der DDR lebte, konnte sie kennen lernen. Und es gab die sehr vielen anderen, brave Bürger ihres Staates, der nun mal ein (real)sozialistischer war; keine Helden, aber solide Arbeiterinnen und Arbeiter im Weinberg, wie sie in aller Welt ihrem Tagwerk nachgehen. Sie alle gab es, und unter ihnen war alles in allem gut zu leben.

Die systematische Korruption, also die Korruption als Systemkomponente, war geknüpft an einen Begriff wie „Sonderversorgungssysteme“, ein Wort, das sich irgendwie verschämt an das Respekt heischende „Nomenklaturkader“ anschloß (im russischen mit etwas erweiterter Bedeutung: „Nomenklatura“). Ich bin kein sonderlich kompetenter Zeuge dieser Verhältnisse. Selbst gehörte ich nicht zum Kreis der Begünstigten. Aber ich war nahe daran und hätte wohl manche Einzelheit solide recherchieren können. Doch es widerte mich an, und ändern konnte man eh nichts, so entschloss ich mich lieber, die Augen davor zu verschließen.

(Nicht genug geliebt. Nicht genug gehasst. Was war  mein Wirklichgewolltes?)

Die „Sonderversorgung“ bezog sich auf Güter, teils auf knappe, teils auf solche, die als Luxus galten, auf Dienstleistungen aller Art, auf Informationen, auf kulturelle Werte, auf Reisen, auf Würdigungen und vieles mehr.

Das System war fein abgestuft. Manchmal habe ich mich gewundert, wie gering die Vorzüge auf den unteren Ebenen der Begünstigung waren. Mitarbeiter von Industrieministerien z. B. – immerhin politische Mitarbeiter des zentralen Staatsapparats – hatte so gut wie keine Privilegien. Die Lebensmittelverkaufsstelle im „Haus der Ministerien“ führte weniger „Zuckerware“ als jeder beliebige Laden eines Großbetriebs. Nix Bananen. Die Abteilungsleiter, die Ministerstellvertreter kauften woanders.

In der Kantine des „Zentralinstituts für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK der SED“ in Berlin-Rahnsdorf konnte man als einfacher Mitarbeiter oder Gast immerhin Radeberger Exportbier kaufen. Als nicht nur einfacher Mitarbeiter, sondern „führender Genosse“  hatte man auch Zugriff auf Räucheraal. Es gab auch noch (mit leichtem Augenzwinkern) „führendste Genossen“.  Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen.

Es gab offensichtliche und berechtigte Sonderversorgungen. In den Anfangsjahren z. B. bessere Lebensmittelkarten für diejenigen, die aus den faschistischen Gefängnissen und KZ gekommen waren, bessere Versorgung für Bergleute, Vergünstigungen für überragende Künstler usw. Also Sonderversorgungen, die durchaus dem Leistungsprinzip untergeordnet waren.

Die meisten Sonderversorgungen aber waren vom Geheimnis umgeben. Sie existierten in einer Grau- oder Dunkelzone, die „die Partei“ Kraft ihrer unbegrenzten Macht eingerichtet hatte und betrieb und von jeder Art kritischer Fragen abschirmte, etwa so: Der Angriff des Klassenfeinds richtet sich immer zuerst gegen die Führer!

Wie gesagt, ich bin kein sachkundiger Zeuge. Meine Beispiele sind zufällig und banal. Aber mir ist keine empirisch-systematische, umfassende Darstellung des realsozialistischen Privilegiensystems bekannt. Diesen Mangel halte ich für gravierend. Und interessant dazu.

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