Unzeitgemäße Betrachtungen – Revolution

“Revolution” war lange Zeit das Unwort schlechthin. Es war schier in die Nichtexistenz gedrängt. Das hat sich geändert. Die Gegner der Revolution haben seit geraumer Zeit das Wort hervor gezogen, gewaschen, gebügelt, poppig angestrichen, nun ist es überall in die Palaver zurückgekehrt.

Das kann man vom Begriff “Revolution” nicht behaupten. Im Zentrum dieses Begriffs steht die politische Macht des Staats und die ökonomische Macht des Privateigentums. Das Genie der bis heute größten Revolution war Lenin. Seine Neuentdeckung steht noch aus.

Von einer revolutionären Situation sprach Lenin, “wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen”. Heute ist zumindest auffällig, daß die oben mit ihrem bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaat nicht mehr gut können. Das schmälert freilich nicht ihre Macht, “noch ganz anders” zu können. Noch bemerkenswerter ist, daß die unten unbedingt weiterhin wollen. (Ich rede nicht von Griechenland.) Fast zu jeder Verrenkung sind sie bereit, Hauptsache, es geht weiter wie bisher.

Doch die Lage ist fragil. In wenigen Monaten kann viel geschehen; man darf sich eine Situation ausmalen, in der die unten nicht mehr wollen, die oben aber inzwischen sehr wohl (ganz anders) können.

Denken wir hundert Jahre zurück: Von 1907 bis etwa 1912 erlebte Rußland (und nicht nur Rußland) Lähmung und Depression der revolutionären Bewegung. Danach (etwa 1912 bis 1916) faßten einige Mut und fingen an mit frechen Aktivitäten, die Massen aber wollten beim alten bleiben. Der Blutzoll der Brussilow-Offensive erst brachte das Faß zum Überlaufen (1916/17). Wenn wir bedenken, was dann geschah, sollten wir keinesfalls einen gravierenden Unterschied zu heute vergessen: Die Herrschenden selbst mit ihrem Weltkrieg hatte Massen von Menschen (die jetzt revolutionär gesinnt waren) mit Waffen ausgerüstet.

Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Vergleiche mit der Vergangenheit hinken immer. Bei Revolution denkt man immer an Dramatik, ja Theatralik. Vielleicht aber werden tausend Tippel-Tappel-Schritte des Alltags am wichtigsten sein. Doch wie soll man sich das genau vorstellen?

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